• Einstellungen
Freitag, 12.10.2018 Aus dem Gerichtssaal

Rasender Radler

Aus einem Fahren auf dem Gehweg entwickelt sich eine handfeste Auseinandersetzung. Der Angeklagte profitiert auch von einer Justizpanne.

Von Jürgen Müller

Rasende Radler auf Fußwegen sind eine Gefahr. Als ein Passant den Angeklagten zurechtweist, eskaliert die Situation. Doch nicht nur der Radfahrer rastet aus.
Rasende Radler auf Fußwegen sind eine Gefahr. Als ein Passant den Angeklagten zurechtweist, eskaliert die Situation. Doch nicht nur der Radfahrer rastet aus.

© Emily Wabitsch/dpa

Der 32-Jährige ist ein guter Bekannter. Schon 15-mal saß der gebürtige Riesaer vor Gericht, kennt Gefängnisse zur Genüge von innen. Er ist nicht nur Alkoholiker, er hat auch schon eine beachtliche kriminelle Karriere hinter sich. So saß er beispielsweise wegen Totschlags eine achtjährige Jugendstrafe vollständig ab. Zuletzt wurde er am Amtsgericht Meißen zu acht Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Er hatte in seinem Wohnhaus an der Neugasse in Meißen ein Fahrrad in die Triebisch geworfen, ein anderes auf den Hinterhof gekracht. Die Tat geschah aus Ausländerfeindlichkeit. Denn die Räder gehörten syrischen Flüchtlingen. Als die ihn zur Rede stellen wollten, griff er einen der Syrer mit einem – allerdings stumpfen – Samurai-Schwert an und verletzte ihn leicht.

Die acht Monate musste er dennoch nicht absitzen. In der Berufung verringerte das Landgericht die Strafe nicht nur auf fünf Monate, sondern setzte diese zur Bewährung aus. Dass er derzeit dennoch im Gefängnis sitzt, hat einen anderen Grund. Es wurden zwei andere Bewährungen widerrufen. Die sitzt er nun ab. Und so wird er auch diesmal aus der Haft vorgeführt. Und auch diesmal spielte der Alkohol bei der Tat eine entscheidende Rolle.

Angesichts seiner Vorstrafen ist die jetzige Anklage allerdings eher gering. Fahrlässige Trunkenheit im Verkehr und Körperverletzung wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Der Mann soll auf der Neugasse in Meißen auf einem Gehweg gefahren und auch noch gerast sein. Als ihn ein Passant ansprach und darauf aufmerksam machte, dass dies ein Gehweg und kein Radweg sei, soll der Angeklagte angehalten haben, umgedreht sein und den Fußgänger angegangen haben. Zwar kann er danach flüchten, doch die Polizei stellt ihn schnell. Ein Alkoholtest ergibt einen Wert von 1,88 Promille. Das freilich ist nicht viel für den alkoholgewöhnten Mann. Weder die Polizisten noch ein Arzt stellen alkoholbedingte Ausfallerscheinungen fest.

Der Fußgänger, den er anging, verletzte sich an der rechten Hand und erlitt Abschürfungen am Knie. Die Verletzungen zog er sich allerdings selbst zu. Nachdem ihn der Angeklagte am Hemd gepackt und dieses wohl auch zerrissen hatte, versetzte ihm der Fußgänger einen mächtigen Faustschlag, woraufhin er sich an der Hand verletzte und beide gestürzt sind. „Der kam wie ein Wahnsinniger auf dem Gehweg angerast“, sagt der Fußgänger. Der Angeklagte sei zurückgekommen und habe mit ihm „etwas klären wollen“. Er habe sich gewehrt. „Ich habe einen Schlag gesetzt, der wirkungsvoll war“, sagt der Zeuge sichtlich stolz. Wer zuerst geschlagen hat, können andere Zeugen nicht sagen. Das Gericht bezweifelt, dass es Notwehr war.

Der Angeklagte gibt sich reuig. „Ich war der Aggressor“, sagt er, entschuldigt sich und bietet an, das Hemd zu ersetzen, was der Zeuge aber ablehnt.

So bleibt am Ende nur die Trunkenheit im Verkehr. Gericht und Staatsanwaltschaft entscheiden dennoch, das Verfahren im Hinblick auf die letzte Verurteilung einzustellen. Nicht nur die Reue des Angeklagten spielt da eine Rolle, sondern auch eine Justizpanne. Denn der Angeklagte musste seine beiden offenen Bewährungen getrennt absitzen, wurde nach Verbüßen der ersten Strafe entlassen und musste kurze Zeit später wieder ins Gefängnis einrücken. Das ist unüblich und lag daran, dass der zweite Fall lange bei der Beschwerdekammer lag. „Da ist einiges schief gelaufen in der Justiz“, sagt der Richter.