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Mittwoch, 11.07.2018

Nirgends Platz für eine WG

Seit Jahren suchen Eltern von zehn behinderten Erwachsenen eine passende Unterkunft für ihre Kinder. Bisher ohne Erfolg.

Von Ines Scholze-Luft

Sie wünschen sich eine Chance für ihre Wohngemeinschaft: (vorn v.l.) Laura Waldinger, Dirk Helbig, André Held und Yvonne Kröhnert sowie Peter Prell und Benno Meys (hinten v.l.), hier im Gespräch in der Lebenshilfewerkstatt in Radebeul.
Sie wünschen sich eine Chance für ihre Wohngemeinschaft: (vorn v.l.) Laura Waldinger, Dirk Helbig, André Held und Yvonne Kröhnert sowie Peter Prell und Benno Meys (hinten v.l.), hier im Gespräch in der Lebenshilfewerkstatt in Radebeul.

© Norbert Millauer

Radebeul/Coswig. Sie sind ratlos, beinahe verzweifelt. Die Eltern von Yvonne, die Mutter von Laura, der Bruder von Benno. Was wird aus ihren Angehörigen, wenn ihnen mal was passiert? Für ihre erwachsenen behinderten Kinder und Geschwister sind sie wichtigster Bezugspunkt.

Elke Waldinger-Volkmann beispielsweise arbeitet im Krankenhaus, die einzige Tochter Laura ist mit 26 Jahren die Jüngste in der Gruppe der Behinderten, die dringend eine Immobilie brauchen für die gewünschte Wohngemeinschaft. Die Sicherheit bieten soll, falls ihren Angehörigen, die sich jetzt um sie kümmern, mal was passiert. Hat die Mutter Nachtdienst, geht Laura zu den Großeltern. Wie lange noch? Was, wenn mit der Mutter mal was ist? Solche Fragen treiben alle um, die in der Radebeuler Elterninitiative behinderter Kinder regelmäßig zusammen kommen. Um über die Aussichten zu diskutieren für die zehn Frauen und Männer zwischen 26 und 52 Jahren, für die eine Wohngemeinschaft viele Fragen auf einmal lösen könnte. Weil sie Leben in einer Gruppe Gleichaltriger bedeutet, weil – wie schon bei den Eltern – die Selbstständigkeit weitgehend erhalten bliebe. Weil den Angehörigen die Sorge um die Zukunft genommen wäre. Denn in einem Altenheim möchten sie ihre Töchter und Söhne eigentlich nicht sehen, wo diese nur unter wesentlich älteren Menschen wären. Und in Einrichtungen wie im Haus Salem der Diakonie gebe es keine freien Plätze, heißt es in der Runde.

Dass die Suche nach einer geeigneten Immobilie so schwer wird, haben sich die Betroffenen nicht träumen lassen. Dabei ist das, was sie anstreben, nicht exotisch. Ein neues Haus könnte es sein, oder in einem bestehenden Gebäude würden zwei Wohnungen modernisiert, damit genügend Platz für die Zehn entsteht. Möglichst mit 17 bis 22 Quadratmetern pro Zimmer plus Nasszelle, dazu ein großer Gemeinschaftsraum. Ein Riesenpalast soll es nicht sein, heißt es von den Eltern. Auch eine Tiefgarage wird nicht gebraucht. Erdgeschoss-Lage wäre gut, falls ein Aufzug fehlt. Ein Stückchen Garten würde ebenfalls Beifall finden.

Doch so weit sind die Suchenden noch gar nicht vorgedrungen. In Radebeul scheint es beinahe unmöglich, eine Immobilie zu finden. Sprechen die Angehörigen einen Investor an, heißt es meistens, ja, wir möchten schon gern. Doch folge zumeist die Frage, welches Geld zur Verfügung steht, wie es mit der Miete aussieht, dann höre man nie wieder was voneinander. Utopische hohe Mieten ließen sich zwar nicht bezahlen, die Finanzierung sei trotzdem geklärt: über das sogenannte persönliche Budget.

Allein die Volkssolidarität habe schon mal richtig Interesse gezeigt, bisher allerdings ohne konkretes Resultat. Wobei auch der Standort Coswig zur Sprache kam. Was die Eltern erst nicht ins Kalkül zogen. Nicht, weil sie aus Prinzip an Radebeul hängen. Sondern weil sich ihre Kinder hier auskennen. Sie arbeiten alle in der Lebenshilfe-Werkstatt in Ost. Können selbstständig zur Arbeit fahren, haben den Arzt hier, ebenso den Friseur, wissen bei den Geschäften Bescheid. Am liebsten wäre den Eltern eine unterkunft an der Meißner Straße, also im Zentrum. Doch auch Coswig schließen sie nicht mehr aus.

Sollte sich jemand entscheiden, auf die Anforderungen einzugehen: Für ein solches Vorhaben gibt es auch Fördermittel. Und die Bedenken, wenn mal einer von den zehn Bewohnern wegfiele, käme das Geld nicht mehr, die kann die Elterninitiative zerstreuen. Ein Verein würde dann einspringen: Cerebrio – diesem in Dresden-Pieschen ansässigen Verein für Menschen mit erworbenen Hirnschäden haben sich die Radebeuler inzwischen angeschlossen und damit auch die wichtige Frage des Pflegedienstes geklärt.

Sie legen sich nicht nur organisatorisch mächtig ins Zeug, sondern betrachten auch sorgfältig jede Ecke von Radebeul auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie. Von der Wasastraße bis nach Coswig. Die ehemaligen ASB-Räume in Mitte: Zu verwinkelt, ein Küchenstudio auf der Schildenstraße: zu klein. Kein Grund zur Entmutigung. Im Rathaus werden sie noch mal Anlauf nehmen, obwohl schon eine Stadträtin bei ihnen war und das Problem mit in den Stadtrat nehmen wollte. Ohne Antwort. Und die Elterninitiative will weiter Kontakt zu Immobilienmaklern halten. Vielleicht findet sich noch ein Haus, das an die Wohngemeinschaft vermietet werden kann.

Kontakt: über SZ Radebeul, 0351 837475650