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Montag, 01.01.2018

Nein zum Jammer-Ossi

Der Ossi, das unbekannte Wesen? Auch heute noch schauen manche Westdeutsche mit Befremden auf ihre Landsleute im Osten. Bei denen sind wiederum noch nicht alle Wunden verheilt.

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Martin Dulig
Martin Dulig

© Robert Michael

Dresden. Der sächsische SPD-Chef Martin Dulig verlangt von seiner Partei eine andere Sicht auf den Osten. Nach wie vor gebe es in der SPD noch eine „sehr westdeutsche Sicht und Denkweise“, wenn von Ostdeutschland die Rede sei, sagte der 43-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Dulig ist in der schwarz-roten Koalition in Sachsen Wirtschaftsminister und stellvertretender Regierungschef.

„Ich gehöre einer Generation an, die es leid ist, dass man den Osten nur über Defizite, Minderheiten und Komplexe wahrnimmt und mit Jammern gleichsetzt.“ Er gehe mit Selbstbewusstsein in diese Debatte und dem Wissen, dass Ostdeutschland einiges einzubringen habe.

Dulig will künftig als Ostbeauftragter des Parteivorstandes agieren. Unlängst hatte die SPD auf ihrem Bundesparteitag in Berlin beschlossen, ihre Genossen im Osten stärker zu unterstützen. Das schließt die Funktion eines Ostbeauftragten ein. Ob Dulig noch mit einem anderen Bewerber für das Amt rechnen muss, ist unklar. Letztlich bestimmt der Parteivorstand darüber, voraussichtlich Anfang Januar.

„Ich sehe dieses Amt als eine politische Funktion. Ich bin nicht der Geschäftsführer Ost. Meine Aufgabe ist es nicht, die Strukturen der Ost-SPD aufzubauen“, sagte Dulig. Er wolle aber als „Stimme für den Osten“ in der Partei wirken, vor allem den Dialog innerhalb der Partei, aber auch im ganzen Land suchen.

Mit Blick auf die Ergebnisse der Bundestagswahl sei es ratsam, „sich genau anzuschauen, warum der Osten so tickt“. Für viele Westdeutsche habe sich nach 1990 wenig geändert. Sie hätten nie versucht zu verstehen, was es für Umbrüche in Ostdeutschland gab: „Es gibt oftmals einen fehlenden Respekt vor den Lebensleistungen der Menschen im Osten vor der Wende, aber auch vor den großen Umbrüchen und Herausforderungen, welche nach der friedlichen Revolution bewältigt worden sind.“ Teile einer ganzen Generation hätten nach der Wende Demütigungen erlitten.

„Sie haben eigene Nachteile wie geringere Löhne und Arbeitslosigkeit in Kauf genommen, nur damit es weitergeht. Dieses Thema wurde nie aufgearbeitet“, betonte Dulig. Andererseits gebe es aber auch viele Ostdeutsche, die sich bei diesen Themen überhaupt nicht angesprochen fühlten. Zudem hätten sich viele Westdeutsche auf vorbildliche Weise in den Aufbau Ost eingebracht: „Deshalb brauchen wir eine differenzierte Sicht auf die Befindlichkeiten - wir müssen endlich weg von diesem Schwarz-Weiß-Denken.“ (dpa)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Demokratin

    Ich, Jahrgang 1953, Ostdeutsche, bin glücklich, dass ich die Wiedervereinigung Deutschlands erleben durfte. Mir war von Anbeginn klar, dass es durch den Beitritt der DDR zur BRD für die "neuen Bundesländer" und die hier lebenden tiefe Einschnitte in das gewohnte Leben geben wird. Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum und Existenzängste . a. waren bekannte!!! Nebenwirkungen des Kapitalismus. Die Medien der BRD haben darüber zu jeder Zeit berichtet. - Ich bin die gesamte "Ossi gegen Wessi und umgekehrt - Debatte leid! - Aus meiner Sicht "jammert" NIEMAND, sondern Bürger benennen ihre subjektiven Sorgen und Probleme. Die SPD begeht mit einem Ostbeauftragten ausmeiner Sicht einen Rückschritt!!! - Ein Beauftragten FÜR die Vollendung der "Inneren Einheit" wäre aus meiner Sicht zeitgemäß und zukunftsweisend. Ein Ostbeauftragter auf Regierungsebene und wieder unterstellt dem Kanzleramt ist ausreichend. Regine Hildebradt, Matthias Platzeck u. a. waren "ohne Titel" eine starke Interessenvertretung!

  2. Demokratin

    ...bitte um Verständnis für Schusselfehler bei "Regine Hildebrandt". Es ist sehr bedauerlich, dass Persönlichkeiten wie Regine Hildebrandt in der AKTUELLEN Politik nicht spürbar vertreten sind. Sie hat die Würde eines jeden Menschen geachtet, Probleme hinterfragt und vereint nach politischen Lösungen gesucht. Immer ehrlich, sehr direkt und nie zum Selbstzweck! Als Siegmar Gabriel sich auf Einladung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung u. a. auch mit Teilnehmern der Pegida - Bewegung traf, da wurde er insbesondere von seiner Partei stark kritisiert. Es war der Anfang vom Ende als Vorsitzender der SPD. Es sind immer Extremsituationen, Zuspitzungen von Konflikten, deren Ursachen Politiker aller demokratischen Parteien hinterfragen sollten. Ein Ostbeauftragter auf Parteiebene ist ein "künstlich geschaffenes Konstrukt". Vertrauen entsteht nicht durch funktionale Berufung, sondern durch Vertrauen in das Handeln der Person.

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