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Montag, 14.05.2018

Schlechtes Pflaster für Radler

Der Magistrat von Prag will Radfahrer künftig ganz aus der Innenstadt verbannen. Die Begründung hört sich äußerst absurd an, bedenkt man die reale Situation für Fahrradfreunde in der Stadt.

Von Hans-Jörg Schmidt

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Geht es nach den Prager Behörden, dürfen Radfahrer künftig nur noch bei Ausfahrten mit historischen Rädern in die Innenstadt.
Geht es nach den Prager Behörden, dürfen Radfahrer künftig nur noch bei Ausfahrten mit historischen Rädern in die Innenstadt.

© picture alliance / dpa

Wer in Prag mit dem Rad fährt, ist selbst daran schuld. In großen Teilen ihres Kerns ist die Stadt für den heutigen Straßenverkehr nicht gemacht. Schon zu Fuß läuft man sich auf dem elendigen Kopfsteinpflaster an einem einzigen Wochenende – zur Freude seines heimischen Schuhmachers – die Hacken schief. Die Radler sind auf diesem äußerst gewöhnungsbedürftigen Untergrund schon gar nicht zu beneiden.

Nein, in Prag bewegt sich das vernunftbegabte Wesen besser mithilfe der perfekten öffentlichen Verkehrsmittel von einem Punkt zum anderen. Die Straßenbahnen und Busse fahren höchst pünktlich und wie die U-Bahn – die Metro – für einen europaweit lächerlich geringen Preis. Mit einer App kann man zudem die Fahrkarten locker per Handy buchen und muss an den Automaten für die Tickets nicht ewig nach den tschechischen Münzen suchen, die ansonsten unumgänglich sind.

Es soll auch ein paar versprengte, nicht wirklich ernst zu nehmende Touristen geben, die sich in ihrer Unterkunft ein Fahrrad ausleihen, um damit die Moldaustadt zu erobern. Um es klar zu sagen: Wer sich das freiwillig antut, dem gehört mein aufrichtiges Beileid. Als Radler müssen die sich die engen Holper-Straßen und -Gassen mit dem Autoverkehr teilen. Und in Prag sind deutlich mehr Autos zugelassen als etwa in Wien.

Die Prager Autofahrer sind zudem nicht sehr fein, um es liebevoll auszudrücken. So manch einer scheint seinen Führerschein im staatlichen Lotto gewonnen zu haben – ohne jede Schulung, geschweige denn Prüfung. Radfahrer sind für die Prager Autofahrer schlichtweg „die Pest“.

Dabei hält sich deren Zahl in sehr engen Grenzen. Die Tschechen sind ja nicht kollektiv auf den raschen Tod aus. Aber den riskieren sie, so sich in die „Hölle“ wagen, also auf normale Straßen. Noch mehr die in der Regel ortsunkundigen Radfahrer aus dem Ausland. Aber bitte – wer partout nicht am Leben hängt und in einer traumhaft schönen Stadt seine letzte Ruhestätte finden möchte – soll er doch in Prag Rad fahren.

Zwar werden seit etwa drei Jahren auf den Asphalt zunehmend unübersehbare Logos mit Radfahrern gemalt. Aber diese aufwendige Arbeit ist völlig nutzlos. Rechts neben ihrem Streifen parken die Autofahrer und würden nur in einem seltenen Anfall von Rücksichtnahme in den Rückspiegel gucken, ehe sie die Tür zum Aussteigen öffnen – und lieber gern mal einen Radler von seinem Gefährt wehen. Links des Radlerstreifens braust der Autoverkehr. Mit dem ist schon gar nicht gut Kirschen essen.

Geradezu ein Witz ist, dass der Prager Magistrat jetzt den Radlern große Teile der Innenstadt sperren will. Nein, gemach – nicht aus Sorge um deren kostbares Leben. Die Radfahrer, so die Begründung, seien „zu rücksichtslos gegenüber den Fußgängern“. Absurdistan, möchte man aufschreien: Es gab in den vergangenen Jahren ganze zwei Unfälle mit Radlern und Fußgängern. In Worten: zwei!

Nein, Prag will die Radler einfach nicht. Nach dem Motto: Sollen die ihren Urlaub gefälligst in Holland oder im Münsterland verbringen. Da können sie Rad fahren ohne Ende. Und das völlig ungefährdet. Anders als in Prag.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 8 Kommentare

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  1. Richtig so

    Eine derartige Entscheidung würde ich mit für die Touristenzonen in Dresden (Neumarkt, Prager Straße, Theaterplatz, Sophienstraße, Augustosbrücke, ...) ebenfalls wünschen. Und zur genannten Unfallzahl: Die meisten Unfälle zwischen Fußgängern und Radfahrern wereden doch gar nicht polizeilich erfasst, weil der Radfahrer längst weg ist. Von Nötigungen per Klingel etc. ganz zu schweigen

  2. @Richtig so

    Leider ist die von Ihnen genannte Streckenführung die kürzeste vom Albertplatz zum Hauptbahnhof und vor allem auch die mit den wenigsten Ampeln. Ich hatte es mal alternativ über die Marienstrasse (statt Prager Str.) probiert, aber da 5 Min. an der Ampel am Dippoldiswalder Platz warten zu müssen, fand ich jetzt nicht sooo toll.

  3. Rob

    @1: "Nötigung per Klingel" - Ihnen ist es also lieber, dass der von hinten kommende Radler nicht klingelt, um Sie nur nicht zu erschrecken? Hui - und schon ist er vorbeigerauscht. Oder in Sie hinein, weil Sie gerade mal im falschen Moment einen Schritt zur falschen Seite getan haben...

  4. Thomas Rosenberg

    @3: Was hat eigentlich der Radfahrer, der, wenn 1 im "falschen" Moment einen Schritt zur "falschen" Seite getan hat, in ihn hineinfährt, auf dem Fußweg zu suchen? Richtig, nichts. Ok, wer das 13. Lebensjahr noch nicht vollendent hat, darf das. Läßt dieser Sachverhalt Rückschlüsse auf die geistige Entwicklung von den Fußweg benutzenden Radfahrern zu?

  5. Hinweis

    Aktuell existiert an den meisten von @1 genannten Stellen die Beschilderung "Fußweg" bzw "Fußgängerzone" mit Zusatzschild "Radfahrer frei" bzw. "Verkehrsberuhigter Bereich". Das bedeutet, Radfahrer haben - wenn sie dort fahren - Schrittgeschwindigkeit einzuhalten. Wenn Sie schneller fahren wollen, können Sie gern die umliegenden Straßen nutzen. Für @3: Das heißt, sie haben weder mittels Klingel zu drängeln noch vorbeizurauschen. Aber leider sind die beiden von Ihnen genannten Verhaltensweisen mittlerweile Standard. Da braucht man sich dann nicht wundern, wenn ein Totalverbot gefordert oder wie in Prag auch durchgesetzt wird. Anders ausgedrückt: "Sowas kommt von sowas"

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