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Montag, 17.09.2018

Rückkehr an den Wilhelmsplatz

Der gebürtige Görlitzer Karl Pohl schenkt der Stadt Görlitz kostbare Bilder und erzählt Gymnasiasten von seinen Lehrerstreichen.

Von Daniela Pfeiffer

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Dieses Ölgemälde ist ihm lieb und teuer: „Es ist das hohe Lied auf die Frau“, sagte Karl Pohl (links) am Freitag im Barockhaus, als er feierlich einen Teil seines künstlerischen Lebenswerks den Görlitzer Sammlungen überließ. Dessen Leiter Kai Wenzel freute sich sehr darüber.
Dieses Ölgemälde ist ihm lieb und teuer: „Es ist das hohe Lied auf die Frau“, sagte Karl Pohl (links) am Freitag im Barockhaus, als er feierlich einen Teil seines künstlerischen Lebenswerks den Görlitzer Sammlungen überließ. Dessen Leiter Kai Wenzel freute sich sehr darüber.

© pawelsosnowski.com

Karl Pohl bei einem Klassenausflug Anfang der 1950er-Jahre.
Karl Pohl bei einem Klassenausflug Anfang der 1950er-Jahre.

© privat

Görlitz. Ja, das Klavier. Es ist immer noch das alte. Da ist Karl Pohl sich ganz sicher, als er es am Freitag in der Aula des Joliot-Curie-Gymnasiums wieder entdeckt. „Auf dem habe ich mal gespielt, um dem Singen zu entgehen. Und es hat funktioniert, der Lehrer hatte ein Einsehen und gab mir trotzdem eine gute Note.“ So viele Namen von Lehrern hat Karl Pohl noch parat, samt Spitznamen. So viele kleine Anekdoten weiß er noch zu berichten. Dabei ist es 64 Jahre her, dass er mit dem Abi in der Tasche den Wilhelmsplatz verlassen hat.

So viel ist seitdem geschehen, wie viel Zeit hat man, ein ganzes Leben zu erzählen? Aber Karl Pohl versuchte am Freitag, zumindest die wichtigsten Ereignisse zu umreißen. Seine erste Station war am Morgen das Barockhaus. Hierher kam er nicht allein, sondern mit Frau und weiteren Verwandten – und mit einem großen Schatz im Gepäck: 140 seiner Bilder. Denn schon seit seiner Schulzeit hat der 82-Jährige, der aber deutlich jünger wirkt, immer gemalt. Der Görlitzer Künstler und Zeichenlehrer Werner Panitz brachte ihm das in dem legendären Zeichenzirkel bei. „Er schenkte mir Ölmalfarben, so fing alles an“, berichtete Pohl am Freitag.

Knapp 1 000 Zeichnungen und Gemälde sind über die Jahrzehnte entstanden, Pohl gründete in seiner neuen Heimat in Hessen einen Künstlerverein, stellte schon oft aus. „Aber wenn man älter wird, fragt man sich natürlich schon langsam, was wird einmal aus den ganzen Bildern.“ Also kam er auf die Idee, zwei an seine frühere Schule zu verschenken. Das ist inzwischen auch geschehen. Doch Ulf-Carsten Zippel, Lehrer am Curie-Gymnasium, erkannte, wie wertvoll nicht nur Pohls Bilder, sondern auch seine ganze Person für die Schule wie auch für die Stadt seien. Er vermittelte den Kontakt zum Kulturhistorischen Museum, das das Angebot der Schenkung dankbar annahm. „Unser grafisches Kabinett ist ein wunderbarer Ort, diese Werke aufzubewahren“, sagt Kai Wenzel vom Kulturhistorischen Museum. Seit dem 15. Jahrhundert werden hier Bilder gesammelt, 60000 sind es heute. „Man kann sie nach Anmeldung jederzeit besichtigen, gelegentlich werden sie in Sonderausstellungen gezeigt.“

