• Einstellungen
Montag, 08.10.2018

Neue Chance für herrschaftliche Villa

Eine Kölner Firma hat das als Nobbe-Bau bekannte Haus in Tharandt gekauft. Was daraus wird, ist noch offen.

Von Thomas Morgenroth

Bild 1 von 2

Vor rund 150 Jahren ließ Baron von Milkau an der Wilsdruffer Straße in Tharandt eine Villa errichten. Fast 80 Jahre lang gehörte sie dem Land Sachsen, nun ist sie wieder in privater Hand.
Vor rund 150 Jahren ließ Baron von Milkau an der Wilsdruffer Straße in Tharandt eine Villa errichten. Fast 80 Jahre lang gehörte sie dem Land Sachsen, nun ist sie wieder in privater Hand.

© Thomas Morgenroth

Im Saal im Obergeschoss der Milkau-Villa befand sich viele Jahre die Fachbibliothek des Instituts Forsteinrichtung.
Im Saal im Obergeschoss der Milkau-Villa befand sich viele Jahre die Fachbibliothek des Instituts Forsteinrichtung.

© Karl-Ludwig Oberthür

Tharandt. Im Saal brennt noch Licht, wenn auch nicht mehr in voller Schönheit: Dreißig milchweiße Glaszylinder hängen von der über vier Meter hohen Zimmerdecke im Obergeschoss des ehemaligen Nobbe-Baus an der Wilsdruffer Straße in Tharandt. Neun Glühlampen des Beleuchtungsgevierts aus den Sechzigerjahren bleiben dunkel, der Rest aber taucht den repräsentativen Raum in ein mildes Licht. Die Wände sind kahl, der Fußboden ist seines alten Linoleums beraubt und zeigt nun schöne breite Holzbretter. Die drei beinahe raumhohen Fenster lassen den sonnigen Herbst herein, vom Straßenverkehr ist erstaunlicherweise nicht viel zu hören. Der Ausblick geht über das ehemalige Funkgehäusewerk hinweg in Richtung Bismarckhöhe mit seinen in einer parkähnlichen Landschaft eingebetteten Häusern.

Der Saal ist das Herzstück des beinahe 150 Jahre alten Gebäudes, das ursprünglich die Villa des Barons von Milkau war. Seit Anfang des Jahres gehört sie der Kölner Firma Office Morgenstern. Als das Land Sachsen das seit zwei Jahren verwaiste Anwesen zum Verkauf anbot, war Geschäftsführer Alexander Morgenstern von der Substanz und dem Potenzial der Villa und der dazugehörigen Remise angetan. Der Unternehmer gab das höchste Gebot ab, und weil die Stadt Tharandt auf ihr Vorkaufsrecht verzichtete, bekam er den Zuschlag.

Morgenstern ließ zunächst die Zimmer und den Dachboden entrümpeln und die rund fünfzig Jahre alten Fichten im Garten fällen, um Licht ans Haus zu lassen. Was aus der stadtbildprägenden Immobilie wird, die nun wieder nach ihrem Erbauer Milkau-Villa heißt, steht allerdings nicht fest. „Ich bin für alle Vorschläge offen“, sagt Morgenstern. Sein Unternehmen will die denkmalgeschützte Villa nicht selbst nutzen, sondern nach einer Sanierung vermieten oder verkaufen. „Wir könnten das Haus passend ausbauen“, sagt er. Zu Wohnungen, aber zum Beispiel auch zu einer Kindertagesstätte. Das jedenfalls habe er der Stadt Tharandt angeboten, sagt Morgenstern, als er hörte, dass es mit dem geplanten Neubau auf dem Standort der alten Apotheke Schwierigkeiten gibt.

Der Platz, sagt Morgenstern, würde nach den gesetzlichen Vorgaben für bis zu 130 Kinder reichen. 500 Quadratmeter Nutzfläche stehen im Erdgeschoss und Obergeschoss der Villa zur Verfügung, weitere 150 Quadratmeter könnten durch den Ausbau des Souterrains gewonnen werden, das mit 2,80 Metern Raumhöhe mehr als nur ein Keller ist. In der Remise, in der sich bisher Wohnungen und Garagen befanden, wären in drei Etagen jeweils 85 Quadratmeter Nutzfläche möglich.

„Ich stehe nicht unter Zeitdruck“, sagt Morgenstern, der jetzt eine Internetseite geschaltet hat, um für die Milkau-Villa zu werben. Eine kleine Animation zeigt, wie es einmal aussehen könnte, äußerlich im Grunde nicht viel anders als jetzt. Einige Details aber will Morgenstern ergänzen, wie eine Treppe von der Veranda in den Garten und einen kleinen Springbrunnen, dessen Schale noch vorhanden ist. Beides hat es dort wahrscheinlich schon einmal gegeben, als die Milkaus darin wohnten.

Emil Freiherr von Milkau (1847-1916) ließ die für Tharandter Verhältnisse prunkvolle Villa in den Jahren 1870/71 als Wohnhaus errichten. Viele der alten Einbauten sind noch vorhanden, wie das Eichenparkett in den meisten Räumen, die großen, zweiflügeligen Türen und Teile einer Wandvertäfelung. Die Fenster sind jüngeren Datums, die wurden 2004 erneuert, damals war das Haus noch Teil der Fachrichtung Forstwissenschaften der TU Dresden.

1940 hatte das Land Sachsen das Milkausche Haus auf der Wilsdruffer Straße erworben und im Jahr darauf baulich instandsetzen lassen. Es diente zunächst als Studentenheim. 1946 zog die Forstfachschule ein, und von 1949 bis 2005 war es ein Institutsgebäude für die forstwissenschaftliche Ausbildung in Tharandt. Aus den Anfangsjahren stammt auch der Schriftzug „Technische Hochschule Dresden“ an der Fassade. Zuletzt, von 2008 bis 2016, nutzte die Akademie der Landesstiftung Natur und Umwelt mit sieben Mitarbeitern die großzügig geschnittenen Räume als Ausweichquartier.

Wann die Milkau-Villa ihren neuen Namen bekam, ist nicht überliefert. Benannt wurde sie nach dem Botaniker Friedrich Nobbe (1830-1922), der von 1868 bis 1904 Professor in Tharandt war und dort wohl auch dem Baron von Milkau begegnet sein dürfte. Die Botaniker allerdings waren nie im Nobbe-Bau. Die meiste Zeit beherbergte er das Institut für Forsteinrichtung, das von dem heute im Harz lebenden Professor Horst Kurth von 1963 an dreißig Jahre lang nachhaltig geprägt wurde.

Die Tharandterin Regina Schnabel, die von 1965 bis 1992 im Nobbe-Bau gearbeitet hat, kann sich noch gut an diese Zeit erinnern. Sie pflanzte Ende der Sechzigerjahre sogar die jetzt gefällten Nadelbäume auf dem Grundstück mit. Das, sagt die 83-Jährige, war ein Einsatz im Rahmen der „Volkswirtschaftlichen Masseninitiative“ (VMI), zu dem alle Mitarbeiter angehalten waren. Als Bibliothekarin betreute Regina Schnabel die Fachbibliothek für das Institut, die im Saal im Obergeschoss untergebracht war – in dem Raum mit den vielen Leuchten an der Decke, die es damals schon gab.