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Donnerstag, 09.08.2018

Pension führt freiwilligen Soli ein

Hendrik Stief will Bedürftigen bei einem Görlitz-Aufenthalt helfen und hofft auf seine Gäste.

Von Sebastian Beutler

Pensionsdirektor Hendrik Stief ist immer für eine Überraschung gut. Jetzt wirbt er bei seinen Gästen um eine Solidaritätsgeste.
Pensionsdirektor Hendrik Stief ist immer für eine Überraschung gut. Jetzt wirbt er bei seinen Gästen um eine Solidaritätsgeste.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Görlitz. Hendrik Stief liebt es, seine Gäste zu überraschen. Der Chef der Pension „Zum grünen Tor“ auf der Schulstraße offeriert ihnen selbst eingekochte Marmelade, hat für jeden Tee den passenden Zucker parat und hilft schon mal mit einem schnell kopierten Görlitzer Stadtplan aus. Das gab es bislang ohne Aufpreis. Doch jetzt will Stief von seinen Gästen etwas zurückhaben. Nicht für sich, sondern für Menschen, die gerne auch mal eine Auszeit nehmen würden für ein paar Tage in Görlitz, sich den Aufenthalt aber nicht leisten können. Dafür startete er seine Solidaritätsaktion „Gäste helfen Gästen“.

Auf die Idee ist Stief bei Besuchen in Berlin gekommen. Da hängt bei manchem Kaffee an der Eingangstür ein Schild mit Strichen darauf und dem Zusatz „Caffé sospeso“– schwebender oder aufgeschobener Kaffee auf Deutsch. Dahinter verbirgt sich der Brauch, nicht nur den eigenen Kaffee zu bezahlen, sondern noch einen weiteren. Dieser Kaffee wird notiert und auf Nachfrage an Bedürftige ausgeschenkt. Ursprünglich entstand diese Hilfe in Neapel um 1900. Später verbreitete sich dieses Phänomen rund um die Welt. In Deutschland nehmen derzeit rund 200 Cafés an der Aktion „Suspended Coffees Germany“ teil.

Stief will nun als erste Pension dieses Modell auch für Aufenthalte anwenden. Gäste, die es sich leisten können oder wollen, hinterlassen bei ihm einen selbst gewählten finanziellen Betrag. Aus diesem werden dann Gäste, die sich eine Übernachtung in Görlitz gerne gönnen würden, diesen Wunsch aber aus finanziellen Gründen nicht umsetzen können, mit einem Betrag in Höhe von 20 Euro unterstützt. Und obendrein kann der Gast dann auch noch einen hochwertigen Stadtführer aus dem Bestand der Stadtbibliothek ausleihen. Stief will damit all jenen helfen, die sich sonst zurückziehen, zu Hause bleiben, nicht mehr am Leben teilnehmen.

Die ersten 20 Euro sind fast schon zusammen. Eine Massenaktion wird das nicht, ist Stief Realist genug, sagt aber auch: „Wenn ich auf diese Weise einem Menschen im Jahr zu ein paar schönen Tagen in Görlitz verhelfen kann, hat sich die Aktion schon gelohnt.“ Auf seiner Homepage macht er auf diese Solidaritätsaktion aufmerksam, setzt aber vor allem auf Mund-zu-Mund-Propaganda unter seinen Gästen. Am Ende ist alles eine Frage des Vertrauens, denn Stief wird niemanden einer Prüfung unterziehen, ob er wirklich bedürftig ist, wenn er das Angebot in Anspruch nehmen will. Da vertraut er ganz seiner Menschenkenntnis.

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