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Donnerstag, 14.06.2018

Poesie und Märchen auf der Straße

Von Katrin Demczenko

Oliver Mörchel und Marius Tölzer sind zwischen Hamburg, München und Wien auf Lesetour. Am Dienstag waren sie in Hoyerswerda. Foto: Katrin Demczenko
Oliver Mörchel und Marius Tölzer sind zwischen Hamburg, München und Wien auf Lesetour. Am Dienstag waren sie in Hoyerswerda. Foto: Katrin Demczenko

Es gibt sie noch, die Dichter und Märchenerzähler, die mit ihrer Kunst Zuhörer in den Bann ziehen können. Solches geschah am Dienstagabend auf dem Boulevard Kirchstraße, der zur Bühne für eine ungewöhnliche Lesung mit musikalischer Begleitung wurde. Heiko Schneider, Chef des Salons Haarschneider, ermöglichte den jungen Dichtern und Philosophen Oliver Mörchel und Marius Tölzer, mit ihrer Poetentour in Hoyerswerda Station zu machen. Die Lesereise, auf der beide ihre Erstlingswerke vorstellen, begann in Weimar, ihrem jetzigen Wohnort und führt sie noch über Potsdam, Hamburg und München bis nach Wien, erzählte Marius Tölzer. Viele Menschen, Familie, Freunde und Lehrer seiner ehemaligen Schule, das Lessinggymnasium Hoyerswerda, waren gekommen, um den Lautaer wiederzutreffen. Heute ist der 27-jährige Masterstudent der klassischen deutschen Literatur und Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.

In der Kirchstraße las er unveröffentlichte Verse, in denen er über den Dichter Heinrich von Kleist und das Verhältnis des Musikerehepaars Schumann zu Johannes Brahms nachdachte. Einige Gedichte aus seinem Büchlein „Ein rätselschönes Schweigen“ waren während eines einjährigen Aufenthaltes in Italien entstanden. Inspiriert hatte Marius Tölzer unter anderem ein im Wald versteckt liegender verwunschener Brunnen, ihn beschäftigte aber auch der Sinn des Lebens.

Die Besucher wurden eingefangen von seinen nachdenklich machenden, sehr überlegt gewählten Worten. „Gedichte sind kleine Kristalle von unglaublichem Zauber, die man immer im Kopf bei sich haben kann“, schwärmte der Dichter von jener literarischen Gattung, in die er oft seine Gedanken fasst. Als freier Autor schreibt er offenbar auch erfolgreich philosophische Aufsätze.

Der aus Greiz stammende und in Weimar mit Marius Tölzer in einer Wohngemeinschaft lebende Autor und Philosoph Oliver Mörchel las aus seinem Band „Rotkäppchen trocken im Märchenwald“ einige Märchennacherzählungen. Auslöser war für ihn die Entscheidung der deutschen Unesco-Kommission, das Märchenerzählen ins Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufzunehmen. Weil Oliver Mörchel erkannt hat, dass Märchen auch in unserer Zeit einen Ansatz bieten, über gegenwärtige Probleme nachzudenken, hat er altbekannte Geschichten wie „Der Fischer und seine Frau“ oder unbekanntere wie „Von dem Mäuschen, dem Vögelchen und der Bratwurst“ auf satirisch-freche Art neu erzählt. In dem norddeutschen Märchen „Der Fischer und seine Frau“ geht es wie in der Urfassung um das Thema Gier, aber der vermeintliche Heilsbringer ist kein verwunschener Butt, sondern ein angeblich seriöser Versicherungsvertreter. Schnell hatten sich der Fischer und seine Ilsebill in seinem Netz verfangen und keiner half ihnen wieder heraus. Die Lautaer Abiturienten Anton Fuchs am Klavier und sein Bruder Richard (Geige und Gesang) ergänzten die Veranstaltung mit ihrer Musik.

An gleicher Stelle wird am heutigen Donnerstag um 20 Uhr das Jazz-Duo Saitenphon spielen, lud Heiko Schneider zur nächsten Veranstaltung ein.