• Einstellungen
Montag, 08.10.2018

Raumpioniere erfolgreich in der Telux gelandet

Über 100 vorwiegend junge Teilnehmer kommen nach Weißwasser und informieren sich über das Leben auf dem Land.

Von Rolf Ullmann

Bild 1 von 2

Anne-Sophie Hussler und Patrick Pirl gehören zu den jungen Menschen im Landkreis Görlitz, die der Großstadt den Rücken gekehrt haben, um im ländlichen Raum ein neues Zuhause sowie ihre künftige Wirkungsstätte zu finden. Die beiden haben vier Jahre in Dresden verbracht und leben jetzt in Kringelsdorf, einem Ortsteil der Gemeinde Boxberg.
Anne-Sophie Hussler und Patrick Pirl gehören zu den jungen Menschen im Landkreis Görlitz, die der Großstadt den Rücken gekehrt haben, um im ländlichen Raum ein neues Zuhause sowie ihre künftige Wirkungsstätte zu finden. Die beiden haben vier Jahre in Dresden verbracht und leben jetzt in Kringelsdorf, einem Ortsteil der Gemeinde Boxberg.

© Rolf Ullmann

Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach haben zu dieser Veranstaltung im soziokulturellem Zentrum Telux am Sonnabendnachmittag eingeladen und leiten diese.
Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach haben zu dieser Veranstaltung im soziokulturellem Zentrum Telux am Sonnabendnachmittag eingeladen und leiten diese.

© Rolf Ullmann

Weißwasser. Stadtflucht, Entvölkerung auf dem Land, sterbende Dörfer, diese Begriffe beherrschen nur allzu oft die Schlagzeilen in einigen Medien, wenn es darum geht, den Blick auf das Verhältnis zwischen Stadt und Land zu richten. Doch entspricht dies wirklich der Realität, bieten die Großstädte wirklich so viel mehr an Lebensqualität, Kultur sowie die Möglichkeit soziale Kontakte zu knüpfen und zu bewahren? Oder birgt das Leben im ländlichen Raum nicht doch die Möglichkeit, sich ein Umfeld zu schaffen, in dem man sich wohlfühlt und das man nicht mehr so ohne Weiteres eintauschen möchte. Über diese Fragen zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und eigene Projekte vorzustellen, darin besteht das Anliegen der Veranstaltung, zu der die Raumpioniere Oberlausitz am Sonnabendnachmittag in das soziokulturelle Zentrum Telux in Weißwasser eingeladen hatten.

Die Kennzeichen der hier geparkten Pkw verraten, dass die Einladung nicht nur im Landkreis Görlitz, sondern auch in Berlin, Dresden sowie weiteren Städten in Sachsen und Brandenburg dankbar angenommen wurden.

Zum Auftakt zieht Professor Gerhard Henkel in seinen Ausführungen ein Fazit darüber, wie gegenläufig sich das Leben auf dem Land in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Er stellt die bessere Infrastruktur, das weltoffenere und wohlhabendere Dasein der Landbevölkerung den Verlusten gegenüber, welche eine große Zahl der Gemeinden hinnehmen mussten. Geschlossene Schulen, Kindergärten, Gaststätten und oftmals auch die nicht mehr vorhandenen Betriebe beeinflussen die Lebensqualität im ländlichen Raum negativ. Seiner Meinung nach entscheidet sich das weitere Schicksal der Dörfer auf zwei großen Ebenen, nämlich durch die der Bürger und die der Kommunalpolitik. An den Bürgern und ihren Initiativen liege es, ob es gelingt, Pläne und Vorhaben zu verwirklichen. Zum anderen verurteilt er die streng zentralistisch ausgerichtete Eingemeindungspolitik als einen, seiner Meinung nach, falschen Weg. Er sagte, „über 20 000 Dörfer und Kleinstädte wurden dadurch zu ohnmächtigen Opfern der Gebietsreform“.

Dass es auch anders geht, wenn man den Gemeinden ihre Entscheidungsbefugnisse und die Selbstständigkeit belässt, zeigt die Gemeinde Nebelschütz. „Wir haben sogar eine Warteliste für diejenigen, die zu uns ziehen wollen, einrichten müssen“, sagt deren Bürgermeister Thomas Zschornak. Er führt diese erfolgreiche Entwicklung vor allem auf das bürgerschaftliche Engagement der Einwohner zurück.

Dr. Wolfgang Schmidt spricht in seinen Ausführungen über die Neue Ländlichkeit, die zunehmend Menschen veranlasst, der Großstadt den Rücken zu kehren. Er sagt: „Landleben ist Luxus und hat Zukunft trotz einer bescheuerten Kommunalpolitik.“ Das Gerede über eine anhaltende einseitige Landflucht sei eine Fiktion, die gerade durch die jüngere Entwicklung widerlegt wird. Gaben vor 20 Jahren noch 54 Prozent der Befragten an, dass es sich in der Stadt besser leben lässt, so sind es heute nur noch 21 Prozent, die dieser Meinung sind. Zwei Drittel der unter 25-Jährigen wollen später einmal auf dem Land leben. Die Digitalisierung, die ebenso einen Segen als auch einen Fluch darstellt, hat das Leben auf dem Land geradezu revolutioniert. Informationen der vielfältigen Art und der kulturelle Austausch zwischen den Menschen sind seither kein Privileg der Städte mehr. Der Hektik und dem Getriebe der Städte mit ihren Problemen wollen viele entfliehen und diese gegen andere Werte auf dem Land eintauschen.

So ist es auch Anne-Sophie Hussler und Patrick Pirl ergangen. Nach vier Jahren, in denen sie in der Großstadt Dresden gelebt hatten, beschlossen sie: Wir wollen zurück aufs Land. „Wieder einmal über eine Wiese laufen und im Wald spazieren gehen, Nächte erleben, in denen es wirklich dunkel ist, das sind nur einige Punkte des großen Zugewinns der Rückkehr“, berichtet Anne-Sophie Hussler. Ihren Plan, einen ehemaligen Zirkuswagen zu ihrer Heimstatt auszubauen, schieben sie noch vor sich her. Denn inzwischen haben sie ihr erstes Projekt verwirklicht. Nach dem schwedischen Vorbild 1 Nite Tent ist es ihnen gelungen, eine Übersicht zu erstellen, in der 44 Zeltplätze, darunter 20 in der Region, erfasst sind, auf denen man für eine Nacht kostenlos sein Zelt aufschlagen darf. Auch die Görlitzerin Lisa Kießling ist nach Jahren in der Fremde zurückgekehrt. Sie vertauscht dabei unter anderem Stuttgart mit ihrem jetzigen Wohnsitz in Dürrhennersdorf. Bereut hat sie diesen Schritt bisher auf keinen Fall.