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Samstag, 30.12.2017

Nur perfekt ist wirklich perfekt

Beim Rodeln gewinnen immer die Deutschen? Die Zeiten sind längst vorbei, doch Tatjana Hüfner ist immer noch spitze.

Von Tino Meyer

Tatjana Hüfner kennt die Kurven der Eispisten genau – und doch hat sie erst zwei perfekte Fahrten hingelegt.
Tatjana Hüfner kennt die Kurven der Eispisten genau – und doch hat sie erst zwei perfekte Fahrten hingelegt.

© Robert Michael

Silvester wird eine ruhige Sache. Warum auch am letzten Tag des Jahres plötzlich alles anders machen und durchdrehen? Als Feierbiest ist Tatjana Hüfner nun mal nicht bekannt, eher als eine der besten Rodlerinnen der Welt. Und das soll, das wird sich nicht ändern. Eigentlich kann es das auch gar nicht mehr angesichts der beeindruckenden Konstanz, einer unglaublichen Erfolgsbilanz – und ihres überaus bodenständigen, unprätentiösen Charakters.

Wer sie als Anti-Star bezeichnet, liegt nicht falsch, zumindest nach den derzeitigen allgemeingültigen Maßstäben für Popularität und Heldentum. In ihrer Sportart aber ist Hüfner zweifellos eine Ikone – und seit zwölf Jahren spitze.

Die 34-Jährige ist 2010 Olympiasiegerin geworden und hat bei den Winterspielen davor und danach zudem einmal Bronze und Silber gewonnen. Alles, was jetzt kommt, meint sie, ist daher Zugabe – auch in sechs Wochen bei ihren vierten Olympischen Spielen. „Klar ist es immer noch mein Anspruch, eine Medaille zu gewinnen. Vor allem will ich vier sehr gute Läufe hinkriegen. Dann kann ich gelassen auf die Zeittafel schauen“, meint Hüfner mit dem Blick nach vorn.

Zurückschauen fällt ihr indes ungleich schwerer, genauso wie ein sportliches Fazit des Jahres, das für Hüfner ein besonderes ist – und sie mit ihrem fünften WM-Sieg nach fünfjähriger Titelpause zu einer der großen Rückkehrerinnen der vergangenen zwölf Monate macht. Sie selbst kann damit wenig anfangen. „Ich stecke schon wieder in einem neuen Prozess. Alles ist für Olympia eingetaktet, das Training genau datiert“, sagt die gebürtige Neuruppinerin. Und trotzdem versucht sie sich noch einmal hineinzufühlen in diese WM-Tage von Innsbruck am Anfang dieses Jahres.

Zwei, drei Augenblicke braucht Hüfner, doch dann sind die Erinnerungen ganz nah an jenes Rennen, bei dem sie natürlich irgendwie zu den Favoritinnen gehört hat. Das ist immer so. An ihren Sieg geglaubt, hat aber nur sie selbst. „Ich wusste, was ich drauf habe. Der Titel zehn Jahre nach meinem ersten WM-Sieg an gleicher Stelle war schon das ausgegebene Ziel. Dass es so aufgeht, ist super. Aber das weiß man im Leistungssport nie“, sagt Hüfner.

Rodeln funktioniert zwar immer noch gleich: schneller Start, Fahrgefühl im Popo, wenig Korrekturen mit den Beinen. Und natürlich muss auch der Schlitten materialtechnisch Weltklasse sein. Doch die Konkurrenz hat mächtig aufgeholt, die Leistungsdichte ist nicht nur im eigenen Land größer denn je. „Es ist schon lange klar, dass es nicht mehr klar ist, dass die ersten drei immer Deutsche sind“, sagt Hüfner. Doch an dem Samstag im Januar hat alles zusammengepasst, zumindest für sie.

Nach 2007, 2008, 2011 und 2012 wird die Sportsoldatin tatsächlich zum fünften Mal Einzelweltmeisterin – so oft wie keine andere vor ihr. „Im Verlauf meiner Karriere ist das ein spezieller Moment, nach so langer Zeit noch mal den WM-Titel zu holen. Deshalb denke ich da schon gerne zurück, nur hängt das nicht mit einem Jahresfazit zusammen“, erklärt Hüfner.

Dieser Sieg, dem sie tags darauf noch den Titel im Teamwettbewerb folgen lässt, besiegelt zugleich das Ende einer Leidenszeit. Aufgrund akuter Rückenschmerzen hat Hüfner bereits über das Karriere-Ende nachgedacht, ein Achillessehnenriss sorgt 2015 für einen weiteren Rückschlag. „Im tiefsten Inneren war ich der Überzeugung, dass ich an die alten Leistungen anknüpfen kann“, sagt sie. Das sei ihr Antrieb gewesen und der WM-Titel der Lohn für alle Mühen.

Seit ein paar Jahren verfolgt Hüfner dabei neue Wege und setzt auf das sogenannte Neuroathletiktraining von Lars Lienhard, der auch mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft arbeitet. Dabei werden Muskeln und Gelenke durch das gezielte Ansprechen von Gehirnarealen angesteuert. „Diesen Weg haben erst wenige Leistungssportler eingeschlagen, ich glaube aber, das wird die Zukunft sein“, sagt Hüfner. Der Erfolg, findet sie, gibt ihr recht. Mit ihren 34 Jahren ist Hüfner die mit Abstand älteste Athletin, am Start aber immer noch die Schnellste.

Motivationsprobleme kennt sie ohnehin nicht. „Ich habe Freude daran zu arbeiten, immer wieder das Optimum rauszuholen. Dieser Ehrgeiz war schon immer meine Leidenschaft“, sagt Hüfner und bezeichnet sich selbst als Perfektionistin. Was auch erklärt, dass es in ihrer Karriere erst zwei Fahrten gab, mit denen sie rundum zufrieden war. „Perfekt heißt für mich eben auch wirklich perfekt.“

Der letzte Tag des Jahres spielt da keine Rolle. Wichtiger ist, was am Neujahrstag passiert. Dann beginnt nämlich die konkrete Olympia-Vorbereitung.

Am Dienstag lesen Sie: Warum der vierte Surf-Weltmeistertitel für Philip Köster der am schwersten erarbeitete ist.

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