• Einstellungen
Dienstag, 03.04.2018

Unbekannte Verwandte

Schwerins Top-Angreiferin Louisa Lippmann hat sächsische Wurzeln und trifft im Halbfinale auf ihren Ex-Verein Dresdner SC.

Von Michaela Widder

Sie ist eine starke Frau – nicht nur im Kraftraum. Louisa Lippmann schafft locker einarmige Klimmzüge, aber die starke Physis ist nicht ihr einziger Vorteil.
Sie ist eine starke Frau – nicht nur im Kraftraum. Louisa Lippmann schafft locker einarmige Klimmzüge, aber die starke Physis ist nicht ihr einziger Vorteil.

© Jens Scholz

Es gibt jemanden in Dresden, der verfolgt die Entwicklung von Louisa Lippmann ganz besonders. Ein Edelfan sozusagen, der sogar verwandt ist mit der Volleyballerin des Jahres: Sie ist nämlich die Urgroßcousine von Hans-Jörg Lippmann. Von ihren sächsischen Wurzeln wusste die gebürtige Ostwestfälin lange selbst nichts. Eines Tages – die Diagonalangreiferin spielte damals beim DSC – stand nach einer Partie ein Mann neben Louisa Lippmann und zeigte ihr ein Familienfoto.

„Auf dem Bild waren mein Bruder, mein mittlerweile verstorbener Opa und ich. Da war ich ziemlich überrascht.“ Der Namensvetter aus Radebeul klärte schnell auf: „Louisas Großvater ist der Cousin meines Vaters, und ihr Urgroßvater ist der Bruder meines Großvaters.“ Urgroßvater Paul sei in Skaup bei Großenhain geboren worden, erzählt er weiter, und Großvater Sigbert habe nach 1945 das Gymnasium in Radebeul besucht.

Woher der 75-Jährige das alles so genau weiß? Er interessiert sich für Ahnenforschung und hat die Ahnentafel der Familie ab 1575 erstellt. Dass nun eine der talentiertesten deutschen Volleyballerinnen eine Lippmann ist, freut den Stammzuschauer bei DSC-Spielen. Auch das erste Halbfinale zwischen Schwerin und Dresden verfolgt er an diesem Dienstag ab 18 Uhr im Block E der Margonarena. Am Samstag sitzt er dann im Fanbus nach Schwerin, wo seine entfernte Verwandte seit 2016 spielt. Der Wechsel ausgerechnet zum Rivalen nach Norden ging damals nicht ganz ohne Nebengeräusche über die Bühne, weil der Klub sie eigentlich gern behalten hätte, und vor allem, weil in diese Richtung auf der Ostroute bisher noch keine Volleyballerin gegangen war.

Doch für Lippmann war es der richtige Schritt, wie sie betont, ohne zu vergessen, wie wichtig die zwei Jahre in Dresden für sie waren. In Schwerin reifte sie zur Leistungsträgerin und ist auch ein Hoffnungsträger in der jungen Nationalmannschaft.

Außergewöhnliche Physis

Dabei begann sie als Quereinsteigerin erst mit 15 ernsthaft mit Volleyball. Sie profitiert von einer außergewöhnlichen Physis. Und Trainer Felix Koslowski, der auch die Frauen-Auswahl betreut, schwärmt von ihrem Ehrgeiz. Sie sei morgens die Erste, die in der Halle steht, und am Abend am liebsten die Letzte, die rausgeht. „Man muss Louisa im Training eher bremsen, dass ihr Kopf nicht manchmal ihren Körper kaputt macht“, meinte er kürzlich in einem Fernsehinterview. „Mir geht es mit meinen Fortschritten manchmal einfach nicht schnell genug. Aber mit den Frustmomenten kann Felix gut umgehen“, sagt Lippmann – und lacht.

Dabei ist ihr Aufstieg rasant. Das Volleyball-Magazin titelte in seiner November-Ausgabe: „Deutschlands neuer Star.“ So sieht sie sich selbst nicht, und auch Vergleiche mit Angelina Grün oder Maggi Kozuch, die einst die Gesichter der Nationalmannschaft waren, findet sie „ganz schön groß“. Doch längst sind zahlungskräftige Klubs aus dem Ausland auf die 1,90 Meter große Angreiferin aufmerksam geworden.

Seit Jahresanfang hat die 23-Jährige erste persönliche Sponsoren. In einer Mannschaftssportart ist das ungewöhnlich. Der Sportartikelhersteller Asics hat sie zu seinem europaweiten Werbegesicht im Hallensport gemacht. Für einen Videoclip einer neuen Kampagne flog sie kürzlich nach London. Darüber reden darf sie noch nicht. Und auch für die Internetbank Comdirect ist sie nun Markenbotschafterin. „Das sind Dinge, die auf einmal total schnell kommen.“ Klar sei sie stolz und darüber auch glücklich. „Doch für mich ist mein Sport am wichtigsten. Das hat Priorität.“

Bewusst verdrängt sie das Thema, wie es nach der Saison weitergeht. Das sei eine große Frage, gibt sie zu, und darum verschiebe sie die Antwort auf nach dem letzten Ballwechsel. Das sei auch mit ihrem Spielerberater Theo Hofland so besprochen „Ansonsten würde es mir zu viel Energie rauben, die ich für die Play-offs brauche.“ Ihr Vertrag in Schwerin läuft aus. Doch das muss nicht unbedingt heißen, dass Lippmann den Klub verlässt und ins Ausland wechselt. Sie fühlt sich wohl in Schwerin, schwärmt von einem super Umfeld. Lippmann wohnt zusammen mit ihrem Freund, dem ehemaligen Handballer Hannes Lindt, den sie damals beim HC Elbflorenz in Dresden kennengelernt hat.

In die Stadt kommt sie übrigens immer wieder gern. „Ich war super überrascht, wie warmherzig ich im Dezember in Dresden empfangen worden bin.“ DSC gegen Schwerin – „das sind besondere Spiele vor einer besonderen Kulisse“. Natürlich sei es etwas Spezielles gegen seine ehemaligen Klubs zu spielen – im Viertelfinale war das Münster und nun im Halbfinale Dresden.

Lippmann rechnet am Dienstag mit einer Begegnung „auf sehr hohem Niveau, fast schon wie ein Finale“. Die bislang letzte Begegnung in Schwerin gewann der amtierende Meister, aber die zwei Partien zuvor – das Pokal-Halbfinale sowie das Ligaspiel in Dresden – entschied jeweils der DSC für sich. Der Druck liegt eher bei den Schwerinerinnen, die in dieser Saison bislang nur den bedeutungslosen Supercup im Oktober gewannen. Dresden feierte schon den Pokalsieg in Mannheim. „Wir wollen unbedingt ins Finale“, sagt Lippmann. Doch die Dresdnerinnen sind derzeit wieder in der Form, das zu verhindern. Sie haben selbst noch Großes vor.

TV-Tipp: Sport1 überträgt das Spiel ab 18 Uhr live.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.