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Dienstag, 12.06.2018 Gerichtsbericht

Rinder sterben nach Hungerqualen

Der Freitaler Steuerberater und Tierhalter wehrt sich vor Gericht gegen die Vorwürfe – und kritisiert die Amtstierärzte.

Von Stephan Klingbeil

Auf einer Weide in Freital-Somsdorf standen jahrelang Angusrinder wie diese. Nachdem sechs der Tiere gestorben waren, wurde der Halter angeklagt.
Auf einer Weide in Freital-Somsdorf standen jahrelang Angusrinder wie diese. Nachdem sechs der Tiere gestorben waren, wurde der Halter angeklagt.

© Uwe Soeder

Freital. Die Ohren waren ab, der Schwanz fehlte, das kleine Kalb saß offenbar schon längere Zeit im Schnee, es stand nicht mehr auf. Wie die 14 anderen Angusrinder auf der winterweißen Wiese an der Friedenshöhe in Freital-Somsdorf war das Jungtier abgemagert. Das fiel zwei Anwohnern auf. Sie sorgten sich um das Wohl der Rinder und riefen am Vormittag jenes 16. Januar vorigen Jahres beim Veterinärdienst im Landratsamt an. Eine Tierärztin von dort ging ihren Hinweisen umgehend nach.

„Die Tiere waren hochgradig abgemagert, ihr Zustand war offensichtlich schon länger so, sie waren einfach fertig“, erklärt die 42-Jährige am Montag am Amtsgericht in Dippoldiswalde. Dort musste sich der Halter der Rinderherde verantworten.

Der als Steuerberater tätige Agraringenieur aus Freital habe in 15 Fällen gegen das Tierschutzgesetz verstoßen. Er soll die Angusrinder nicht artgerecht gehalten beziehungsweise nur unzureichend gefüttert und unnötigen Qualen ausgesetzt haben. Insgesamt sechs der Rinder verendeten in der Folge oder mussten eingeschläfert werden. Auch für das Kalb, dem Ohren und Schwanz fehlten, kam jede Hilfe zu spät.

Dem 53-jährigen Angeklagten droht im Falle einer Verurteilung eine satte Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Der Beschuldigte wehrt sich indes gegen die Vorwürfe. Der Deutsche beteuert vor Gericht, dass seine Familie und er damals im Gegenteil sogar alles versucht hätten, um die Tiere wieder aufzupäppeln. „Die haben einfach nichts mehr gegessen“, sagt der Steuerberater.

Nachdem sie im Dezember 2016 bemerkt hätten, dass etwas nicht stimmte – damals sei laut Veterinärdienst bereits ein erstes Rind verendet –, hätten sie die abgemagerten Tiere intensiver versorgt. „Die Tiere haben gefressen, der Kot war normal, und meine Tochter hat jeden Tag Fieber gemessen, sie hatten kein Fieber“, versichert der Angeklagte. „Ich bin doch kein Tierquäler, sondern achte sehr auf das Tierwohl.“

Der Freitaler hat seine eigene Theorie für jene Ereignisse auf seiner Weide. Demnach hätten die Tiere nichts gegessen, weil sie wohl krank waren. Womöglich sei das Maisfutter mit gefährlichen Bakterien verunreinigt gewesen. Ferner seien Füchse in der Gegend unterwegs gewesen, die möglicherweise Tollwut hatten. Er selbst habe mal einen Fuchs, der ihn attackiert hätte, mit der Mistgabel erschlagen müssen.

Dass es aber ein Fuchs gewesen sei, der damals das wehrlose Kalb angeknabbert hatte, glaubt er indes nicht. „Ich habe Experten gefragt, die meinten, dass ein Fuchs so etwas nicht macht“, sagt der 53-Jährige. „Demnach war es vielleicht eher eine Wanderratte, die Ohren und Schwanz angefressen hat.“ Jedenfalls, so betont er, würden diese Verletzungen nicht von Erfrierungen stammen. Doch genau das hätte in einem ersten Bericht der Tierärztin gestanden, die von Anwohnern alarmiert worden war.

Obendrein sei diese Diagnose Ende Februar 2017, also nach dem Tod des sechsten Rinds seiner Herde, auch bei der Anzeige aufgeführt worden, die zum jetzigen Prozess führte. Der Ärger darüber passt zum Bild des Angeklagten von den Amtstierärzten, denen er vor Gericht die Fachkompetenz abspricht. Sie hätten „unbrauchbare Heu- und Kotproben“ gesammelt, die laut Verteidigung auch das Labor der Landesuntersuchungsanstalt später kritisiert habe. Das Maisfutter hätten die Tiermediziner gleich gar nicht zur Analyse eingeschickt. Und sie hätten ihn „enteignet“, als sie zwei Rinder, die nicht mehr laufen konnten, damals zu einem anderen Landwirt brachten, wo die schwer gezeichneten Tiere dann am 18. Januar 2017 verendeten.

Im Mai 2017 wurden die verbliebenen elf Angusrinder des Angeklagten nach einem Gerichtsbeschluss von der Polizei beschlagnahmt. Auch damals sei der Zustand der Tiere „nicht wesentlich besser“ gewesen, sagt eine der Amtstierärztinnen, die damals vor Ort waren. Die 55-Jährige wehrt sich vor Gericht wie ihre Kollegin gegen die Vorwürfe des Angeklagten. Die Erkrankungen der Tiere seien „klar eine Folge der schlechten Haltung“ gewesen. Außerdem habe es bereits seit 2012 immer wieder Verstöße bei der Rinderherde gegeben, auf die sie hingewiesen hätten. Der Beschuldigte, dem auch noch Siegelbruch vorgeworfen wird, sieht sich aber zu Unrecht angeklagt.

Da noch weitere Zeugen aussagen sollen, wird der Prozess auf Anfang Juli vertagt.

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