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Montag, 28.05.2018

Trommeln für Großenhain

Die Stadt überzeugt die Elite des deutschen Skatersports. Experten halten sogar Rennen im Europacup für denkbar.

Von Thomas Riemer

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Stimmungsvoller Auftakt der Deutschen Meisterschaft der Speedskater am Sonnabend: Die Zabeltitzer Hauptpunkt-Trommler begrüßten die rund 240 Aktiven aus 39 Vereinen in Großenhain. Damit begannen Titelkämpfe, die auch nach Meinung von Experten für Maßstäbe sorgten.
Stimmungsvoller Auftakt der Deutschen Meisterschaft der Speedskater am Sonnabend: Die Zabeltitzer Hauptpunkt-Trommler begrüßten die rund 240 Aktiven aus 39 Vereinen in Großenhain. Damit begannen Titelkämpfe, die auch nach Meinung von Experten für Maßstäbe sorgten.

© Gert Enger

Claudia Pechstein reiste am Sonntag extra zu einer Autogrammstunde an. Sophia, A-Schüler-Starterin vom SC DHfK Leipzig, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen.
Claudia Pechstein reiste am Sonntag extra zu einer Autogrammstunde an. Sophia, A-Schüler-Starterin vom SC DHfK Leipzig, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen.

© Kristin Richter

Großenhain. Das Sakko legt Thomas de Maizière schon beizeiten ab. Angesichts von weit über 20 Grad bereits am Morgen ist dem CDU-Bundestagsabgeordneten bei der Eröffnung der Deutschen Meisterschaft heiß geworden. Warm ums Herz war dem einstigen Bundesinnen- und damit auch Sportminister schon bei der Ankunft auf der Anlage im Großenhainer Sportpark geworden. 240 Athleten aus 39 Vereinen – darunter Welt- und Europameister – waren für ein Wochenende in der Röderstadt zu Gast. De Maizière war im Jahr zuvor erstmals bei einem Wettkampf als Zuschauer an dieser Stelle. Damals war Wahlkampf. Diesmal ist er Schirmherr, eine Rolle, die ihm am Herzen liegt. Nochmals kommt der Politiker ins Schwitzen, als die Trommler der Zabeltitzer Spielleute bei der Eröffnung die Wettkämpfe lautstark einläuten.

Das Wettkampf-Wochenende ist das i-Tüpfelchen auf ein Jahr intensiver Vorbereitungen des Ausrichters Großenhainer Rollsportverein. Vereinschefin Ute Enger nennt das Team des Vereins, die Stadtverwaltung, die Sponsoren, ohne die solch ein Event überhaupt nicht möglich wäre. „Alle haben fantastisch mitgezogen“, sagt Ute Enger. Der schwungvolle Start ins Rennwochenende lässt schnell die letzten Sorgenfalten verschwinden. Stattdessen freut sich die erfahrene Athletin, dass sie bei ihren eigenen Läufen an diesem Wochenende von einem eigenen Dresdner Fanclub bejubelt wurde.

Denn nicht nur die aktuell besten deutschen Läufer sind gekommen, sondern auch viele „Ehemalige“, die einst noch auf richtigen Rollschuhen in Großenhain für Furore sorgten. Karl-Hein Effenberger zum Beispiel, der in den 1960er und 70er Jahren Titel sammelte. „Dort drüben hab’ ich während meiner Armeezeit geschlafen“, sagt der 66-Jährige und deutet mit dem Arm auf einen der inzwischen sanierten Blocks im früheren Armeegelände gegenüber der Bahn. Gemeinsam mit Ehefrau Ute – ebenfalls ehemalige Spitzenläuferin – ist er extra aus Dresden angereist, freut sich über die vielen früheren Mitstreiter auf der kleinen Tribüne. „Das ist schon toll, was hier abgeht“, so Effenberger.

Die Ansicht teilt er mit den ebenfalls angereisten Funktionären vom Deutschen Rollsport- und Inlinerverband (DRIV). „Das ist eine sehr liebevoll und akribisch vorbereitete Meisterschaft hier“, sagt Rainer Keppeler, im DRIV für den Bereich „Inline Fitness und Speedskating“ zuständig. Am Sonnabend habe er „eine der schönsten Eröffnungen“ in der Geschichte erlebt. Die Großenhainer seien die ersten Veranstalter, die einen Livestream der Wettbewerbe auf die Beine gestellt haben. Das Catering arbeite vorbildlich und sei „extrem günstig“ im Vergleich zu anderen Veranstaltungen.

Tatsächlich haben die Großenhainer Rollsportler so ziemlich alles aus eigener Kraft gestemmt, natürlich mit Unterstützung von Helfern und Sponsoren. Nicht nur auf dem 200-Meter-Oval ist alles bestens organisiert, auch abseits der Laufstrecke wird es nicht langweilig. Eine kleine Ausstellung zur weit über 50-jährigen Geschichte des Rollsports liefert eine Antwort, warum hier alle mit Herzblut bei der Sache sind. Selbst Eisschnelllauf-Ex-Olympiasiegerin Claudia Pechstein gibt sich die Ehre, ihren Fans und vor allem den Nachwuchsathleten eine Stunde lang Autogramme zu geben. Und das Gäste-Lob geht auch über die Rollsportbahn hinaus. „Der ganze Sportpark ist eine vorbildliche Anlage“, so Rainer Keppeler.

Wobei die Tücken bekanntlich im Detail liegen. Das merken Wettkämpfer wie Zuschauer insbesondere angesichts der erbarmungslos brennenden Sonne. Schon seit ein paar Jahren kämpft der Rollsportverein daher um den Bau eines großen Sonnensegels neben der Asphaltbahn, hat dafür auch schon finanzielle Mittel gesammelt. Doch der Bau ist entgegen allen Wünschen bislang noch nicht zustande gekommen. Jetzt gibt es neue Hoffnung. Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach hat zur Eröffnung der Deutschen Titelkämpfe in Aussicht gestellt, den Haushalt fürs kommende Jahr diesbezüglich unter die Lupe zu nehmen.

Kann Großenhain mehr? Rainer Keppeler muss über die grundsätzliche Antwort keinen Moment nachdenken. „Europacup – das ginge hier auf jeden Fall“, sagt er. Allerdings gebe es mit Geisingen, Groß-Gerau und Gera bereits drei deutsche Ausrichterstädte im jährlichen Wettkampfzyklus. Auch das finanzielle Risiko einer solchen Veranstaltung müsse man ins Kalkül ziehen, wenn da Athleten aus vielen Ländern kommen. Er selbst erlebe zum ersten Mal ein Event in Großenhain, das aus dem Raum Stuttgart, wo er herkomme, ja eher unbekannt ist. Aber neben der Anlage spreche vieles für weitere Highlights in der Röderstadt. Nicht zuletzt die Nähe des Dresdner Flughafens.