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Freitag, 09.11.2018

Spezialeinsatz auf dem Oybin

Von Jana Ulbrich

Sisyphos-Arbeit mit Meißel und Spatel: Jörg Teifel bessert zurzeit die schadhaften Stellen an der Burg- und Klosterruine auf dem Oybin aus. Schon nach den ersten Wochen zeigt sich: Das ist viel mehr Arbeit als ursprünglich gedacht.Foto: Rafael Sampedro
Sisyphos-Arbeit mit Meißel und Spatel: Jörg Teifel bessert zurzeit die schadhaften Stellen an der Burg- und Klosterruine auf dem Oybin aus. Schon nach den ersten Wochen zeigt sich: Das ist viel mehr Arbeit als ursprünglich gedacht.Foto: Rafael Sampedro

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Der kleine Ahorn dort oben fragt nicht, ob er das darf. Er wächst einfach. Presst seine Wurzeln in die erstbeste Mauerfuge – so lange und so tief, bis der Mörtel zu bröckeln beginnt. Der kleine Ahorn könnte Steine sprengen. Aber soweit wird Jörg Teifel es nicht kommen lassen. Der 57-Jährige legt seine Kletterausrüstung an, setzt den Helm auf, hängt sich sein Werkzeug an den Gürtel und macht sich auf den Weg.

Heute ist eine Mauer des Klosterkellers an der Reihe. Wenn er Glück hat, sagt Teifel, dann kann er den jungen Ahorn und den Birkenzweig daneben noch mit der Hand herausziehen. Wenn nicht, muss er mit dem Meißel ran und das Loch anschließend wieder mit Mörtel auffüllen. Würde man die Bäumchen einfach wachsen lassen, dann gäbe es hier eines Tages keine Burgruine mehr.

Jörg Teifel hat das gerade den beiden Besuchern erklärt, die wissen wollen, was er denn hier oben macht. „Und deswegen muss ich mich jetzt auch beeilen“, ruft er mit einem Schmunzeln nach unten. Er hängt das Seil in einen silbernen Sicherungsring und klettert los. Als versierter Bergsteiger weiß er, wie wichtig in diesem Fall die Sicherheit am Arbeitsplatz ist.

Der Ring lässt sich nach dem Einsatz wieder aus dem unsichtbar im Stein verankerten Gewinde schrauben. Nichts ist dann mehr zu sehen, was das historische Bild der Burgmauern stören könnte. Selbst die WLan-Hotspots hier oben auf dem Oybin sind so unauffällig angebracht, dass Besucher darauf hingewiesen werden müssten, wollten sie sie entdecken. Schon seit dem Sommer ist Jörg Teifel an den Mauern von Kloster- und Burgruine im Spezialeinsatz. Wo er auch hinblickt: Er hat viel zu tun. Die regelmäßige Instandhaltung des uralten Mauerwerks ist eine mühsame Arbeit. Und im Grunde auch eine, die nie fertig wird. Jörg Teifel hat am unteren Tor zur Burganlage angefangen. Allein für diese Tormauern hat er mehr als zwei Monate gebraucht. „Man sieht ja erst aus der Nähe, wie gut oder schlecht das Mauerwerk tatsächlich noch beschaffen ist“, erklärt er. Es ist eine Sisyphos-Arbeit. „Wenn man da einmal anfängt zu meißeln, kommt immer mehr zum Vorschein.“ Er musste viele lose Steine herunterholen und wieder neu einsetzen. Er musste ein Dutzend locker gewordenen Phonolithplatten wieder befestigen, die als „Dachabdeckung“ des Mauerwerks dienen. In den dicken Mauern musste er tonnenweise Mörtel in Hohlräume versenken. Der Mörtel ist eine Spezialmischung. „An der haben wir lange getüftelt“, erzählt Teifel. „Wir wollten, dass er sich in seiner Beschaffenheit und der Farbe genau in die historischen Mauern einfügt. Niemand soll sehen, wo wir ausgebessert haben“.

Ziel der Sanierung ist es, die Ruine in ihrem gegenwärtigen Zustand zu erhalten, erklärt Burgwart Dirk Keil. Er ist gekommen, um mit Jörg Teifel die nächsten Arbeitsschritte zu besprechen. Noch bis Ende November steht der Bergsteiger auf dem Oybin unter Vertrag. Der Burgwart weiß, dass diese Zeit nicht ausreichen wird. „Im Grunde müssten solche Arbeiten laufend erfolgen“, sagt er.

Die Instandhaltung des Mauerwerks ist nur ein kleiner Teil eines umfangreichen Sanierungsprogramms auf dem Oybin. Sie ist vor allem wichtig für die Verkehrssicherheit. Schließlich kommen jedes Jahr rund 100 000 Besucher hier herauf, manchmal 1 000 am Tag. Das ist Fluch und Segen zugleich für die anfällige Anlage. Aber wer den Burgwart kennt, der weiß, dass Dirk Keil keine Gelegenheit auslässt, den Besuchern immer wieder ein Stückchen Erlebnis mehr zu bieten. Die Arbeiten am Klosterkeller zum Beispiel will er gleich nutzen, um hier noch eine zusätzliche kleine Veranstaltungsfläche zu schaffen. Und nächstes Jahr, wenn die Mauern der königlichen Burg an der Reihe sind, will er auch die Möglichkeiten ausloten, wie der ehemalige Residenzsaal wieder begehbar gemacht werden könnte.