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Samstag, 10.11.2018

Überfordert vom Leben

Schulabbruch, Drogensucht, Alkohol – das Jugendamt muss immer mehr Familien in Wohngruppen unterbringen.

Von Julia Vollmer

Bereichsleiterin Jenny Beer kümmert sich in der Wohngruppe um die jungen Familien. Die Kinder sollen hier behütet aufwachsen.
Bereichsleiterin Jenny Beer kümmert sich in der Wohngruppe um die jungen Familien. Die Kinder sollen hier behütet aufwachsen.

© Christian Juppe

Etwas Kleines, Eigenes, das einem niemand mehr wegnehmen kann. Als Maria mit 16 Jahren das erste Mal schwanger wurde, war das eine ganz bewusste Entscheidung. Von ihrer eigenen Mutter erfuhr sie kaum Zuneigung, ein offenes Ohr für ihre Probleme fehlte. Mit dem Stiefvater gab es nur Zoff. Als sie dann ihren ersten Freund kennenlernte, sehnte sie sich nach Liebe und Geborgenheit und wurde prompt schwanger. Nach einem Jahr war die Beziehung vorbei und Maria bald darauf von ihrem neuen Freund schwanger. Doch die junge Frau fühlte sich überfordert, ging immer öfter feiern – und ließ ihre zwei kleinen Kinder allein zu Hause. Eine Nachbarin bekam das mit und alarmierte das Jugendamt. Das Amt bot Maria Hilfe an und vermittelte einen Platz in einer Mutter-Kind-Wohngruppe.

So oder so ähnlich lauten die Lebensgeschichten von den jungen Frauen und Männern, die Jenny Beer und ihr Team in der neuen Wohngruppe des Sächsischen Umschulungs- und Fortbildungswerks (SUFW Dresden) in Cotta betreuen. Vier Plätze für Mütter oder Väter mit insgesamt maximal fünf Kindern gibt es derzeit. Bis die Kinder sechs Jahre alt sind, können sie in der Wohngruppe leben.

Der Bedarf für diese Hilfe ist groß. Die Zahl der Fälle von Müttern oder Vätern mit Kindern, die in den Eltern-Kind-Wohngruppen untergebracht werden müssen, steigt. Waren es laut Stadt im Jahr 2010 noch 27 Fälle, sind es aktuell 43. Stadt und freie Träger reagieren auf die wachsende Nachfrage. 2018 gibt es 20 Einrichtungen mit insgesamt 74 Plätzen, 2010 waren es noch zwölf mit insgesamt 37 Plätzen.

Auch die Ausgaben der Stadt für die Hilfe für die Familien sind gestiegen. Waren es 2010 noch rund 1,9 Millionen, gab die Verwaltung 2017 rund 3,6 Millionen aus.

Die Mütter und Väter, die in die Wohngruppen vermittelt werden, sind laut Jugendamt im Durchschnitt 23,5 Jahre alt. Das Jugendamt will mit diesen Wohngruppen die Eigenständigkeit der jungen Eltern fördern, sie sollen sich um ihr Kind kümmern und trotzdem eine Schule oder Ausbildung besuchen können. Darauf setzen auch Jenny Beer und ihre Kollegen. Während die Mütter oder Väter einer Ausbildung nachgehen oder sich im SUFW in der Holzwerkstatt oder Hauswirtschaft weiterbilden können, sind die Kinder in der Kita und die Babys werden betreut.

Was sind die Gründe, warum Eltern auf die Hilfe in solchen Wohngruppen angewiesen sind? „Die meisten jungen Mütter sind einfach mit dem Alltag und der Fürsorge für das Kind überfordert“, so Beer. Einfache Dinge wie früh aufstehen, Essen kochen oder eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, können zum Problem werden. Oft haben die Frauen in ihrer eigenen Kindheit zu wenig Liebe und Zuwendung erfahren, die Abläufe selbst nicht gelernt. Manche haben eine lange Heim- oder Pflegeeltern-Karriere hinter sich. Aber auch Drogen und Alkohol sind Probleme für die Jugendlichen. Viele haben keinen Schulabschluss. „Unser Ziel ist es, dass die Kinder bei ihren Eltern bleiben dürfen und wir die kleine Familie irgendwann in die Selbstständigkeit entlassen können“, so Beer.

„Wir setzen auf Vertrauen und auf Kontakt auf Augenhöhe. Statt den Müttern Vorschriften zu machen, finden wir gemeinsam Lösungen“, so Beer. Einer aus dem Team der Sozialpädagogen ist immer da, 24 Stunden am Tag sind die Mütter betreut. Jede kleine Familie hat ein eigenes Zimmer, Küche und Bad teilen sie sich mit einer zweiten Mutter.

Neben der Einrichtung des SUFW in Cotta bieten auch andere freie Träger diese Wohngruppen an. Unter anderem Malwina, das Trägerwerk Sachsen, das Kinderland und die Caritas. Die Mutter/Vater-Kind Wohngruppe richtet sich an Schwangere ab 14 Jahren, die mit ihren Kindern bis zum sechsten Lebensjahr dort wohnen können. Die Mitarbeiter wollen die Beziehung zwischen den jungen Eltern und dem Kind wieder stabilieren. Das Durchhaltevermögen der Mütter und Väter, sich mit dem Alltag zwischen Schule und Nachwuchs auseinanderzusetzen, soll geübt werden und gemeinsam mit den Betreuern werden Erziehungsfragen besprochen.

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