Vielleicht melden sich auch Curie-Schüler einmal an. Neugierig haben sie die zwei Stunden mit Karl Pohl definitiv gemacht. Denn wenn schon ein so interessanter Zeitzeuge in der Stadt ist, sollte er natürlich auch seinen Schülern berichten, hatte sich Ulf-Carsten Zippel gewünscht. Und so hingen die Zehntklässler förmlich an Pohls Lippen, lauschten gespannt seinen Erzählungen und stellten Fragen – am liebsten zum früheren Schulalltag. Wie der Sportunterricht früher denn so war, wollten sie wissen. Aber das war ein wunder Punkt bei Karl Pohl. „Na ja, ich hatte es nicht so mit dem Sport. Eine Bescheinigung bestätigte mir, dass ich untauglich bin und so war ich vom Sport befreit.“ Und die Mädchen? „Oh, das waren ganz andere Zeiten.“ Die Geschlechter-Trennung an den Görlitzer Schulen war gerade erst aufgehoben worden. „Wir waren mit die Ersten, die gemischt in die Schule gingen und so wie heute war das natürlich nicht. Wir waren schüchtern.“ Trotzdem hatte er ein Mädchen im Auge, mit dem er sogar im Kino war. Auch eine Lehrerin weckte seine Aufmerksamkeit – und die der männlichen Mitschüler. Chemielehrerin Frau Flex – von den Schülern Püppie getauft.

Sie hat Karl Pohl in seinen Schulerinnerungen mit bedacht, die anlässlich seines Besuches jetzt in der aktuellen Ausgabe der Schülerzeitung des Curie-Gymnasiums erschienen sind. Seinen ganzen Weg hat Pohl hier aufgezeichnet, alte Fotos beigefügt, ja sogar Zeugnisse abdrucken lassen. „Ich habe nichts zu verbergen“, sagt er und lacht.

Natürlich ist ihm auch die jüngst verstorbene Lehrer-Legende Günter Nammert tief im Gedächtnis hängen geblieben. Biologie hatte Pohl bei ihm. „Bei Klassenarbeiten hat er immer ewig lang ein gläsernes Wandbild betrachtet, bis wir irgendwann dahinter kamen, dass es sich spiegelte und er uns beobachtete.“

Trotz schöner Erinnerungen prägten Pohl schon seit Kindertagen die politischen Entwicklungen. Spätestens seit den Ereignissen um den Volksaufstand 1953, den er in Görlitz miterlebte und von dem ihm das Bild von Panzern auf dem Postplatz im Kopf blieb, stand für ihn fest: Er will sich nicht in eine Richtung drängen lassen. Mitten im Ingenieursstudium an der TU Dresden, folgte Karl Pohl 1955 seinen beiden älteren Geschwistern nach Westberlin. Die Eltern blieben in Görlitz zurück. „Sie müssen sehr gelitten haben, aber Eltern wollen ja immer das beste für die Kinder, also ließen sie uns gewähren.“ Heute ist Pohl jedenfalls heilfroh, die eigene Tochter mit im Ort zu wissen.

Nach Görlitz kehrt Pohl mit seiner Frau immer noch gern zurück, schließlich lebt eine Schwester von ihm noch hier. „Bei einem Tag des offenen Denkmals war ich mal der 1000. Besucher, da haben sie mir Görlitzer Liebesperlen geschenkt.“ Diese Geschichte erzählte er am Freitag amüsiert gleich zweimal: im Barockhaus wie auch in der Schule.

Den Zehntklässlern, die er für ihr aufmerksames Zuhören ausdrücklich lobte – das sei heute schließlich nicht mehr die Norm – gab er mit auf den Weg: „Ihr müsst lernen, lernen, lernen. Und bewahrt Euch immer Wendigkeit und Mobilität.“ Dann können sie vielleicht auch wie er selbst nach acht Lebensjahrzehnten sagen: „Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden. Ich habe immer gespart und gearbeitet und trotzdem viel von der Welt gesehen. Ich habe nichts versäumt.“

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