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Donnerstag, 11.10.2018

Viel unterwegs und überall fremd

Der Medienkünstler Minh Duc Nguyen pendelt zwischen Dresden und Brüssel. Eine Arbeit von ihm ist jetzt beim Festival Cynetart zu sehen.

Von Uwe Salzbrenner

Lehrer und Künstler: Minh Duc Nguyen präsentiert zum Festival Cynetart seine Installation „Halo-sphere“.
Lehrer und Künstler: Minh Duc Nguyen präsentiert zum Festival Cynetart seine Installation „Halo-sphere“.

© Robert Michael

Nein, einen Computer braucht Minh Duc Nguyen nicht für die „Halosphere“, die er zur diesjährigen Cynetart zeigen wird. Nur zwei Rechtecke aus zerknittertem, stark reflektierendem Stoff, ein paar Stirnlampen, eventuell den Blitz aus den Smartphones der Besucher. Die Bilder, abstrakte Landschaften aus Kniffen, werden so der Dunkelheit entrissen. Wer mit der Lampe davorsteht, sieht sie, die anderen sehen nichts. „Das Licht ist das Medium“, erklärt Nguyen, als wir mit ihm in einem Café der Dresdner Neustadt sitzen. Ursprünglich hat er ein paar kleine Motoren benutzen wollen, aber jetzt ist es gut so. Es geht ihm ohnehin um Situationen für spezielle Erfahrungen, um Dinge, die man nicht anfassen, womöglich nicht begreifen kann. Um Gleichnisse aus der analogen Welt für Algorithmen.

Überall die Ausnahme

Bei „Halo-sphere“ ist der Sehvorgang gemeint. Das abstrakte Bild dagegen entspricht der Abstraktheit des Computers. Es weist auf ein Werkzeug hin, das uns hilft, ein Werk herzustellen und unsere Arbeit zu erledigen. Damit liegt der 25-Jährige genau im Trend, den das internationale Medienkunstfestival seit zwei Jahren setzt: Angesichts der technischen Überlegenheit von Kino und Computerspiel will auch die 22. Cynetart jenseits der Computerkunst ein paar Sachen vorstellen, die für Leute interessant sein können, die täglich mit Computern umgehen. Das sind in Sachsen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung.

Minh Duc Nguyen ist oft und nahezu überall die Ausnahme. Er wurde in der Nachwendezeit als Sohn ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter in Dresden geboren. Er hat hier die Schule besucht, an der Technischen Universität Mathematik für das Lehramt studiert. Parallel zur Schule nimmt er Zusatzstunden in Deutsch, lässt sich in Informatik ausbilden. Später bastelt er seltsame Objekte, baut Lichtinstallationen für Freiluftpartys, macht Musik. Man darf sich fragen, was versucht der junge Mann eigentlich nicht? Er übt Breakdance, bis er darin an der Uni Unterricht geben kann. Er arbeitet eine Zeit mit dem Choreografen Bronislav Roznos, an einem integrativen Tanztheaterstück, das 2015 im Deutschen Hygiene-Museum gezeigt wird.

Im gleichen Jahr unterbricht Nguyen sein Studium, geht für ein Jahr nach Brüssel, in die Metropole, die seiner binationalen Herkunft und seinen Interessen am besten entspricht: Drei Viertel der Einwohner Brüssels sind Ausländer oder haben einen Migrationshintergrund. Und dort gibt es Laboratorien, die alle Bereiche der Kunst verbinden. Nguyens Schaffen geht von der Mathematik aus: Er stellt soziale Netzwerke algorithmisch dar, entwirft Software, um live Musik zu komponieren. Hat er alles auf der Webseite und gut kommentiert. Er arbeitet als Produktionsassistent am „Workspacebrussels“, einer Plattform, in der Theater und Tanzcompagnien freien Künstlern Schaffensmöglichkeiten bieten. Eins dieser Projekte führt ihn 2017 ins Umfeld der Biennale von Venedig.

Zwei Jahre pendelt Nguyen zwischen Dresden und Brüssel. Nebenher gibt er im Eigenverlag Bücher heraus: über vietnamesische Küche, gemeinsam mit seinen Eltern. Über das Leben in Brüssel, gemeinsam mit einer Fotografin. Über das Trampen. Er ist per Anhalter durch den Balkan nach Griechenland gereist. In diesem Zusammenhang werden Lebensthemen nochmals offenbar: überall fremd zu sein, jeder Person Respekt zu erweisen. „Ich lebe viel draußen“ bedeutet: anderen im Vertrauen ausgesetzt. „Ich setze mich für andere ein, ohne was dafür zu verlangen“, dieser Satz verneint nur das Materielle. Minh Duc Nguyen schätzt Menschen, die sich Zeit für ihn nehmen. Zum Glück befragt, erwähnt er den Schriftsteller Albert Camus und hält in dessen Sinne den Wunsch bereits für den Glücksfall, das Widerstreben gegen die Misere. In diesem Sommer hat Nguyen das Lehramtsstudium abgeschlossen. Hier sieht er eine Aufgabe für sich in der Gesellschaft. Bildung ist wichtig, Kultur ebenso. Er würde gern Lehrer und Künstler sein.

Halb organisch, halb technisch

Natürlich dürfen wir bei so viel Freundlichkeit und Einsicht darauf bauen, dass er Arbeiten von zur Cynetart 2018 eingeladenen Kollegen kommentiert. Zum Beispiel André und Michel Decosterd aus der Schweiz, die unter „cod.act“ firmieren und bereits vor acht Jahren hier einen Preis gewonnen haben. Nguyen identifiziert in der online gebotenen Skizze die vier Motoren, die den mächtigen Gummischlauch vom Ring zum Knäuel verbiegen. Das Wichtige bei dieser Arbeit ist freilich der Klang, der aus vier Lautsprechern auf das halb organische, halb technische Geschöpf herabsingt. Bei der Videoinstallation des Stuttgarters Fabian Kühfuß ist das schwieriger. Was sieht man? Einen Mini-Roboter oder ein Computerspiel? Es ist ein Roboter, der fürs Spiel die Tasten drückt. Nguyen findet sofort eine Frage interessant: Merkt die Software, dass ihr kein Mensch gegenübersteht, sondern ein weiterer Computer? Und bei Wang Yefengs Video, dem animierten Traum des in die USA eingewanderten Chinesen, berührt wiederum das Fremdsein: Da schweben Hühnerfüße durchs Bild, Rotes gluckert aus Gefäßen. Das Ganze hat etwas surreal Fernöstliches an sich. In solche Sehnsucht kann sich Nguyen gut einfühlen.

Das Festival Cynetart findet vom 11. bis 14. Oktober in Dresden statt, vor allem im Festspielhaus Hellerau. www.cynetart.org

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