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Donnerstag, 11.01.2018

Tütensteuer auf italienisch

Tütchen für Obst und Gemüse kosten in Italien ab sofort ein bis drei Cent. Gleichzeitig wird das Prägen kleiner Münzen eingestellt.

Von Almut Siefert, SZ-Korrespondentin in Rom

Obst und Gemüse von diesem Markt in Venedig kommt ab sofort in die biologisch abbaubare Tüte.
Obst und Gemüse von diesem Markt in Venedig kommt ab sofort in die biologisch abbaubare Tüte.

© dpa

Rom. Das neue Jahr bringt nicht nur Enthusiasmus, Tatendrang und gute Vorsätze mit sich, sondern auch neue Kosten: In Italien sind zum Jahresbeginn die Preise für Gas und Strom gestiegen und auch die Autobahngebühren wurden erhöht. Doch worüber das ganze Land derzeit heftig diskutiert, ist viel greifbarer: ein hauchdünnes Tütchen aus Bioplastik.

Dabei hat Italien nur eine EU-Richtlinie umgesetzt und eine gesetzliche Regelung geschaffen, die den Plastikmüll reduzieren soll. Loses Obst und Gemüse muss seit Anfang dieses Jahres in dafür bereitstehende biologisch abbaubare Tütchen verpackt werden. Anders als ihre umweltschädlichen Vorgänger sind diese nicht nur noch dünner und noch schwerer zu öffnen, sie kosten auch noch etwas: zwischen einem und drei Cent.

Gegenwind kommt sofort aus dem rechten Parteienlager, schließlich befindet sich das Land im Wahlkampf, am 4. März wird gewählt. Der Chef der Lega Nord, Matteo Salvini, poltert: „Fehlt nur noch, dass der Partito Democratico die Luft zum Atmen besteuert.“ Und die Vorsitzende der Fratelli d’Italia Giorgia Meloni greift die Polemik auf, die Regierung habe eine Bekannte von Ex-Ministerpräsident Matteo Renzi etwas zuschustern wollen: Catia Bastoli leitet die Firma Novamont, die den Rohstoff für die Biowunder herstellt. „Ich will gar nicht glauben, dass das wahr ist?“ so Meloni. „Es gibt mehr als 150 Firmen, die diese Tüten herstellen“, wehrt sich Renzi und weist gleich auf den Kampf seiner Partei gegen Fake News hin.

In der Diskussion bisher nicht bedacht wird der Aspekt, dass Italien ebenfalls zum 1. Januar das Prägen von 1- und 2-Cent-Münzen eingestellt hat. Beträge, die bar gezahlt werden, werden künftig auf den nächsten 5er-Wert aufgerundet. Somit steigt die „Tütensteuer“ unbemerkt um bis zu 100 Prozent.

139 Mal geht der durchschnittliche Italiener im Supermarkt einkaufen, rechnet die Zeitung La Repubblica vor. Jede Familie müsse pro Jahr nun zwischen 4,17 Euro und 12,51 Euro zusätzlich für die Biotüten ausgeben. Bis zu zehn Milliarden Tüten wurden in Italien pro Jahr bisher für das Verpacken von Obst und Gemüse verbraucht. Mit der gesetzlichen Maßnahme werden das wohl künftig noch mehr statt weniger. Denn der Dumme ist nun derjenige, der sich bisher schon nichts aus den dünnen Tütchen gemacht und sein Wiege-Etikett einfach direkt auf die Orange, Banane oder Gurke geklebt hat. Die neue zwei-Cent-Tütenzulage wird nun aber pro Etikett automatisch an der Kasse verbucht.

Manch einer sieht es aber schlicht praktisch: Schließlich kosten die Beutel für den Biomüll, die es in der Hauswarenabteilung gibt, umgerechnet rund 15 Cent pro Stück. Schon sind die Ladendetektive angehalten darauf zu achten, dass nicht mehr Tüten als benötigt in den Einkaufswagen wandern.

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