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Montag, 10.09.2018

Schwedens weichgespülter Nationalistenchef

Von André Anwar,SZ-Korrespondent in Stockholm

Es ist vor allem das Verdienst von Jimmie Akesson – hier bei einer Wahlveranstaltung – wenn die rechtsgerichteten Schwedendemokraten dieses Mal das beste Wahlergebnis ihrer Geschichte einfahren konnten. Bei der Wahl 2014 hatten sie noch knapp 13 Prozent erreicht.Foto: dpa/Antti Aimo-Koivisto
Es ist vor allem das Verdienst von Jimmie Akesson – hier bei einer Wahlveranstaltung – wenn die rechtsgerichteten Schwedendemokraten dieses Mal das beste Wahlergebnis ihrer Geschichte einfahren konnten. Bei der Wahl 2014 hatten sie noch knapp 13 Prozent erreicht. Foto: dpa/Antti Aimo-Koivisto

© dpa

Nach den Wahlen 2014 war Jimmie Akesson psychisch am Ende. „Wegen Ausgebranntheit“ ließ er sich krankschreiben und nahm Antidepressiva, wie er selbst erzählte. Doch die Flüchtlingskrise und Schwedens generöse Aufnahmepolitik haben den Führer der einwanderungskritischen Schwedendemokraten (SD) zurück in die aktuelle Politik des Landes geschwemmt – und am Sonntag ein historisches Wahlergebnis beschert.

Das es tatsächlich so kam, wie in vielen Umfragen vorausgesehen, ist vor allem Akessons Verdienst. Systematisch hat der 39-jährige Familienvater seine SD den alten rassistisch-braunen Stempel durch eine neue Leitlinie und unzählige Parteiausschlüsse abgewaschen. Nun erreicht er neue Wählerschichten – darunter gar zehn Prozent der eingebürgerten Einwanderer und Provinzbürger wie er selbst, die Großstädter arrogant finden. Im Kinderfernsehen gibt er den lieben Onkel, tanzt mit Migrantenkindern, sagt, dass er keine Rassisten dulde und niemanden aus Schweden verjagen wolle, der schon hier wohne.

Allerdings widerspricht er sich selbst oft, je nach anwesendem Publikum sagt er etwas ganz anderes. Noch am Wochenende drehte er mal wieder rechts auf: „Warum ist es so schwer für diese Menschen, hier Arbeit zu finden? Ja, weil sie keine Schweden sind, und weil sie nicht nach Schweden passen“, sagte Akesson.

„Wie drückst du dich eigentlich aus?“ schrie die Chefin der Zentrumspartei, Annie Lööf, ihn daraufhin an und knallte sogar ihre Faust auf das Podest. Selbst die öffentlich-rechtlichen TV-Moderatoren nahmen Abstand. Akesson kündigte daraufhin an, den Sender in der Wahlnacht wegen unlauterer Einmischung zu boykottieren. Er liebt es, den verschmähten Underdog zu spielen.

In Schweden teilen aber immer mehr Bürger seine Auffassungen. Lange war seine Partei die einzige, die Einwanderung begrenzen wollte und sie als problematisch thematisierte. Durch seine Popularität hat der kühle Dreitagebart-Träger es zudem geschafft, Sozialdemokraten wie Konservative von ihrem bislang betont einwandererfreundlichen Kurs abzubringen. Gebracht hat ihnen das allerdings nichts. Akesson ist zum dritten Mal in Folge und mit einem enormen Stimmenzuwachs Königsmacher im Parlament. Die anderen Parteien könnten ihn nun nicht mehr ignorieren, sagte er schon im Wahlkampf. Doch genau das haben sie vor. Zumindest beteuerten das alle sieben Parlamentsparteien bislang.

Dass er einmal so weit kommen würde, hätte Akesson, der als Scheidungskind bei der Mutter mit einem stark behinderten jüngeren Bruder aufwuchs, einst nicht einmal zu träumen gewagt, verriet er einmal in einem sonderbar menschelnden TV-Format, in dem ein Psychotherapeut Sitzungen mit allen Parteivorsitzenden abhielt. Akesson präsentierte sich da als empfindsam, erzählte von seinem Heimatörtchen Sölvesborg in Südschweden.

Schon damals seien „sehr schnell viele Einwanderer“ gekommen. „Kinder aus anderen Ländern, die gegen uns zusammenhielten“, erzählte er. Die Fremden hätten sogar einmal ein Messer dabeigehabt. „Klar, dass man da etwas Angst bekommt“, erzählte er dem Therapeuten. Eine spätere TV-Reportage enthüllte, dass Akesson die Geschichte wohl erfunden hatte, weil in seinem Kindheitsviertel damals so gut wie keine Ausländer lebten. Doch sein gefühlvoll zur Schau getragenes Unbehagen gegenüber zu vielen Fremden blieb bei vielen Zuschauern hängen.

Im Jahr 1995 ist Akesson – nach einer kurzen Zeit bei den jungen Konservativen, die er vor allem wegen ihrer EU-Freundlichkeit verließ – Mitglied der damals rechtsextremen SD geworden. Die waren sieben Jahre zuvor von Gustaf Ekström, einem Veteranen der SS-Panzerdivision „Wiking“, und diversen Neonazis gegründet worden. Der hochintelligente Akesson stieg schnell auf und kam schon 1997 in den Parteivorstand. Er studierte zwischendurch alles mögliche – von Philosophie bis Politologie – ohne je einen Abschluss zu machen. 2005 wurde er Parteivorsitzender und führte die SD langsam aber stetig in gemäßigtere politische Gefilde.

Kritiker glauben, dass der Underdog Akesson in vier Jahren noch mehr Stimmen bekommen könnte als jetzt. Zudem setzt er immer häufiger auch auf soziale Fragen in einem Land, in dem sich in jüngster Zeit der Anteil der Armen von rund sieben auf 14 Prozent verdoppelt hat. „Ich will Schweden sein Volksheim zurückgeben“ sagt er gern. Und er ist auch ganz offen mit seinem Ziel: „Ich will Ministerpräsident von Schweden werden“.

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