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Freitag, 14.09.2018

Tatort Bolzplatz

Attacken auf Schiedsrichter, Brutalo-Fouls: Gewalt im Amateur-Fußball macht immer wieder Schlagzeilen. Dabei gibt es nach Angaben des DFB nur in 5 von 1000 Spielen gewalttätige Vorfälle. Bei 80 000 Begegnungen pro Wochenende kommt da allerdings einiges zusammen.

Von Britta Schultejans

© Fredrik von Erichsen/dpa (Symbolfoto)

München. Paul Hennemann will zurzeit nicht mehr sprechen über den 6. Mai dieses Jahres. Der Tag bedeutet einen Einschnitt in der langen Karriere des 71 Jahre alten Schiedsrichters vom SV Sambach bei Bamberg in Oberfranken. Damals wurde er im Spiel zwischen dem SC Hertha Aisch und der zweiten Mannschaft der SpVgg Jahn Forchheim in der 75. Minute von einem Forchheimer Spieler so heftig attackiert, dass er zu Boden ging und dort bewusstlos liegen blieb.

Auf dem Online-Portal „Infranken.de“ hieß es als Bildunterschrift über die Attacke: „Ein Fußballspiel wollte der Fotograf des Fränkischen Tags beim SC Hertha Aisch fotografieren, in der 78. Minute verließ er einen Tatort.“ Hennemann hat seinen Angreifer verklagt. Der Grund, warum er über den Vorfall im Moment öffentlich nichts mehr sagen möchte.

Nach Pfingsten sah der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sich gezwungen, Randale bei Amateur-Spielen offiziell zu verurteilen. Beim Spiel zwischen Babelsberg 03 und Energie Cottbus musste aus Sicherheitsgründen die Siegerehrung vertagt werden. Beim Koblenzer Stadtderby im Rheinlandpokal wurden drei Menschen, darunter ein sechsjähriger Junge, durch Pyrotechnik verletzt.

2015 wurde ein Fußballer in Essen nach einem Angriff auf den Schiedsrichter lebenslang gesperrt. Er hatte den Unparteiischen nach Zeugenaussagen zu Boden geschubst und nochmals zugeschlagen. Es war damals die dritte lebenslange Sperre im Fußballkreis Essen Nord/West innerhalb weniger Monate.

Tatort Fußballplatz. Wenn im Amateurfußball ein Schiri geschlagen zu Boden geht, der Gegner über alle Maßen brutal gefoult wird oder Fans aufeinander losgehen, macht so etwas Schlagzeilen im deutschen Fußballland.

„Prinzipiell finden jedes Wochenende in Deutschland rund 80 000 Begegnungen statt, die weitgehend friedlich verlaufen“, sagt der Sozialwissenschaftler Stefan Metzger von der Uni Siegen, der unter dem Titel „Das Spiel um Anerkennung“ zum Thema über Amateurfußball promoviert hat.

Erst vor wenigen Tagen meldete der Deutsche Fußball-Bund (DFB), dass 99,51 Prozent aller Spiele im deutschen Amateurfußball komplett störungsfrei verlaufen. Das ergab eine Auswertung der Online-Spielberichte der Schiedsrichter. Nur 5 von 1 000 Spielen wurden demnach wegen Gewalt oder Diskriminierung abgebrochen.

Allerdings wären das - bei den geschätzten 80 000 Spielen pro Wochenende - schon 400 an jedem einzelnen Wochenende in der Saison.

Dass diese Spiele immer wieder Schlagzeilen machen, führt Thaya Vester vom Institut für Kriminologie der Universität Tübingen auch auf die unglaubliche Popularität des Sports zurück.

Nach Angaben des Soziologen Tim Frohwein, Dozent Hochschule Fresenius München, findet sich unter den sieben Millionen Mitgliedern des DFB „ein hoher Anteil Amateurfußballer“.

„Allein in Bayern sind jedes Wochenende - rechnet man Spieler, Trainer, Funktionäre und Zuschauer zusammen - rund eine Million Menschen auf Amateurfußballplätzen unterwegs“, sagt Frohwein, der zum „Mikrokosmus Amateurfußball“ forscht. Und: „Die gesellschaftliche Bedeutung des Amateurfußballs wird in Deutschland auf jeden Fall unterschätzt.“

„Es stecken ja immer Menschen dahinter“, sagt Vester, die ein Buch mit dem Titel „Zielscheibe Schiedsrichter“ geschrieben hat. „Und für einen Schiedsrichter ist so etwas immer traumatisierend.“

Sie sagt auch: „Das, was in den Statistiken auftaucht, ist die Spitze des Eisbergs. Wir haben einen riesigen Graubereich an Unhöflichkeiten und Beleidigungen.“ Und dabei sei so etwas wie der Schlachtgesang „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“, das ja formal eine Bedrohung sei, heute nicht mal mehr eine Beleidigung, sondern „allgemeines Liedgut“.

Eine weitere interessante Beobachtung, die sie gemacht hat: Gewalttätige Attacken kommen fast ausschließlich im Männerfußball vor. „Bei den Frauen ist das eigentlich kein Thema - und wenn doch, dann gab es vorher schon Streit, der sich dann auf dem Spielfeld entlädt.“

Als ein junger Spieler mit einer abgebrochenen Glasflasche bei einem Spiel vor einigen Jahren auf den Schiedsrichter losging, wusste Salih Aydogan, dass er etwas tun muss. Der 37 Jahre alte Polizeibeamte verbringt seine Zeit auch als Krisenmanager für den Bayerischen Fußball Verband.

Aydogan arbeitet mit Vereinen, deren Spieler auffällig geworden sind. Wenn es in einem Hinspiel zwischen zwei Clubs Probleme oder sogar Prügeleien gab, ist er zur Stelle, damit so etwas nicht noch einmal vorkommt - und wenigstens das Rückspiel friedlich verläuft.

Einmal, so sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur, hat er die Spieler der verfeindeten Vereine miteinander frühstücken lassen. „Wer sich gegenseitig das Salz oder die Butter gereicht hat, geht im Spiel nicht aufeinander los.“ Der Plan ging auf. Das Rückspiel verlief komplett ohne Komplikationen. (dpa)

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