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Donnerstag, 09.08.2018

Nesselraupen bedrohen Schulweg

Die Fälle von allergischem Ausschlag häufen sich – doch der Landkreis Meißen will noch warten.

Von Birgit Ulbricht

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Bäume sind zwischen Lampertswalde und Quersa mit ekligen Gespinsten überzogen. Es ist Goldafter, sagt der Landkreis. Die Raupen fliegen an Fäden durch die Luft und befallen alles, was dort entlang kommt.
Bäume sind zwischen Lampertswalde und Quersa mit ekligen Gespinsten überzogen. Es ist Goldafter, sagt der Landkreis. Die Raupen fliegen an Fäden durch die Luft und befallen alles, was dort entlang kommt.

© Anne Hübschmann

Inzwischen sind die Bäume an der B 98 so geschädigt, dass unklar ist, ob sie die Tortur angesichts der Trockenheit überhaupt überstehen.
Inzwischen sind die Bäume an der B 98 so geschädigt, dass unklar ist, ob sie die Tortur angesichts der Trockenheit überhaupt überstehen.

© Anne Hübschmann

Dierk Bade ist Allgemeinmediziner in Lampertswalde und hat am Mittwoch bereits den dritten akuten Allergiefall behandelt.
Dierk Bade ist Allgemeinmediziner in Lampertswalde und hat am Mittwoch bereits den dritten akuten Allergiefall behandelt.

© SZ/Archiv

Quersa/ Lampertswalde. Das ist unverantwortlich, nächste Woche beginnt die Schule! Mediziner Dierk Bade aus Lampertswalde ist eigentlich ein ruhiger Patron, wie er selbst sagt, aber das geht ihm doch zu weit. Den dritten Fall einer akuten Allergie hat er diese Woche schon behandelt. Mit Pusteln, Schwindel, Übelkeit – wie aus dem Lehrbuch. Auslöser ist eine wortwörtlich reizende Raupe, die sich in riesigen Kolonien auf den Bäumen entlang der B 98 zwischen Quersa und Lampertswalde einspinnt und jeden befällt, den sie beim blitzschnellen Herabhangeln an winzigen Gespinsten erwischen kann. Das Dumme ist: Entlang der B 98 verläuft durchgängig ein Radweg.

„Wenn hier ab nächster Woche ein Kind mit einer allergischen Disposition entlang kommt und etwas passiert, möchte ich mal die Behörden sehen“, schimpft der Mediziner. Denn all das müsste nicht sein, ist er überzeugt. Von der Kronospan-Seite aus bekämpft Maik Rennert von der Gartenbaufirma Vetter die Raupe mit aller Kraft. „Die Bäume waren schon letztes Jahr befallen, dieses Jahr ist es durch die Trockenheit noch schlimmer“, sagt Maik Rennert.

Er hat mit seinen Kollegen die Gespinste gleich unter Vollschutz herausgeschnitten, als sie im Früh-Sommer zu sehen waren. „Es ist natürlich albern, wenn wir auf der Kronospan-Seite wie die Kosmonauten dastehen und auf der anderen Seite, auf dem Radweg, fahren die Leute kurzärmlig“, kritisiert er. Die Bekämpfung ist daher auch nicht erfolgreich, weil die andere Seite von der Straßenmeisterei des Landkreises behandelt werden müsste. Doch die Behörde sieht derzeit keinen Handlungsbedarf. Der Befall ist bekannt, schreibt Behörden-Sprecherin Kerstin Thöns. Es sei gegenwärtig aber nicht zielführend, eine Bekämpfung mit chemischen Mitteln vorzunehmen, da damit die Brennhaare, als Auslöser der allergischen Reaktion, auf dem Blattwerk und Boden nicht beseitigt werden. Handeln wolle man erst, wenn die Raupe ihr Überwinterungsgespinst ausbildet. Die könnten dann abgelesen und verbrannt werden, so Thöns.

Dierk Bade kann es nicht fassen. „Man kann doch jetzt nicht bis zum Winter warten! sagt er entsetzt. „Ich bin ja gespannt, wann das erste Kind ankommt“, sagt er aufgebracht. Seiner Meinung nach sollte sich die Firma Kronospan, wo es bereits etliche betroffene Mitarbeiter gebe, auch an den Landkreis wenden und hier ein gemeinsames Handeln einfordern. Denn nur dann habe die Bekämpfung schließlich Sinn. „Aber bitte nicht so, wie er es schon gesehen habe“, schränkt Maik Rennert ein.

Er ist ausgebildet im Umgang mit Sprühmitteln, die da zum Einsatz kommen. Was die Lampertswalder an der B 98 schon gesehen haben, dass vom Fahrzeug aus, ohne Schutzanzug gesprüht werde, während der Radweg weiter offen ist, das sei ja wohl ein Unding“, so Rennert. Apropos. Eigentlich müsste der Rad-/Fußweg nach den vorliegenden Fällen schon jetzt gesperrt werden. Doch dazu gibt es keine Auskunft. Offenbar will man das Problem wirklich aussitzen. Ob die Bäume den Akutbefall angesichts dieser Trockenheit überstehen, fragt sich die Gartenbaufirma natürlich auch. „Ja, da könnte die ganze Baumallee fallen“, befürchtet Rennert. Für Dierk Bade zählt zwar auch die Baumgesundheit, die größte Sorge gilt allerdings den Schulkindern, die früh nach Schönfeld radeln und nachmittags wieder zurück. Maik Rennert weiß selbst, wie die Pusteln brennen. „Ich habe den Reißverschluss meines Schutzanzuges mal ein bisschen geöffnet, weil mir einfach zu heiß war in dem Ding, gleich hatte ich diesen Ausschlag“, erzählt er. Eine einzige Raupe hat etwa 600 000 Brennhaare.

Immerhin werden Raupenallergien versicherungstechnisch als Unfall behandelt – wie übrigens auch ein Zeckenbiss. Nur dass es bei Letzterem eigentlich unmöglich ist, nachzuweisen, wo man sich die Zecken aufgelesen hat. Städte und Gemeinden versuchen daher, in touristisch frequentierten Gebieten in der Nähe nesselnder Raupenkolonien wenigstens der Haftung per Achtungsschild zu entgehen. Selbst vor Wäschespinnen, Möbeln, Rutschen und Kinderspielzeugen machen die Raupen dabei keinen Halt. Schon deshalb will Dirk Bade die Ausbreitung der Raupe ins Dorf oder ins Gewerbegebiet unbedingt verhindern.

Wer mit den Haaren in Berührung gekommen ist, sollte sich sofort duschen, Haare waschen (mit Seife abspülen, aber nicht reiben) und die Kleidung wechseln. Auf keinen Fall natürlich kratzen, raten Ärzte. Die Haut lässt sich auch gut mit Klebestreifen von den Haaren befreien. Die Kleidung sollte anschließend luftdicht und separat abgelegt und bei mindestens 60 Grad gewaschen werden. Bei sehr starkem Juckreiz oder anderen auffälligen Symptomen hilft nur der Gang zum Arzt.