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Freitag, 09.11.2018

Organist statt Opernsänger

Sebastian Schwarze-Wunderlich ist Riesas neuer Kantor. Für die Stelle nahm er einen weiten Umzug in Kauf.

Von Stefan Lehmann

Sebastian Schwarze-Wunderlich in der Trinitatiskirche.
Sebastian Schwarze-Wunderlich in der Trinitatiskirche.

© Sebastian Schultz

Riesa. Der Weg zur neuen Arbeitsstelle ist kurz für Sebastian Schwarze-Wunderlich: ein paar Treppenstufen, über die Straße und hinein in die Kirche. Vor ein paar Wochen erst ist der neue Riesaer Kantor mit Frau und Kind in eine Wohnung im Pfarramts-Gebäude gezogen. „Wir haben auch einige Wohnungen in der Stadt angeschaut“, erklärt er. Etwas Passendes war allerdings in der Kürze der Zeit noch nicht dabei gewesen. Da kam das Angebot der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde gerade recht, die Pfarrwohnung zu mieten.

Seit 4. November ist Sebastian Schwarze-Wunderlich offiziell Riesas Kantor. Davor hatte er die gleiche Aufgabe zehn Jahre lang in Heide, etwa 20 Autominuten von der schleswig-holsteinischen Nordseeküste entfernt. „Ich wusste schon mit sechs Jahren, dass ich das machen will“, sagt der Pfarrerssohn über die Kirchenmusik. Die Orgel habe ihn schon damals fasziniert. Trotzdem kam er erst auf Umwegen in den Beruf. Denn im Studium kamen ihm Zweifel, sagt er. Sein Gesangslehrer habe ihm geraten, Sänger zu werden. „Also machte ich eine Aufnahmeprüfung für Operngesang – und bin dann auch genommen worden.“ Es folgten Jahre, in denen Sebastian Schwarze-Wunderlich unter anderem im Rundfunkchor Berlin und im Kammerchor des Gewandhauses Leipzig mitwirkte. „Mit Ende 30 habe ich dann gedacht: Kannst du das bis 60 machen?“ Die Antwort fiel einfach aus: Schwarze-Wunderlich bewarb sich auf die Kantorenstelle in Heide.

Ins fast 600 Kilometer entfernte Riesa zog es den 52-Jährigen jetzt der Familie wegen. „Meine Frau arbeitet seit zwei Jahren als Oboistin an der Staatsoperette in Dresden“, erzählt er. „Irgendwie war da klar, dass wir nach ihrer Probezeit nach Sachsen ziehen würden.“ Umso günstiger also, dass in Riesa fast zeitgleich eine Stelle frei wurde. Völlig fremd war ihm das Bundesland sowieso nicht gewesen. „Wir haben beide ganz viel Verwandtschaft in Dresden.“ Leipzig kannte er schon von den Gewandhaus-Auftritten. Nur Riesa, das habe er zuvor nur beim Durchfahren gesehen, gesteht er. Mittlerweile habe er die ersten schönen Ecken entdeckt. „Um die Klosterkirche herum gefällt es mir zum Beispiel sehr.“

Wenn sich der neue Kantor einen Überblick über die Gemeinde verschafft hat, will er vor allem jungen Menschen Kirchenmusik vermitteln. Das war auch eines seiner Projekte in Heide gewesen. „Ich glaube, dass Kirchenmusik es auch vermag, Zugang zu dem zu vermitteln, was wir als Christen wollen.“ Unabhängig davon seien Oratorien und Passionen auch Kulturgut, das sonst verloren zu gehen droht.

Und dann wäre ja noch die Wohnungssuche. Auf Dauer im Pfarramt wohnen wird Sebastian Schwarze-Wunderlich wohl nicht, deutet er an. Langfristig werde er wohl ein Häuschen in der Region suchen.

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