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Donnerstag, 13.09.2018

Spagat zwischen Job und Ehrenamt

Seit 30 Jahren trainiert Gabi Wagner junge Akrobatinnen. Doch ohne Helfer gäbe es für kein Team Punkte.

Von Nadja Laske

Lisl, Mary und Amelie zeigen die Startpose ihrer Kür. Mit Trainerin Gabi Wagner feiern die Akrobatinnen dieses Jahr den 70. Geburtstag ihres Vereins SV Tur.Foto: Sven Ellger
Lisl, Mary und Amelie zeigen die Startpose ihrer Kür. Mit Trainerin Gabi Wagner feiern die Akrobatinnen dieses Jahr den 70. Geburtstag ihres Vereins SV Tur.Foto: Sven Ellger

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Es muss nicht immer Orlando sein. Ottendorf-Okrilla wäre auch eine Reise wert. Hier wie dort gilt, was in Gabi Wagners eng bebilderter Bibel steht, auf den unzähligen Seiten des Regelwerkes der Sportakrobatik. Dort ist ganz genau beschrieben und abgebildet, welche statischen und dynamischen Elemente in einer Kür vorkommen müssen oder dürfen und mit wie vielen Punkten Wertungsrichter sie im Wettbewerb bedenken.

Wenn sich montags oder freitags kurz vor 17 Uhr die Turnerhalle in Klotzsche füllt, sieht es zunächst wenig nach strengen Regularien aus. Während junge Mädchen in Leggings und Dress grüppchenweise Schulhof-News besprechen, toben sich die Kleineren den letzten Frontalunterricht aus dem Leib.

Doch wie von Geisterhand in Reih und Glied geschoben, formieren sich die sechs- bis 17-Jährigen nach und nach. Das Kichern verstummt, die Unruhe weicht. Im großen Kreis laufen die Sportlerinnen über die federnde Bodenbespannung, dehnen und strecken sich, führen die gestreckten Beine wechselseitig zum Kopf, schlagen Räder, gehen in die Brücke, üben Spagat, Handstand, Flickflack. Hier und da korrigieren Trainer und Übungsleiter, die Großen helfen den Kleinen.

Später finden sich die Mädchen in kleineren Gruppen zusammen und beginnen jeweils ihr Übungsprogramm. Gabi Wagner hält sich noch abseits. Unweit von ihr ziehen Lisl, Mary und Amelie in verschiedenen Schrittfolgen und Bewegungskombinationen ihre Bahn durch die Halle. Das Trio trainiert noch nicht allzu lange zusammen, doch Harmonie und Ehrgeiz sind zu spüren. Das ist wichtig. Schließlich kann im Sport eine nicht ohne die andere. Sie sind ein Dreierteam, das gemeinsam zu Wettkämpfen antritt.

Dass Gabi Wagner selbst im Fokus der Juroren um möglichst hohe Punktzahl rang, ist etliche Jahre her. „Ich war Trampolinturnerin“, sagt die 58-Jährige. Mit acht Jahren hatte sie den Sport für sich entdeckt, den sie heute noch liebt, als Zehnjährige wurde sie in die Akrobatikgruppe des Pionierpalastes Schloss Albrechtsberg aufgenommen. Für Meisterschaften reiste sie quer durch die ganze DDR und kämpfte auch in Polen um Medaillen. „Meine eigene aktive Zeit ist die Grundlage für meine Arbeit als Trainerin“, sagt sie.

Das klingt nach Hauptberuf, ist es aber nicht, wenn auch gerade vor großen sportlichen Ereignissen mit dem Ende der Trainingseinheit nicht Schluss ist. Wie all ihre Kollegen auf den Sportplätzen und in den Turnhallen ist Gabi Wagner ehrenamtlich dabei – seit 30 Jahren. Und wie überall im Breitensport lebt das Freizeitangebot des SV Tur Dresden von Enthusiasten wie Gabi. In diesem Jahr wird der Verein 70 Jahre alt. Seine Mitglieder haben die Begeisterung für den Sport von Generation zu Generation vererbt. Auch in der Sektion Sportakrobatik. Gabi Wagner zeigt in Richtung einer jungen Frau: „Ich war früher ihre Trainerin, jetzt trainiert sie die Jüngsten.“

Jenseits der Turnhalle ist Gabi Wagner Steuerfachangestellte und arbeitet in einer Kanzlei. In ihrer Freizeit hat sie nicht nur den Trainerschein gemacht, sondern auch die Ausbildung zur Kampfrichterin und zur Bundeskampfrichterin. Nichts davon ist für ewig, die Nachweise müssen regelmäßig erneuert und Weiterbildungen absolviert werden.

Das ist der theoretische Teil, ein sehr kreativer gehört ebenfalls dazu. Denn obwohl das Reglement des Sports straff organisiert ist, braucht es Fantasie, um aus Elementen und Figuren eine harmonische Kür zu choreografieren – gut zwei Minuten, die Lisl, Mary und Amelie unmerklich aus der Puste bringen, den Wertungsrichtern aber den Atem stocken lassen. Demnächst beim Wettkampf um den Gutenbergpokal. Den will das Trio im Oktober in Mainz holen.

Nach Varna zur Europameisterschaft und nach Orlando zur Weltmeisterschaft hat Gabi Wagner schon Wettkampfteams begleitet. Doch ganz gleich, wie weit die Reise ist, auf eine Unterstützung will sie nie verzichten: auf die ihres Vereins und die der Eltern. „Sie sind Shuttle, Transportservice, Catering, Orgateam und Betreuer zugleich“, sagt sie, „Ohne die Mütter und Väter ginge nichts.“

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