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Freitag, 29.12.2017 85 Jahre Eissport in Weißwasser

Ständig unter Strom, Füchse auf YouTube und ein Fast-Rauswurf

Seit 85 Jahren wird in Weißwasser Eishockey gespielt. Die SZ feiert das mit einer Serie und einem Gewinnspiel. Heute: Im Gespräch mit Andreas Friebel.

Von Steffen Bistrosch

Andreas Friebel in Aktion auf der Pressetribüne vor dem Spiel gegen Crimmitschau, seinem vorletzten als Pressesprecher der Profiabteilung des ESW. Neben ihm sitzt Ronald Byron, der neue Mann am Füchse-Mikrofon. Friebel ist überzeugt, dass er in der Lage sein wird, neue Impulse zu setzen. Die Basis dafür, ein gesunder Club in einem gesunden Umfeld, ist in den letzten anderthalb Jahrzehnten geschaffen worden.
Andreas Friebel in Aktion auf der Pressetribüne vor dem Spiel gegen Crimmitschau, seinem vorletzten als Pressesprecher der Profiabteilung des ESW. Neben ihm sitzt Ronald Byron, der neue Mann am Füchse-Mikrofon. Friebel ist überzeugt, dass er in der Lage sein wird, neue Impulse zu setzen. Die Basis dafür, ein gesunder Club in einem gesunden Umfeld, ist in den letzten anderthalb Jahrzehnten geschaffen worden.

© Steffen Bistrosch

Nach dem Spiel gegen Crimmitschau am Dienstag traf die SZ den scheidenden Füchse-Pressesprecher. Wir wollten hören, wie es um den Menschen Andreas Friebel steht, jenseits vom reinen Ergebnissport, sei es beim Eishockey oder Fußball. Mit welchen Ambitionen startete er einst als blutjunger Mitarbeiter von Radio WSW, und weshalb legt er mitten in einer recht erfolgreichen Zeit sein Amt als Pressesprecher nieder, und was folgt danach?

Wie fühlt sich der Pressesprecher nach so einem Spiel wie heute gegen Crimmitschau, mit einer knappen und noch dazu gefühlt unverdienten Niederlage?

Man leidet mit der Mannschaft. Wenn das Team gewinnt, freut man sich, wenn das Team verliert, ärgert man sich. Ich bin irgendwie auch Teil der Mannschaft. Genau wie die Stimmung in der Kabine trotz des Punktes und des späten Ausgleichs gedrückt ist. Das kann ich nicht ausblenden. Ich hätte mir einen Sieg sehr gewünscht.

Mit welchen Emotionen werden Sie am Samstag in Ihr letztes Spiel als Pressesprecher der Lausitzer Füchse gehen?

Schwer zu sagen, es war so viel zu tun in den letzten Tagen. Mit 85 Jahren Eishockey, der Amtsübergabe, die vielen Spiele über die Feiertage. So richtig war gar keine Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen, wie das sein wird, wenn alles endet. Im Moment kann ich mir gar nicht vorstellen, dass das schon bald alles vorbei ist. Wenn ich am Samstag ins Stadion fahre und ich weiß, es ist das letzte Mal, oder später bei der letzten Pressekonferenz, das wird schon ein bisschen komisch, denn danach ist es wirklich vorbei. Aber es war meine Entscheidung und deshalb kann ich damit auch leben.

Einer der Gründe dafür, dass Sie die Füchse verlassen, ist, dass Sie mehr Zeit für sich, für die Familie haben wollen. Herr Rohrbach sagte mir letztens, er arbeite an sieben Tagen die Woche mindestens zehn Stunden am Tag. Wie hoch ist Ihr Pensum für den Club?

Ich glaube, der Aufwand unterscheidet sich nur unwesentlich. Neben dem hauptamtlichen Job als Pressesprecher bin ich als freier Reporter für den MDR und RBB unterwegs, wenn tatsächlich ein Samstag frei ist, bin ich zum Fußball in Aue, in Magdeburg, in Dresden oder Cottbus. Ich kann heute nicht einmal sagen, wann ich im Dezember oder November einmal frei gehabt hätte. Ich bin ständig unterwegs. Und wenn ich mal zu Hause bin, dann sitze ich in meinem Büro und kümmere mich von da aus um Spielberichte von Füchse-Auswärtsspielen oder mache Beiträge für’s Radio. Es gibt kein Runterkommen, man ist immer dran, immer dabei, immer unter Strom. Wir sind bei den Füchsen halt auch eine kleine Crew, in der alle gefordert sind, um den Club am Laufen zu halten. Inzwischen ist es mir aber zu viel. Ich bin an einer Stelle angekommen, wo man auch mal einen Punkt machen muss.

