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Donnerstag, 09.08.2018

Pückler wird digital

Studenten der University of Virginia forschen in Bd Muskau für eine Wissensplattform über Landschaftsarchitektur.

Von Anja Wallner

Erforschen Pücklers Wege mit Fahrrad und Kopfkamera: (von links) Gaëlle Gourmelon, Kayle J. Gename und Zhenfang Chen.
Erforschen Pücklers Wege mit Fahrrad und Kopfkamera: (von links) Gaëlle Gourmelon, Kayle J. Gename und Zhenfang Chen.

© Anja Wallner

Bad Muskau. Besucher des Fürst-Pückler-Parks in Bad Muskau werden sich dieser Tage vielleicht etwas verwundert die Augen gerieben haben, als sie junge Frauen und Männer erspähten, die mit Kopfkameras und am Lenker befestigten Smartphones durchs Gelände radelten. Nein, hierbei geht es keinesfalls um ein neues Spiel für Mobilgeräte. Hier wird knapp eine Woche lang geforscht und Wissenschaft betrieben. Zwölf Studenten sowie Dozenten vom Institut für Landschaftsarchitektur der University of Virginia im US-amerikanischen Charlottesville sind auf Initiative ihres Professors Michael Lee, der Geschichte der Landschaftsarchitektur lehrt, auf Exkursion in Bad Muskau. Es geht im Groben darum, die Lehre der Landschaftsarchitektur zu verbessern, erklärte Michael Lee am Dienstag vor Medienvertretern im Neuen Schloss in Bad Muskau. Ein ambitioniertes Projekt, immerhin soll das Landschaftsarchitektur-Institut der Uni mit seiner sehr gut ausgestatteten Bibliothek mit das beste in den Vereinigten Staaten sein. Drei Stiftungen machten mit ihren Mitteln den Studientrip nach Deutschland möglich.

Etwas anderes als Google Earth

Die Studenten spüren gruppenweise auf festgelegten Routen im Park Pücklers Visionen nach, spüren sein Gefühl, den Park in die natürlichen Gegebenheiten des Neißetals eingepasst zu haben. Die dabei angefertigten Skizzen, Fotos, Film- und Tonaufnahmen sollen am Ende in eine digitale Wissensplattform münden, als Ergänzung zu den vielen Büchern, die es über Landschaftsarchitektur gibt. Student Kayle J. Gename genießt es ganz einfach, hier so lange die Möglichkeit zu haben, fahrradfahrend zu forschen. „Das ist etwas anderes als Google Maps oder Google Earth.“

Reisen ist eine gute Erfahrung

Kommilitone Zhenfang Chen, der aus Ostchina stammt, ist erstmals in Europa. „Reisen ist eine gute Erfahrung für Landschaftsarchitekten“, sagte er, „um zu sehen, wie Landschaft Identität schaffen kann.“ Studentin Gaëlle Gourmelon kommt aus dem biologischen Fach, ist kleinteilige Detailarbeit gewöhnt. Jetzt ist sie überwältigt von Bäumen, der Umgebung, der Weite. „Wir nehmen früh und abends Töne, Bilder und Filme auf und ziehen Vergleiche“, erklärte Kayle. Die Hitze macht den Gästen übrigens nichts aus: Auch in Virginia wird es sehr warm.

Mithilfe des digitalen Lexikons, das weiterentwickelt werden soll, werden aber nicht nur Fragen der Landschaft, der Architektur, der Geschichte, der Geologie erläutert. Das würde inzwischen nicht mehr weit genug greifen. Es geht um das komplexe Verständnis von Landschaftsdesign, Raum, Kultur, Kunst, Identität und die Verbindungen untereinander, so Projektleiterin Elizabeth Meyer. Auch Pückler war nicht „nur“ Parkgestalter, sondern auch Schriftsteller. Sein Buch „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ wurde übrigens von dem US-Amerikaner Samuel Parsons (1844–1923) in der übersetzten Fassung herausgegeben.

Das Digital-Projekt ist ein Pilotvorhaben. Nicht nur der Muskauer Park ist Teil davon, als Nächstes auch der Central Park in New York. „Bad Muskau und der Central Park haben unseren Beruf in den USA beeinflusst. Deshalb entschieden wir uns, mit diesen beiden zu starten“, erklärte Elizabeth Meyer. Der riesige Park mitten in Manhattan war übrigens bei seiner Anlage inspiriert von Pückler: Frederick Law Olmsted, der mit Calvert Vaux den Central Park anlegte, orientierten sich an der Gartenarchitektur des „Grünen Fürsten“.

Und die Idee zur Fertigung der digitalen Wissensplattform hatte mit Elizabeth Barlow Rogers, die übrigens auch schon in Bad Muskau weilte, wiederum eine frühere Direktorin des Central Parks.

Parkdirektor Cord Panning ist hocherfreut über das Interesse an Pückler jenseits des Atlantiks. Es mache den Park natürlich bekannter und Experten sowie Studenten könnten von Muskau lernen. „Allein die enge und direkte Verbindung zu den USA ist schon ein Gewinn“, sagte er. Internationale Kontakte seien wichtig. Nach Polen gibt es die natürlich. Parkansichten aus Bad Muskau hingen aber 2010 im Zuge einer Schau über Parkgestaltung des 18. und 19. Jahrhunderts auch schon in der renommierten The Morgan‘s Library & Museum in New York City. Und Anfang Oktober anlässlich des Tags der Deutschen Einheit präsentiert sich das Land Sachsen bei der Deutschen Botschaft in London auf einer Sonderschau. Was ist Teil dieser Schau? Klar, Pücklers Arbeit.

Nach ihrer Zeit in Bad Muskau am Sonntag reisen die Studenten und ihre Betreuer weiter – es gilt, noch weitere Parks in Deutschland zu entdecken: in Dessau sowie in Berlin den Tiergarten oder ganz neue Anlagen wie den Park am Gleisdreieck. In der Hauptstadt wird dann auch Zeit für Besichtigungen abseits der Grünanlagen sein. Jedenfalls: Wenn die Studenten an Deutschland denken, dann wird ihnen – trotz hitzebedingten sonnenverbrannten Grases – wahrscheinlich eine Farbe ins Gedächtnis kommen: Grün, Grün, Grün...