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Donnerstag, 17.05.2018

Umbenennung der Reichsbahnstraße?

Von Uwe Schulz

Hoyerswerda. Der Jugendstadtrat hat auf seiner Sitzung am Montag seinen ersten Antrag an den Hoyerswerdaer Stadtrat beschlossen. Dabei geht es konkret um die Umbenennung der Reichsbahnstraße in der Altstadt. Hintergrund für das Ansinnen ist die unmittelbare Nachbarschaft der Straßenbezeichnungen Geschwister-Scholl-Straße und Anne-Frank-Weg. Die Geschwister Sophie und Hans Scholl sind aufgrund ihres aktiven Widerstandes gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten und ihrer Hinrichtung 1943 in die Geschichte eingegangen. Die Geschichte des Mädchens Annelies Marie „Anne“ Frank, ihr Tagebuch erlangte weltweite Bekanntheit, steht bis heute als Symbol für die Verfolgung der Juden im Dritten Reich.

Nun wird denen, die so alt sind, dass sie sich an die DDR-Zeit aktiv erinnern, die Deutsche Reichsbahn als Staatsbahn der Deutschen Demokratischen Republik in Erinnerung sein, also ohne Bezug zur NS-Zeit. Als Deutsche Reichsbahn existierte das Bahnunternehmen aber bereits seit 1924 und absolvierte in der NS-Zeit auch Häftlingstransporte in die Konzentrationslager. Die Scholl-Geschwister sind zwar nie per Reichsbahn in ein KZ gebracht worden, sondern wurden in München enthauptet. Bei Anne Frank hingegen, die zwar aufgrund ihres Alters nicht ermordet wurde, aber nach dem Verrat der Familie in Amsterdam per Bahn deportiert wurde und schließlich Anfang 1945 einer Krankheit, vermutlich Fleckfieber, im KZ Bergen-Belsen erlag, ist der direkte Zusammenhang zur Deutschen Reichsbahn gegeben.

Die unmittelbare Nachbarschaft der Straßennamen empfinden die Jugendstadtratsmitglieder jedenfalls vor diesem geschichtlichen Hintergrund als sehr unglücklich. Sie schlagen daher vor, die Reichsbahnstraße in Bahnstraße umzubenennen. Eine Alternative wäre aus ihrer Sicht eine Umbenennung mit dem Namen eines weiteren NS-Gegners.

„Helmut-Kohl-Straße“ wäre auch eine Möglichkeit, aber die Jugendstadtratsmitglieder, so wirkte es zumindest auf den Beobachter der Sitzung, sind von dieser Möglichkeit selbst nicht sehr überzeugt. Man würde damit offenbar eher einem gewissen Zeitgeist folgen.

Jetzt muss der Antrag in den Rat eingebracht werden. Ob sich dort eine Mehrheit für das Ansinnen findet, bleibt abzuwarten. Immerhin ist ja beispielsweise der Anne-Frank-Weg erst vor wenigen Jahren geschaffen und mit einem Namen versehen worden, unter anderem wegen der Nähe zur Geschwister-Scholl-Straße. Die geschichtlichen Zusammenhänge zur Reichsbahn hatte bei den Straßenbenennungen bislang jedenfalls keine Rolle gespielt. (US)