War der Job Stadionsprecher oder Pressesprecher ein Kindheits-, ein Jugendtraum?

Nein. Das war ein großer Zufall oder vielleicht auch Schicksal. In der Schule habe ich mit dem späteren Vereinsvorsitzenden Klaus Riehle über die Füchse gesprochen. Und er meinte dann, dass bei RadioWSW noch ein Reporter für die Heimspiele gesucht wird. So kam ich zum Radio. Es war kein richtiger Job, ich machte das mehr just for fun. Es war eine Chance, die ich gesehen habe, um einen Beruf auszuüben, den ich ursprünglich gar nicht auf der Uhr hatte. Und als ich einen Fuß in der Tür hatte, wurde ich gefragt, ob ich den Stadionsprecher machen könnte. Und später, Anfang der 2000er, hatte ich mich bei den Füchsen angeboten, die Stelle des Pressesprechers zu übernehmen. Mit meinen Erfahrungen hatte ich das Gefühl, helfen zu können. Ursprünglich bin ich Diplomverwaltungswirt, hatte Praktika zum Beispiel im Sozialamt und in der unteren Jagdbehörde gemacht. Aber ich habe gemerkt, dass ich lieber mit meiner Stimme arbeite und nicht gern im Büro sitzen möchte. Beim Sport ist jedes Spiel anders, man ist draußen, man ist unterwegs. Reporter zu sein macht mir großen Spaß, auch heute noch.

Wissen Sie noch, welches das erste Spiel war, welches Sie kommentiert haben?

Ja. Zu Hause gegen Iserlohn irgendwann an einem Dienstagabend in der 2. Bundesliga. Wir haben hoch gewonnen, ich weiß nicht mehr wie hoch. Der Kollege, der ursprünglich geplant war, fiel plötzlich aus. Zu Beginn erkannte ich gar nicht, wer die Tore geschossen hat. Obwohl ich geübt hatte, stand ich jetzt das erste Mal richtig hinter dem Mikro. Da sagte ich Sachen wie: „Ich kann Ihnen sagen, wie es steht, aber nicht wer die Tore geschossen hat, ist auch egal. Hauptsache, wir führen.“ Eishockey war damals noch ein bisschen zu schnell für mich, um alles zu kommentieren.

Der damalige Geschäftsführer Klaus Dietze wollte die Zusammenarbeit mit Ihnen als Pressesprecher wieder beenden. Warum?

Damals war die Situation so, dass die Gesellschafter René Reinert und Bernd Nadebor versucht haben, den Club in ruhiges Fahrwasser zu bringen. Dr. Dietze fungierte als Geschäftsführer. Es wurde viel Geld investiert, aber wir spielten jedes Jahr gegen den Abstieg. Das Image des Eissports war nicht berauschend. Die Insolvenz war gerade durch, der Stammverein hatte Schulden, die Nachwuchsarbeit lag am Boden, das Stadion war marode, jedes Jahr gab es neue Geschichten über Löcher im Etat. Wir hatten mit dem Geschäftsführer unterschiedliche Ansichten, was die Öffentlichkeitsarbeit anging. Welche Dinge nach außen kommuniziert werden und wie. Letztlich haben die Gesellschafter entschieden, ich darf weitermachen. Wenn ich heute auf diese Zeit schaue, freue ich mich, was aus dem Eishockey in Weißwasser geworden ist. Die neue Arena steht, die Nachwuchsarbeit ist super aufgestellt und wir haben viele neue Sponsoren. Alles Dinge, an die vor sechzehn Jahren überhaupt nicht zu denken war. Oft wird vergessen, dass wir in einer Region leben, die wirtschaftlich gebeutelt ist und in der die Hälfte unseres Zuschauer-Einzugsgebietes im Nachbarland liegt. Wir sind damit in einer doppelt schwierigen Lage, und wir schaffen es trotzdem, Jahr für Jahr in der zweithöchsten Spielklasse anzutreten. Das ist für mich ein Wunder, für das alle hart arbeiten müssen.

Welche großen Steine, die auf dem Weg lagen, haben Sie wegräumen müssen und welche Dinge erfüllen Sie mit Stolz?

