• Einstellungen
Freitag, 09.11.2018

Nur halbwegs sicher

Ein Zebrastreifen in Tharandt wird entfernt. Denn er hat einen Makel.

Von Verena Schulenburg

Der Fußgängerüberweg auf der Freiberger Straße in Tharandt wird bereits weggefräst.
Der Fußgängerüberweg auf der Freiberger Straße in Tharandt wird bereits weggefräst.

© Karl-Ludwig Oberthür

Tharandt. Seine letzten Stunden sind gezählt. Der Zebrastreifen, der jahrzehntelang Fußgänger quer über die Freiberger Straße in Tharandt führte, ist bereits zur Hälfte abgefräst. In den nächsten Tagen wird die Querungshilfe, die eigentlich vor Ort für Sicherheit sorgen soll, komplett entfernt – und das ausgerechnet aus Sicherheitsgründen. Dieser Gedanke erscheint abstrus und sorgt für Unmut in Tharandt. „Mir persönlich tut es weh, dass etwas Bewährtes vernichtet wird“, sagt Birgit Münnich. Welches Verkehrszeichen könne schon absolute Sicherheit geben? Die Tharandterin liefert die Antwort darauf selbst: „Keines.“ Die Menschen würden eben auch im Straßenverkehr Fehler begehen.

Münnich spielt auf jenes Unglück an, das sich im Oktober 2016 an dem Fußgängerüberweg ereignete. Eine Seniorin wurde damals von einem Auto tödlich verletzt, als sie gerade die Straße queren wollte. Es ist der erste schwere Unfall an dem Überweg, an den man sich in der Stadt zu erinnern vermag. Und das ausgerechnet, nachdem der Landkreis gut zwei Jahre zuvor die Tempo-30-Schilder an der Straße entfernte und damit Tempo 50 gewährte. War das ein Fehler? Im zuständigen Landratsamt sieht man in dieser Maßnahme und dem tödlichen Unfall keinen Zusammenhang. Die Tharandter aber kämpften seit Wegfall der Geschwindigkeitsbegrenzung um deren Comeback, erst recht seit dem Unglück. Der Aufschrei aus der Forststadt hat die Kreisbehörde genauer hinschauen und die Gegebenheiten an der Stelle prüfen lassen.

Nun, zwei Jahre nach dem tödlichen Unfall, ergreift der Landkreis Maßnahmen zur geforderten Verkehrssicherheit auf der Freiberger Straße. Diese entsprechen aber nicht den Vorstellungen vor Ort. Die geforderten Tempo 30 erhalten die Tharandter zwar zurück, sogar einen stationären Blitzer, der Raser ausbremsen soll. Allerdings – und das sorgt für Ärger – wird dafür der Zebrastreifen entfernt. Dieser sorge nicht für die erforderliche Sicherheit an dieser Stelle und sei, da er in eine öffentliche Straße, die Amtsgasse mündet, eigentlich auch nicht zulässig, erklärte Vize-Landrat Heiko Weigel bereits mehrfach. Zuletzt tat er das auch wieder vor den versammelten Tharandtern, die vorige Woche den Beigeordneten in die Forststadt luden und eine Erklärung der Situation verlangten. „Die Einwohner haben gekämpft wie Löwen, um den Zebrastreifen zu erhalten“, sagt Barbara Hinz. Die Tharandterin ist verärgert darüber, dass alle Gespräche, alle Aktionen nichts brachten. Der umstrittene Fußgängerüberweg kommt weg.

Bis 20. November sollen laut Landkreis die Bauarbeiten an der Freiberger Straße abgeschlossen sein. Bis dahin sorgt eine provisorische Fußgängerampel unterhalb der Baustelle für einen sicheren Seitenwechsel. Und dann? Die Tharandter sind ratlos und befürchten mit dem fehlenden Zebrastreifen alsbald den nächsten Unfall.

Nicht nur die Gymnasiasten, die täglich hinauf zum Schulberg in Tharandt gehen, müssen sich künftig auf eine neue Verkehrssituation einstellen. Auch für den Nachwuchs der Tharandter Kita wird der Weg in Zukunft schwierig. Die Vorschulkinder nutzten bisher regelmäßig mit ihren Erziehern den Überweg über die Freiberger Straße, um zur Grundschule zu gelangen, wo sie die Vorschulangebote wahrnehmen. Auch die jüngeren Kindergartenkinder treiben in der Turnhalle der Schule Sport. „Wir haben hier in der Kita keinen Mehrzweckraum oder Ähnliches, auf das wir ausweichen können“, erklärt Kita-Leiterin Carolin Schieck. Man sei auf die Räume der Grundschule angewiesen, genauso auf die wichtige Zusammenarbeit im Vorschulbereich. Ein sicherer Weg zwischen beiden Häusern sei daher unentbehrlich.

Wie dieser mit Bauende aussehen soll, weiß die Kita-Leiterin nicht. Die Querung der Freiberger Straße mit einer Gruppe kleiner Kinder dürfte in Zukunft schwierig sein, erst recht bei hohem Verkehrsaufkommen. Es gebe noch einen Umweg zur Schule, den Burgberg hinab, entlang der Roßmäßlerstraße. Das Problem sei aber der Rückweg, sagt sie. Dreijährigen sei es kaum zuzumuten, nach dem Sport und einem langen Fußmarsch auch noch den steilen Burgberg hinaufzulaufen. „Das ist keine praxisorientierte Lösung“, sagt Schieck.

SZ-News aus der Region mehrmals täglich aufs Handy