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Montag, 17.09.2018

Neue Bäume braucht die Stadt

Stadtplaner suchen Bäume, die Trockenstress aushalten – und blicken nach Nordamerika und China.

Von Birgit Ulbricht

Simone Rücke schaute schon im Juni sorgvoll auf den Baumbestand auf der Mozartallee. Die Mitarbeiterin des Großenhainer Bauhofs ist in Großenhain für die Bäume verantwortlich und hofft, dass sich neue Baumarten für den Musikerring finden.
Simone Rücke schaute schon im Juni sorgvoll auf den Baumbestand auf der Mozartallee. Die Mitarbeiterin des Großenhainer Bauhofs ist in Großenhain für die Bäume verantwortlich und hofft, dass sich neue Baumarten für den Musikerring finden.

© Anne Hübschmann

Großenhain. Das große Sterben der Rosskastanien ist tatsächlich nach Großenhain gekommen. Ein Gutachten aus dem Labor von Dr. Henrik Weiß in Dresden belegt nun, was Großenhains Grün-Chef schon ahnte: Die Rosskastanien an der Mozartallee sind vom gefürchteten Bakterium Pseudomonas syringea aesculi befallen. Und zwar nahezu flächendeckend, sodass die Krankheit schon innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre den größten Teil der Allee zwischen dem Viertore-Brunnen und dem Sachsenhof dahingerafft haben dürfte. Davon geht Matthias Schmieder inzwischen aus, und so hat er es den Stadträten mitgeteilt.

Ein Alleesterben auf Raten

Damit bestätigen sich die schlimmsten Vermutungen, die er bei einem Vor-Ort-Termin im Juni äußerte, als die ersten kahlen Kastanien gefällt wurden. Ein Szenario, das sich nun regelmäßig wiederholt. Denn das Rosskastaniensterben ist heimtückisch: Erst reißt überall am Stamm die Rinde ein, dann entstehen rund um die Wunden schwarze Stellen, aus denen es dunkel heraus suppt. Das ist der Moment, in dem Pilze längst den Baum erobert haben. Denn das Bakterium öffnet den holzzersetzenden Pilzen Tür und Tor. Das ist das eigentliche Problem. „Jetzt können wir den Bäumen nur noch beim Sterben zusehen“, so Matthias Schmieder. Genau das wird die Stadt jetzt auch tun: Beobachten, wo dringend der nächste Baum gefällt werden muss, und weiter abwarten.

So lange wie möglich die Allee erhalten, das ist jetzt die Devise. „Es hat keinen Sinn, gleich nachzupflanzen, weil wir dann Bäume ganz unterschiedlicher Größen haben“, erklärt Schmieder dieses Vorgehen. Denn da der Musikerring mit seinen Alleen auch Gartendenkmal ist, gibt es dafür Vorgaben. Frühestens wenn über die Hälfte der Rosskastanien weg ist, passiert wirklich etwas. Die große Frage, was dann gepflanzt wird, muss bis dahin allerdings auch beantwortet werden. Schmieder wälzt seit Wochen Literatur, hat mit Gartenbauern, Förstern und Grün-Forschern gesprochen und ist so auf Andreas Roloff, Professor für Forstbotanik an der TU Dresden, gestoßen. Der Wissenschaftler untersucht seit Jahren das Problem Trockenstress an Bäumen. Sowohl für Wälder und Parks wie auch für Stadtgrün will der Baumexperte herausfinden, welche Baumarten künftig überhaupt eine gute Chance haben. Denn die heute kränkelnden Kastanienhybriden wurden aus ganz anderen Überlegungen heraus ausgesucht. Weil die Autofahrer sich nach der Wende beschwerten, dass ihre Fahrzeuge am Straßenrand mit herunterfallenden Kastanien übersät waren, entschied man sich für eine neumodische Errungenschaft – eine fruchtlose Kastanie. Die rotblühende Rosskastanie sieht schön aus, bildet aber keine Kastanien. Möglicherweise war genau das der Fehler, vermutet Schmieder heute. Denn die Sorte „Baumanii“ erweist sich jetzt als besonders anfällig gegen ein Bakterium, das den gefürchteten Rindenschleimfluss hervorruft.

Standort kostet künftig mehr Geld

Heute suchen die Stadtplaner Bäume, die lange Trockenperiode durchhalten, mit geringen Wurzelräumen in der Stadt klarkommen und trotzdem standfest sind, repräsentativ aussehen und keinen Ärger mit Blüten und Früchten machen. Zu den bisherigen Forderungen kommen also eher neue hinzu. Weil das eigentlich ein Unding für einen Baum ist, wirbt Schmieder dafür, den Bäumen mehr und besseres Substrat im Wurzelbereich zu geben. Großenhain müsse sich auf einen Bodenaustausch einstellen. „Wenn wir unsere Alleen erhalten wollen, müssen wir mehr für die Bäume tun, und das kostet Geld“, sagte Schmieder deshalb unumwunden im letzten Stadtrat.

Grünplaner rechnen gängig mit 1500 bis 1750 Euro Neu-Pflanzkosten samt Anschaffung pro Alleebaum. Allein der Abschnitt Berliner Straße bis Poststraße würde mit 49 Stück mindestens 73 500 Euro kosten; bis zur Meißener Straße 45 000 Euro, falls hier nur die kränkelnden Jungbäume getauscht werden müssen und die Altbäume noch etwas durchhalten. Falls nicht, kommen noch einmal 12 000 Euro hinzu. Ab 2020 werden die Gelder deshalb abschnittsweise im Stadthaushalt eingeplant. Damit sich Krankheiten künftig nicht mehr so rasant ausbreiten, will Schmieder die einzelnen Abschnitte mit unterschiedlichen Baumarten bepflanzen – denn eine durchgängige Mischkultur verbietet der Denkmalsschutz, weil damit die Gleichartigkeit einer Allee verloren geht. Doch welche Bäume sind stressstabil?

Lediglich neun einheimische Arten sind laut Andreas Roloff den kargen Bedingungen in den Stadt noch gewachsen. Insgesamt hat er mit seinem Team eine Liste von 40 möglichen Bäumen erstellt. Die künftigen Baum-Einwanderer stammen meistens aus Nordamerika und China.