Es waren eher viele kleine Mosaiksteine. Ganz wichtig war zu Beginn auf einer Seite, die nötige Transparenz zu haben, auf der anderen Seite der Versuch vor allem junge Fans zu gewinnen, denn Leute die einmal „Fuchs“ sind, bleiben es auch. Wir haben mit Hilfe von Sponsoren früh begonnen, über bestimmte Maßnahmen wie rabattierte oder kostenlose Tickets junge Leute ins Stadion zu holen. Viele sind dabeigeblieben. Die neuen Medien haben in meiner Zeit rasant an Bedeutung gewonnen. Neben aktueller Berichterstattung auf unserer Homepage waren wir später Vorreiter mit einer Facebook-Seite, mit einem eigenen YouTube-Kanal und dem Streamen der Heimspiele über das Internet. Das war mir wichtig, direkt mit den Fans Kontakt halten zu können. Und die Entwicklung ist noch längst nicht zu Ende. Mein Nachfolger Ronald Byron wird da ansetzen. Ich glaube, ich hinterlasse ihm da eine solide Basis.

Welchen Stellenwert nimmt die Familie in Ihrem Leben ein?

Einen sehr großen, weil ich mich dort zurückziehen kann, durchatmen kann und mich auch ablenke. Über Eishockey oder Sport im Allgemeinen reden wir zu Hause kaum. Maximal spielt das Ergebnis kurz eine Rolle. Wenn die Füchse gewonnen haben, freut sich meine Tochter und dann ist auch schon gut.

Sie gehören ebenso wie Dirk Rohrbach der Wählervereinigung „Klartext“ aus Weißwasser an...

Das hat alles damit begonnen, dass der Eissport als ein Aushängeschild der Stadt zu einem Spielball verschiedener politischer Strömungen geworden ist. Damit war ich nicht einverstanden und wollte den Füchsen auch eine Stimme im Stadtrat geben. Das war die Theorie. Ich habe aber ziemlich schnell erkannt, dass, wenn man die Aufgabe ernst nimmt, die Arbeit eines Stadtrates viel komplexer ist. Man trägt Verantwortung für alle Menschen und Vereine in der Stadt. Und für alle eine zufriedenstellende Lösung zu finden, ist unglaublich schwer, weil viele nur ihr Interessengebiet im Auge haben, aber nicht das große Ganze. Ein Beispiel ist die anstehende Entscheidung zum Haushaltskonsolidierungskonzept.

Welche Aufgaben wird Ihre zukünftige Tätigkeit umfassen?

Ich bin und bleibe freier Mitarbeiter beim MDR und RBB. Bisher war ich im Hörfunk aktiv und habe die Möglichkeit bekommen, beim TV reinzuschauen. Ich will gern ein paar neue Sachen ausprobieren und Schritt für Schritt schauen, wie es sich entwickelt. Schwerpunkt ist und bleibt die Sportberichterstattung.

Was wünschen Sie den Füchsen für die Zukunft?

Dass der eingeschlagene Weg so weitergeht. Nach dem Umzug in die neue Arena sind viele Dinge auf den Weg gebracht worden. Deutscher Meister wird Weißwasser auf absehbare Zeit nicht mehr. Aber es ist realistisch, um die Play-offs mitzuspielen und spannende Spiele zu zeigen. Und wenn die Nachwuchsarbeit in der Form weitergeht, glaube ich, dass eines Tages über die Hälfte der deutschen Spieler aus Weißwasser kommt

Werden wir Sie in Zukunft auch im Stadion sehen?

Na klar. Einmal Fuchs, immer Fuchs. Ich freue mich darauf, auch mal Heimspiele aus der Zuschauerperspektive zu sehen und vielleicht mal über Schiris schimpfen zu können, ohne dass gleich eine Strafe von der Liga droht.

Gewinnspiel: Wie lautet der Nachname des Brüdergespanns, das 1990 gemeinsam am Gewinn der letzten DDR-Meisterschaft beteiligt war? Tipp: Einer war langjähriger Torhüter in Weißwasser, der andere brachte es auf 780 Spiele in der höchsten deutschen Profiliga und 73 Länderspiele für Deutschland. Die Lösung schicken Sie bitte per E-Mail an [email protected]

Unser Gewinner darf diesmal vor einem Heimspiel quasi als Stadionsprecher die Mannschaftsaufstellungen präsentieren, dazu gibt es einen Sitzplatz auf der Pressetribüne. Einsendeschluss ist kommender Freitag, der 6. Januar.

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