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Montag, 11.06.2018

Oberbürgermeister enttäuscht Gehörlose

Manche Vereine fühlen sich vom Görlitzer Rathaus nicht genügend gewürdigt. Ein Ehrenamtlicher zog jetzt die Konsequenz.

Von S. Sodan und S. Beutler

Sogar der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz (re.) fand Zeit, um den Görlitzer Gehörlosen und Siegfried Hanisch (li.) zum Jubiläum zu gratulieren. Nur das Görlitzer Rathaus glänzte mit Abwesenheit.
Sogar der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz (re.) fand Zeit, um den Görlitzer Gehörlosen und Siegfried Hanisch (li.) zum Jubiläum zu gratulieren. Nur das Görlitzer Rathaus glänzte mit Abwesenheit.

© privat

Görlitz. Siegfried Hanisch hat seinen Preis „Meridian des Ehrenamtes“ der Stadt Görlitz zurückgegeben. „Meine Frau sagte, ich soll es doch gut sein lassen“, erzählt Hanisch. Aber er war so enttäuscht. Seit nun 60 Jahren engagiert er sich ehrenamtlich für Menschen mit Hörbehinderung, er ist der Vorsitzende des Gehörlosenvereins Niederschlesien. Der Verein feierte Anfang Mai das 125-jährige Jubiläum. Viele kamen zur Festveranstaltung und gratulierten. Der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz war mit Gehörlosen aus Polen dabei. Der CDU-Landtagsabgeordnete Octavian Ursu feierte mit, ebenso Vertreter aus Kirche und Verbänden für Menschen mit Behinderung. Grußworte hatte sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geschickt, ebenso wie Ministerpräsident Michael Kretschmer und der Europaabgeordnete Wolfgang Winkler.

Wer trotz Einladung nicht dabei war: der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege, auch kein Stellvertreter. Das enttäuschte Hanisch so sehr, dass er den Meridian-Pokal zu Hause vom Regal nahm und ihn wieder dorthin brachte, wo er herkam. 2013 bekam Siegfried Hanisch den Ehrenamts-Preis der Stadt Görlitz verliehen. Ein Fass aufzumachen, war nicht in Hanischs Sinne. Die Rückgabe seines Preises war auch unspektakulär: Er hat den goldglänzenden Pokal vor einigen Tagen ganz glanzlos im Rathaus abgegeben, bei der Poststelle. Aber die Veranstaltung des Gehörlosenvereins ist nicht die einzige, auf der sich mancher fragte: Wo sind eigentlich die Vertreter der Stadt? Der OB oder sein Bürgermeister oder leitende Angestellte, Amtsleiter, Geschäftsführer der städtischen Gesellschaften? Bei der Vergabe des Görlitzer Unternehmerpreises durch den Unternehmerverband in der vergangenen Woche im Görlitzer Theater: keiner da. Beim Stadthallengartenfest: zum wiederholten Male keiner da. Fördervereinschef Thomas Leder machte danach aus seiner Enttäuschung kein Hehl.

Sie alle sehen ihre ehrenamtliche Arbeit durch das Verhalten der Stadt unzureichend gewürdigt. Dass der OB nicht zu jeder Veranstaltung erscheinen kann, ist Siegfried Hanisch bewusst. Siegfried Deinege hatte auch langfristig vorher abgesagt. „Aber es war überhaupt niemand von der Stadt Görlitz da“, sagt der 78-Jährige. Das ist der Punkt, der ihn so enttäuschte. Es kam auch niemand vom Behindertenbeirat. Er ist nicht der einzige, den das traurig gemacht hat. Ein anderes Mitglied des Vereins sagt: Wenn ein besonderes Jubiläum anstand, dann war eigentlich auch immer der amtierende OB – Lechner, Karbaum, Paulick – mit dabei.

Ein bestimmtes System, zu welchen Veranstaltungen der OB selber und zu welchen ein Stellvertreter geht, gebe es nicht, erklärt OB-Büroleiter Ronny Blümke. „Jeder Einzelfall wird mit vollem Respekt betrachtet und erwogen“, erklärt er. „Seitens des Oberbürgermeisters wird in Absprache mit dem Bürgermeister, aber auch den Büros der Amtsleiter sowie Stadträten oder auch Vertretern städtischer Gesellschaften gesprochen, wer an welcher Veranstaltung teilnehmen kann.“ Aber auch sie haben enge Zeitbudgets, die nicht immer eine Teilnahme zulassen, erklärt Blümke.

Wie viele Einladungen es im Monat sind, kann die Stadt gar nicht genau sagen. Sie reichen von der Eröffnung von Schüler-Ausstellungen über Geschäftseröffnungen bis zu Händlerstammtischen. Dazu kommen Pflichttermine wie Ausschüsse und Gremien. „Aufgrund dieser Vielzahl wird und muss eine Auswahl getroffen werden, sodass es eben sein kann, dass Termine nicht besetzt werden können – auch nicht mit anderen Vertretern“, so Ronny Blümke. Er erklärt auch, warum Siegfried Deinege nicht beim Jubiläumsfest des Gehörlosenvereins teilnehmen konnte: Am 5. Mai war das Bürgerfest zum Jubiläum „20 Jahre Europastadt Görlitz/Zgorzelec“. Am Vormittag, wo auch die Veranstaltung vom Gehörlosenverein stattfand, standen für den OB noch Vorbereitungen fürs Bürgerfest an. Letzte Absprachen mussten getroffen und erste Gäste begrüßt werden.

Herr Deinege bedauere sehr, dass er nicht an der Jubiläums-Veranstaltung des Gehörlosenvereins teilnehmen konnte, teilt Ronny Blümke mit. Ebenso, dass Siegfried Hanisch seinen Preis zurückgegeben hat. „OB Deinege wird sich deshalb baldmöglich mit Herrn Hanisch treffen, um sein persönliches Bedauern zu dem Vorfall Ausdruck zu verleihen.“ Allerdings verweist die Stadt auch auf die bislang gute Zusammenarbeit und die Unterstützung des Vereins durch die Stadt. Dies will die Stadt auch weiterhin tun. Gestern hat Siegfried Hanisch ein Fax bekommen: mit zwei Vorschlägen für einen Termin mit dem OB.

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