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Freitag, 12.10.2018

Rollenspiele gegen Rowdys

Von Christoph Springer

Steht die Handtasche in der Bahn auf dem Schoß, hat der Dieb leichtes Spiel, zeigt das Rollenspiel bei der Polizei. Da hilft auch nicht, sie festzuhalten.
Steht die Handtasche in der Bahn auf dem Schoß, hat der Dieb leichtes Spiel, zeigt das Rollenspiel bei der Polizei. Da hilft auch nicht, sie festzuhalten.

© René Meinig

Die Tasche gehört an den Körper, bestenfalls mit den Henkeln über der Schulter. Der Arm liegt über der Taschenöffnung, die Hand greift auf der Unterseite um die Tasche. So ist sie in Bus und Bahn sicher, erklärt Jan Wittmann. Der 42-Jährige ist Polizist und gehört zu den Mitarbeitern der Polizeidirektion Dresden, die täglich erklären, wie man sich, sein Hab und Gut und seine Daten am besten schützen kann. Prävention ist dafür der Fachbegriff und die Mitarbeiter dieser Abteilung bei der Dresdner Polizei haben sich etwas Neues ausgedacht. Sie laden ab Anfang November zu einer neuen Veranstaltungsreihe ein. „Wissen bringt Sicherheit“ ist der Titel der etwa zehnteiligen Reihe. Alle vier bis acht Wochen soll solch eine Veranstaltung stattfinden. Dabei stehen stets anschauliche Beispiele im Mittelpunkt, an denen Wittmann dann das richtige Verhalten erklärt.

Eins davon ist eine Situation in einer Straßenbahn: Eine Frau sitzt auf einem Viererplatz am Fenster, die anderen drei Plätze sind leer. Ein Mann steigt ein. Er entdeckt die Frau, macht sie als Opfer seiner Annäherungsversuche aus und setzt sich breitbeinig auf den Sitz diagonal gegenüber. Der Mann sieht sie an, beugt sich dabei zu ihr, kommt ihr so immer näher und engt die Frau ein. Wittmann hat seinen Kollegen Thomas Paul engagiert, er spielt bei diesem Verhaltenstraining den aufdringlichen Mann. Die Frau ihm schräg gegenüber ist eine Besucherin der Präventionsveranstaltung. Sie schlägt die Beine übereinander, verschränkt die Arme, schaut weg und wird den Gaffer dennoch nicht los. Was tun? „Nicht aufstehen, umdrehen und zur Tür laufen“, rät Wittmann. Denn dadurch könnte sich der Mann nur angespornt fühlen, seine Annäherungsversuche zu intensivieren. Auf den Sitz ihm gegenüber rutschen, ihn dabei ruhig ansehen, aufstehen, und ohne ihn aus dem Blick zu lassen, zu einem Platz gehen, an dem man mit dem Rücken zur Wand steht. So kann sich der Gaffer nicht von hinten nähern.

Wittmann redet, erklärt, beschreibt und ist dennoch der Überzeugung: Das eigene Erleben ist durch nichts zu ersetzen. Deshalb hat er zusammen mit mehreren Kollegen die neue Veranstaltungsreihe erdacht. Ein Dreivierteljahr hat das gedauert, sagt Heike Matschke, Chefin der Präventionsabteilung. Polizeipräsident Horst Kretzschmar ist überzeugt von dem neuen Angebot. „Ich habe durch Rollenspiele am meisten gelernt“, sagte er am Donnerstagnachmittag bei der Vorstellung der Reihe. „Die Fehler, die man dabei macht, bleiben länger in Erinnerung.“

Die Beamten wurmt, dass trotz ihrer täglichen Arbeit das persönliche Sicherheitsgefühl der Dresdner leidet. „Wir wollen es anheben, nicht noch mehr schwächen“, sagt Kretzschmar. Die Kriminalitätszahlen zeigen: eigentlich dürfte die Polizei damit kein Problem haben. Seit 2014 ist die Zahl der Straftaten in Dresden stetig gesunken. „Dresden ist eine große, sichere Stadt“, schlussfolgert der Polizeipräsident aus der Statistik. „Man kann nachts umherlaufen, auch als Frau“, aber Einzelereignisse würden dramatisiert. „Subjektiv ist die Welt etwas aus den Fugen geraten.“

Die Veranstaltungsreihe soll nun helfen, gegen dieses Gefühl anzugehen. Dabei besucht die Polizei erstmals nicht in Institutionen wie Schulen und Seniorenheime, um dort über mögliche Gefahren und das richtige Verhalten zu referieren. Dieses Mal laden die Beamten die Dresdner zu sich in die Direktion an der Schießgasse ein. Das ist neu. 60 bis 80 Menschen haben dort in dem Saal Platz, in dem Wittmann und seine Kollegen zeigen wollen, was auf der Straße, in Verkehrsmitteln, zu Hause oder im Internet falsch laufen kann und wie man sich richtig verhält. Entscheidende Hilfe sind dabei die Beispiele, in die die Besucher einbezogen werden sollen. Dazu gehört auch, seine Umgebung im Blick zu haben, die eigene Beobachtungsgabe zu trainieren. „Wenn ich mit meiner Frau einkaufen gehe, sie etwas anprobiert und es mir vorführt, dann versuche ich, mich zu erinnern, was sie vorher getragen hat“, beschreibt Wittmann seine eigene Strategie, „das hilft sehr.“

Die wichtigste Handlungsregel sei aber stets, eine womöglich brenzlige Situation zu erkennen, sie zu beurteilen, eine Handlungsentscheidung zu fällen und schließlich auch zu handeln. Was das zum Beispiel heißt, wenn man von einem Pöbler angegangen oder in einer Straßenbahn bedrängt wird, zeigen die Beamten in ihrem ersten Verhaltenstraining am 1. November. Der Titel bei diesem Termin lautet: „Sicher durch Dresden – Körpersprache und Verhaltenstraining“.

„Wissen bringt Sicherheit“, Veranstaltungsreihe der Dresdner Polizei; erste Veranstaltung am 1. November um 18 Uhr, Polizeidirektion Dresden, Schießgasse 7, Kurländersaal; telefonische Anmeldung 0351 6524 3690 oder per E-Mail an [email protected]

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