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Samstag, 13.10.2018 Aus dem Gerichtssaal

Schnelles Geld am Bankautomaten?

Ein Kraftfahrer soll 100 Euro unterschlagen haben, die ein Bankkunde vor ihm vergessen hatte. Es bleiben Zweifel.

Von Alexander Schneider

© Symbolfoto: Tobias Kleinschmidt/dpa

Wissen Sie noch, wen sie in ihrer Bankfiliale gesehen haben, als Sie dort vor zwei Jahren Geld abgehoben haben? Die Erinnerungsfähigkeit von Zeugen wurde in einem Prozess am Amtsgericht Dresden auf eine harte Probe gestellt. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter hat Anzeige bei der Polizei erstattet, nachdem er festgestellt hatte, dass ihm 100 Euro fehlten. Der 32-Jährige hatte das Geld am 5. November 2011 mittags am Automaten einer Bankfiliale in der Königsbrücker Straße abgehoben – und dort möglicherweise vergessen einzustecken, nachdem er seine Kreditkarte entgegengenommen hatte.

Am Freitag stand nun ein 55-jähriger Kraftfahrer aus Langebrück wegen Unterschlagung vor Gericht. Der Mann war der Bankkunde, der sich in dem Vorraum Kontoauszüge ausdrucken ließ, während der 32-Jährigen nebenan den Geldautomaten bediente. Es bestand daher der Verdacht, dass sich der Angeklagte das mutmaßlich vergessene Geld eingesteckt hatte. Der Angeklagte sagte, er habe sogar auch Geld abheben wollen, es aber nicht getan, weil nicht mehr so viel auf seinem Konto war.

Der Geschädigte erkannte nun als Zeuge vor Gericht den Angeklagten wieder als den Mann, der mit ihm in dem Bankvorraum gewesen war. Er sagte, als ihm draußen vor der Bank aufgefallen sei, dass ihm das Geld fehlte, sei er zurück und habe Blickkontakt zu dem Angeklagten gesucht. Der Kunde werde ihm schon sagen, wenn ihm dort die 100 Euro aufgefallen wären, so der etwas merkwürdige Gedankengang. Weil er keine Reaktion erhalten habe, sei der 32-Jährige nach Hause gegangen.

Verwirrende Zeugenaussagen

Der Geschädigte hatte jedoch einige widersprüchliche Angaben gemacht. Gegenüber der Polizei hatte er angegeben, er habe eine Stunde später zu Hause alle Taschen durchsucht und den Verlust des Geldes festgestellt. Vor Gericht sagte er, er habe das Geld abgehoben, um in der Schauburg Eintrittskarten zu kaufen. Tatsächlich ging er aber von der Bank nach Hause und nicht zur Schauburg. Ein Bekannter habe ihn eine Viertelstunde später in seiner Wohnung abgeholt, sagte er. Für Verteidiger Herbert Winter waren diese verwirrenden Aussagen ein Fest. Der Zeuge entgegnete: „Ich weiß, dass das unkonventionell ist, aber es war so.“ Bei seiner Polizeiaussage habe man dem Geschehen nach der Abhebung keine Bedeutung beigemessen. Winter argumentierte, dass der 32-Jährige sein Geld auch verloren haben könnte.

Zwei weitere Zeugen, die nach dem Geschädigten an dem Bankautomaten waren, wurden ebenfalls befragt. Sie konnten sich jedoch nicht erinnern, den Angeklagten oder den 32-Jährigen gesehen zu haben.

Das Gericht sprach den Angeklagten daher frei, wie es zuvor die Staatsanwältin und der Verteidiger auch gefordert hatten. „Es ist nicht bewiesen, dass Sie es nicht waren“, sagte der Richter zu dem Kraftfahrer. „Ich bin aber weit entfernt zu sagen, dass Sie es waren.“ Die Zweifel hätten überwogen. Ausdrücklich betonte der Richter die Unzulänglichkeiten der Angaben des Geschädigten. Der Mann hätte doch einfach den Angeklagten am Bankautomaten auf das Geld ansprechen können.

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