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Dienstag, 13.03.2018

Sein zweiter Winter

Alexander Ehler steht 1992 kurz vor dem Olympia-Start. Dann stürzt er mit dem Motorrad und greift jetzt erneut an – als 48-Jähriger bei den Paralympics.

Von Thomas Eßer und Holger Schmidt

Er erfüllt sich in Pyeongchang seinen Kindheitstraum – mit großer Verspätung zwar, aber was lange währt, wird endlich gut – auch für Alexander Ehler.
Er erfüllt sich in Pyeongchang seinen Kindheitstraum – mit großer Verspätung zwar, aber was lange währt, wird endlich gut – auch für Alexander Ehler.

© dpa/Karl-J. Hildenbrand

Alexander Ehlers Traum erfüllt sich mit Verspätung – mit großer Verspätung. „Ich habe jetzt sozusagen Olympia nachgeholt“, sagt der 48-Jährige, der in Pyeongchang seine Paralympics-Premiere als Biathlet und Skilangläufer feiert. „Jetzt schließt sich der Kreis. Ich habe es geschafft, und mein Kopf ist frei.“

26 Jahre zuvor hatte Ehler die Olympischen Winterspiele als Biathlet fest vor Augen – und dann einen Motorradunfall. Zunächst drohte eine Amputation des rechten Beines. Neun Zentimeter des Oberschenkels mussten entfernt werden. Die Karriere als Leistungssportler war dadurch beendet und das große Ziel verpasst – bis zur zweiten Chance.

„Olympia ist mein Kindheitstraum. Den verfolge ich schon mein ganzes Leben“, erzählt der 1969 im sowjetischen Leninogorsk, dem jetzigen Ridder im Osten Kasachstans, geborene Sportler. In seiner Heimat galt er als eines der größten Talente und Hoffnungsträger für 1992 in Albertville. „Ich war in der Nationalauswahl. Dann hatte ich mit 17 Jahren meinen Crash, und die Sportkarriere war vorbei.“ Als es in Frankreich um Medaillen ging, saß Ehler zu Hause vor dem Fernseher.

Sein neues Zuhause ist der Schwarzwald. Lange nahm sich der Haustechniker und zweifache Vater keine Zeit, selbst viel Sport zu treiben. Ehler setzte andere Prioritäten. Er kümmerte sich um seine Töchter Olga (22) und Alexandra, verbrachte viel Zeit mit ihnen beim Fechten. „Ich habe zwei Kinder“, sagt er. „Sie brauchten mich einfach jeden Tag.“ Die 24-jährige Alexandra gehört jetzt zum Perspektiv-Kader des Deutschen Fechter-Bundes. Als die beiden älter wurden, dachte er wieder an die Loipe. Der Kindheitstraum, er war schließlich noch da. „Jetzt hatte ich Zeit und wollte anfangen.“

2016 fuhr Ehler zum Skilanglaufgelände am Notschreipass im Südschwarzwald. Dort trainieren Kaderathleten des Deutschen Skiverbandes. Auch der Deutsche Behindertensportverband nutzt die Anlage. Ehler wollte wieder trainieren. „Am Anfang haben wir gedacht, der Alexander ist ja schon ein bisschen alt“, erzählt sein Trainer beim SV Kirchzarten, Michael Huhn. „Wir sind eigentlich davon ausgegangen, dass es in Richtung Breitensport geht. Aber dann haben wir die ersten Runden zusammen gedreht und festgestellt, dass er noch ziemlich gut in Schuss war.“ Ehler trainierte bald sechsmal pro Woche. Sie mussten ihn bremsen, sagt Huhn, damit er auch mal eine Pause zum Regenerieren einlegte.

Plötzlich ging alles schnell. Huhn und Ehler formulierten das Ziel „Paralympics 2018“ und machten einen Plan. „Wir haben das Training strukturiert aufgebaut, damit wir jetzt zur bestmöglichen Leistung kommen“, sagt der Coach. Und was ist die bestmögliche Leistung in Pyeongchang?

„Das Ziel sollte auf jeden Fall sein, unter die ersten fünf zu laufen“, meint Huhn. Das gelang mit Platz fünf beim Biathlon-Sprint beim Paralympics-Debüt am Sonnabend schon mal. „Ich war ein bisschen aufgeregt“, sagt Ehler, den seine Töchter in Südkorea anfeuern. Am Montag folgte Rang acht über 20 Kilometer im Skilanglauf. Unglücklich war Ehler anschließend nicht. „Ich bin immer zufrieden – egal, welches Ergebnis. Ich bin Papa“, sagt er und lacht.

Ganz gewichen ist der Ehrgeiz des Beinahe-Olympia-Teilnehmers aber nicht: „Jetzt bin ich ein alter Sportler“, erklärt er und schmunzelt schon wieder. „Als ich jünger war, habe ich fast immer um Medaillen gekämpft. Das bleibt im Kopf. Natürlich möchte ich am liebsten Gold.“ (dpa mit SZ)

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