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Mittwoch, 11.07.2018

Staatsanwalt schockiert Ladendieb

Ein Zeithainer lässt aus einem Supermarkt eine Flasche Wodka mitgehen. Er hat nicht damit gerechnet, was ihm dafür droht.

Von Eric Weser

Niclas L. ins Riesaer Amtsgericht.
Niclas L. ins Riesaer Amtsgericht.

© Sebastian Schultz

Riesa. In diesem Moment scheint Niclas L.* schlagartig klar zu werden, dass es Spitz auf Knopf steht. Dass gleich alles weg sein könnte: Job, Freundin, Freiheit. Gerade hat der Staatsanwalt schlüssig für drei Jahre und drei Monate Haft ohne Bewährung wegen schweren räuberischen Diebstahls plädiert. Der 23-jährige Angeklagte aus Zeithain mit den strubbeligen blonden Haaren wirft die Hände vors Gesicht, bricht beinahe zusammen. Er bittet darum, aufstehen zu dürfen. Aber sein Anwalt hält ihn an, auf der Anklagebank im Riesaer Amtsgericht sitzenzubleiben.

Der Zeithainer hat den Ernst der Lage offensichtlich bis zuletzt unterschätzt. Was sich auch daran zeigt, dass ihn die Polizei zum Prozess bringen muss. Er habe damit gerechnet, dass das Urteil ohne ihn gesprochen und dann zugesendet wird, sagt er. So, wie er das in früheren Verfahren gegen sich schon erlebt hat.

Aber diesmal ist es anders. Denn was sich der ehemalige Hauptschüler im Riesaer Kaufland erlaubt hat, ist keine Lappalie. Es ist ein Freitag im April dieses Jahres. Der damals arbeitslose Niclas L. relaxt auf der Elbwiese in Riesa. Seine Freundin ist dabei. Es sei ein angenehmer, warmer Tag gewesen, so der 23-Jährige. Es wird Bier und Schnaps getrunken. Abends geht es in die Elbgalerie. Weil die Freundin zur Toilette geht, steht Niclas L. allein im Center. Er geht ins Kaufland, steuert zielstrebig auf die Spirituosen-Abteilung zu und greift eine Flasche 40-Euro-Wodka. Bezahlen ist keine Option, Geld hat er keins dabei. Er kratzt das Sicherheitsetikett ab, steckt die Flasche in die Hose, deckt seinen grauen Pulli drüber – und macht sich davon.

Alles geht ruckzuck. Der Ladendetektiv bemerkt es dennoch, immerhin hat er mehr als 20 Jahre Berufserfahrung. Der groß gewachsene Sicherheitsmann sputet sich. Am Kassenbereich kann er Niclas L. packen. Aber, so erzählt der 51 Jahre Leckwitzer mit den grauen Haaren: Er habe ihn aber wieder losgelassen. Zu heftig sei das alles gewesen, zu aggressiv. Niclas L. habe die Zähne gefletscht, ihn „Fotze“ geschimpft und mit erhobener Faust gedroht, zuzuschlagen. Der Detektiv will seine für Tausende Euro auf Vordermann gebrachten Zähne nicht für eine Flasche Wodka aufs Spiel setzen. Er verfolgt Niclas L. aber – mit etwas Abstand. Unklar bleibt, wer von beiden am Center-Ausgang zuerst das Pfefferspray zückt. Fest steht: Sowohl der Ladendetektiv als auch der Dieb haben welches dabei. Um „die Kanaken“ abzuwehren, erklärt Niclas L. dem Gericht. Er habe immer mal Stress mit Asylanten gehabt.

Zum Einsatz kommen die Sprays nicht. Im Gehen verhöhnt L. den Ladendetektiv offenbar noch, zeigt die Wodka-Flasche wie eine Trophäe. Auf einem Fahrrad macht er sich davon. Weit kommt er aber nicht. Alarmierte Polizisten verfolgen ihn. Am Stadtpark gelingt die Festnahme. Auch dort zeigt sich L. aggressiv, erinnert sich ein Beamter. Drogentypisches Verhalten, aber abgesehen über einem Promille Alkohol zeigen Tests keine Ergebnisse.

Vor Gericht geht es am Ende um die Frage, ob Niclas L. einen minderschweren Fall von schwerem Raub begangen hat, was ihn vorm Knast retten könnte. Das Schöffengericht zeigt sich gnädig, kratzt alles zusammen, was zugunsten des 23-Jährigen spricht: sein Geständnis, die Entschuldigung, seine Jugend, sein Bemühen, das eigene Leben in den Griff zu kriegen. Ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe werden es dennoch. Die aber auf Bewährung. Der Zusammenbruch ist vorläufig abgewendet.

Name von der Redaktion geändert.