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Freitag, 12.10.2018

Skalpell und Tupfer gegen Altersspuren

Restauratorin Elisabeth Schlesinger arbeitet in der Restaurierungswerkstatt der Gemäldegalerie Alte Meister/Galerie Neue Meister an der Restaurierung eines Bilderrahmens.
Restauratorin Elisabeth Schlesinger arbeitet in der Restaurierungswerkstatt der Gemäldegalerie Alte Meister/Galerie Neue Meister an der Restaurierung eines Bilderrahmens.

© Monika Skolimowska / dpa

Dresden. Zum wiederholten Mal streicht der zarte Pinsel über das geschnitzte Ornament. Das Weiß der Kreide-Leim-Mischung überdeckt die Reste der alten Grundschicht auf dem Lindenholz, wie an weiteren Stellen auf dem vergoldeten Rahmen. „Das ist alles noch originales Material“, erklärt Elisabeth Schlesinger, einzige Rahmenrestauratorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD). Seit einigen Monaten arbeitet sie an einem besonderen Schätzchen: Dresdner Galerierahmen.

Damit nichts aus dem Rahmen fällt

Mit Lupenbrille auf der Nase und ruhiger Hand taucht die 36-Jährige in „ihrer“ Werkstatt im „schwebenden Depot“ des Albertinums den Pinsel in eine kleine Schale und streicht über ein handgeschnitztes Blütenblatt. Reihum bestreicht sie mehrere zuvor von falschen Ergänzungen in Bronze befreite Stellen. Sieben bis zehn Schichten braucht es, bis die Fassung erneuert ist. „Das ist das hohe C.“

Mit viel Fingerspitzengefühl und teils filigranem Werkzeug wird die Grundierung dann abgeschliffen. „Die Technik ist wasserlöslich“, erklärt Schlesinger. Das sei auch ideal für die krönende Vergoldung. Aus einem stoffbezogenen Buch nimmt sie mit Pinzette ein kleines glänzendes Blättchen, schneidet von dem federleichten Blattgold ein winziges Stück in die nötige Form, streicht einen Pinsel erst zart über ihre Wange und dann über das Gold.

Das kostbare Material klebt sofort an den Pinselhaaren - und gleich darauf dort, wo es hingehört. „Es wird geradezu angesaugt“, freut sich Schlesinger. Zuletzt poliert sie glatte güldene Flächen mit Achat auf, bis sie sich darin spiegeln kann. „Es geht nicht darum, den sogenannten alten Glanz wiederherzustellen“, sagt Marlies Giebe, Chefin der Dresdner Gemälderestaurierung. Der gealterte Zustand werde respektiert „und alles, was wir machen, angepasst“.

Das war auch die Maxime bei den Pastellrahmen, die teils von üppiger Opulenz sind. So strotzen etwa die Umrandungen der Herrscherporträts von Machtsymbolen. „Sie sind Gesamtkunstwerke“, sagt Giebe und zeigt auf Perlenkette und Spiegel beim berühmten „Schokoladenmädchen“ von Liotard, das gerade prominent in einer Sonderausstellung zu den Pastellen hängt. Dort finden sich auch Geldbeutel, Schlüsselkette und Fächer ebenso wie Rosen, Vergissmeinnicht, Maiglöckchen - und Reste eines Blumenkranzes als Symbol der Jugend und Jungfernschaft.

„Henrietta Maria von Frankreich“ in Öl indes wartet noch in der Restaurierungswerkstatt auf ihre Fassung. Das großformatige Porträt von Anton van Dyck (1599-1641) steht bereits frisch restauriert auf einer Staffelei zwischen weiteren Meistwerken der Sempergalerie. Das Museumsgebäude am Zwinger wird seit 2013 grundlegend instandgesetzt und soll Ende 2019 wiedereröffnet werden. Die Präsentation ist bis dahin reduziert.

Die Zeit wird genutzt, um konservatorisch bedürftige Meisterwerke zu bearbeiten, sagt Giebe. Dazu gehören die Dyck-Porträts, die seit 1945 nicht restauriert wurden. Henriettas Mann Karl I. von England ist schon fertig, das Bildnis ihrer drei Kinder noch nicht. Die Kleider der beiden Mädchen schimmern nach der Firnisabnahme erst zum Teil wieder weiß. Giebe zeigt, wo Farbverluste, Abhebungen und Lockerungen Behandlung nötig machten.

Für ein Werk brauchen die Experten Monate. Allein die Firnisabnahme ist Puzzlearbeit, teils mehrere Schichten werden mit Tupfen entfernt - quadratzentimeterweise. Auch Verfärbungen und maltechnische Probleme müssen beseitigt werden. „Wir hoffen, dass sie dann weitere 50 bis 100 Jahre halten“, sagt Giebe. Das gilt auch für die Dresdner Galerierahmen der Alten Meister, die Mitte des 18. Jahrhunderts eingeführt wurden. „Sie sind maßgeschneidert und einheitlich und spiegeln den Herrschaftsanspruch der sächsischen Kurfürsten wider.“

Anlass war der Ankauf von 100 Bildern aus Modena, die ohne Rahmen ankamen - und eine einheitliche Präsentation. Auf alten Stichen ist zu sehen, wie die goldgefassten Werke in „Petersburger Hängung“ über- und nebeneinander arrangiert ein großes Ganzes ergeben. „Es war eine Art goldene Laube.“ Auf den Grundrahmen tummeln sich geschnitzte Flügel, Blüten und Figuren.

Alle sind zudem mit dem Monogramm AR für Augustus Rex, einem Lämmchen als Hinweis auf den Orden der Ritter vom Goldenen Vlies, dem kursächsischen Wappen und dem polnische Adler versehen. „Und alle hatten Krönchen, die meisten davon sind Mitte des 19. Jahrhunderts verloren gegangen“, räumt Giebe mit der Mär auf, dass sie zu DDR-Zeiten entfernt wurden.

Vielen Museen ist die zeitaufwendige Restaurierung im Sinne der Wirtschaftlichkeit zu teuer, sagt Giebe. „Die Wertschätzung für Restauratoren fehlt.“ Dabei sind sie unverzichtbar für den Erhalt von Kulturgut. „Aber sie arbeiten im Verborgenen und kommen nur manchmal bei prominenten Projekten ans Licht“, beschreibt Anne Harmssen vom Präsidium des Verbandes der Restauratoren das Dilemma. Bei Führungen hinter die Kulissen seien Besucher stets erstaunt, „was man können muss.“

Bundesweit gibt es nach Verbandsangaben gut 2 000 Restauratoren, in Sachsen gut 200. Die meisten davon sind selbstständig und noch immer zu schlecht bezahlt - wie die in Museen angestellten Kollegen, sagt Harmssen. „Das Berufsbild hat sich geändert, die Tarifpolitik aber nicht.“ Auch das sei mit Blick auf den Nachwuchs unattraktiv. Für Elisabeth Schlesinger war es schon als Schülerin der Traumberuf. Sie geht mit Begeisterung in ihr teils lichtdurchflutetes „Reich“, wo unzählige Rahmenmodelle an den Wänden hängen. „Es ist ein Beruf mit Passion.“ (dpa)

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