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Montag, 11.06.2018

Namenssuche spannend bis zum Schluss

Wie ihre Grundschule in Boxberg heißen soll, dafür haben Kinder 108 Ideen. Am letzten Schultag steht der Sieger fest.

Von Constanze Knappe

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Nils, Schulsozialarbeiterin Ricarda Valentin und Thea (von links nach rechts im Bild) präsentieren drei der vier Vorschläge, die es als Favoriten in die Endauswahl geschafft haben. Wie die Grundschule Boxberg am Ende wirklich heißt, darüber befindet der Gemeinderat.
Nils, Schulsozialarbeiterin Ricarda Valentin und Thea (von links nach rechts im Bild) präsentieren drei der vier Vorschläge, die es als Favoriten in die Endauswahl geschafft haben. Wie die Grundschule Boxberg am Ende wirklich heißt, darüber befindet der Gemeinderat.

© Joachim Rehle

Für ihren Vorschlag „Kleeblatt“ startete die 4a sogar einen richtigen „Wahlkampf“. Ricarda Valentin zeigt das Banner, mit dem die Kids punkten wollten.
Für ihren Vorschlag „Kleeblatt“ startete die 4a sogar einen richtigen „Wahlkampf“. Ricarda Valentin zeigt das Banner, mit dem die Kids punkten wollten.

© Constanze Knappe

Boxberg. Grundschule am Bärwalder See. Das war mein erster spontaner Gedanke. Und nicht nur meiner. Im Ranking der Grundschule Boxberg schaffte es dieser Vorschlag immerhin unter die ersten Zwanzig. Allerdings, und das steht schon jetzt fest: So heißen wird die Schule trotzdem nicht. Die Kinder haben aus sage und schreibe 108 (!) Vorschlägen ihre vier Favoriten gewählt. Der Name Bärwalder See ist nicht dabei.

Dafür der Vorschlag „Grundschule der Wald- & Heidedörfer“. Der stammt von Nils aus der 2a. Wie er wohnen etliche Kinder nicht im Hauptort der Großgemeinde, sondern in einem der 18 Ortsteile. „Außerdem ist Boxberg von Wald und Heide umgeben“, begründet der Achtjährige. Nils und sein Papa fuhren mit dem Fahrrad in alle Dörfer und fotografierten die Ortsschilder. Schulsozialarbeiterin Ricarda Valentin, die die Suche nach dem Namen anschob, war richtig baff. Dass sich Eltern so einbringen würden, das hätte sie nicht erwartet.

Thea aus der 1a vertritt die Kinder, die sich den Namen „Grundschule Lernoase“ vorstellen könnten. „Weil man hier gut lernen kann und die Lehrer nett sind“, begründet sie etwas zaghaft. Die Siebenjährige geht gern zur Schule, ein Lieblingsfach hat sie aber nicht. Ricarda Valentin hilft mit der Erklärung weiter. „Wie in einer Oase, wo sich viele Tiere begegnen, treffen sich in der Schule viele Kinder mit ihren Freunden, um gemeinsam zu lernen.“ Das Plakat entstand in einer Gruppenarbeit.

Edgar aus der 1b mag besonders die Fächer Polnisch und Deutsch. Auch er geht gerne zur Schule. Die sollte seiner Meinung nach „Kleine Findlinge“ heißen – in Anlehnung an den Findlingspark Nochten. „In der Nähe ist doch der Park, da gibt es viele Steine in bunten Farben“, erzählt der aufgeweckte Junge. Einige Steine hat der Siebenjährige auf sein Plakat aufgeklebt. Freunde aus der Klasse halfen ihm dabei.

Zur Auswahl steht außerdem der Vorschlag von Jasmin aus der 3a, die Grundschule „Einmaleins“ zu nennen. Die Idee dazu entstammt der Frage, was man in der Schule lernt, erklärt die Schulsozialarbeiterin. Dabei stehe das Einmaleins für Mathe sowieso, aber gewissermaßen auch für das Alphabet und alle anderen Grundlagen.

Familien mit einbezogen

Dass die Schule einen Namen braucht, ist aus Sicht von Ricarda Valentin längst überfällig. „Es stärkt die Identität, verbindet die Kinder mit ihrer Schule, die Schule mit der Gemeinde“, erklärt sie. Nach den Osterferien begann das Projekt. Zunächst mit der Frage, was der Name ausdrücken soll. Er bezieht sich auf Eigenschaften, stellt heraus, was die Grundschule Boxberg hat, was andere womöglich nicht haben. So der Ansatz. Jeweils eine Stunde pro Woche befassten sich die Kinder im Unterricht damit. Das Thema beschäftigte sie aber auch darüber hinaus. „Mir ist wichtig, dass sie untereinander ins Gespräch kommen“, sagt die Schulsozialarbeiterin. Dass die Erstklässler wissen, dass man die Großen fragen kann, wenn man selber nicht weiterkommt, und umgekehrt die Viertklässler anerkennen, dass auch die Kleinen tolle Ideen haben. Michaela Gärtner vom Elternrat hielt die Eltern auf dem Laufenden. Das gipfelte darin, dass diese online voteten und mit „Grundschule am Bärwalder See“ sogar einen eigenen Vorschlag ins Rennen schickten. So wurde die Namenssuche zu einer spannenden Sache für die Familien und damit für die ganze Gemeinde.

Wahlkampf und geheime Wahl

Bei Halbzeit des Projekts standen wie gesagt 108 Vorschläge zur Auswahl. Beispielsweise „Lolek & Bolek“, weil die Grundschule ein Polnisch-Angebot hat. Oder „Martin Deddo“ in Erinnerung an den ersten Lehrer in Boxberg überhaupt, „Bergmann“, „Seenland“ oder „Sonnenschein“, weil auf dem Weg zur Schule im echten wie im übertragenen Sinne die Sonne aufgeht. Im Stile eines richtigen Wahlkampfs trat die Klasse 4a für ihren Vorschlag „Kleeblatt“ ein. Mit einem Banner auf dem Schulhof und Keksen in Kleeblattform mit grünem Zuckerguss. Schöpferische Kräfte halt.

Und dann kam mit der Vorauswahl die erste Stunde der Wahrheit. In den Klassen wurden Für und Wider abgewogen und mit Klatschen die Vorschläge für die nächste Runde ermittelt. Danach folgte die geheime Wahl. „Die Kinder verbanden sich die Augen, damit niemand sehen konnte, bei welchem Vorschlag sich die anderen meldeten“, erklärt Ricarda Valentin. So blieben 19 Namen für die engere Wahl übrig und der Vorschlag der Eltern. Alle 20 Namen wurden auf einer Tafel im Foyer angebracht. Jedes Kind durfte drei Sterne vergeben, an einen oder verteilt auf mehrere Vorschläge. Bis die Favoriten feststanden.

Den Kindern zu wenig zugetraut

Anfangs, so erzählt Ricarda Valentin, habe es große Bedenken gegeben, ob Kinder in dem Alter ernsthafte Vorschläge machen oder die Namen ihrer Lieblingshelden aus dem Fernsehen nennen würden. Es sei schade, dass den Kindern so wenig zugetraut wurde, findet sie. In Kürze stellen sie die vier Favoriten in der Gemeindeverwaltung vor. „Sie werden für ihre Vorschläge kämpfen“, da ist sich Ricarda Valentin sicher. Der Gemeinderat entscheidet schließlich, und am letzten Schultag wird Bürgermeister Achim Junker verkünden, wie die Grundschule ab dem nächsten Schuljahr heißt. Nils, Edgar, Thea und die Anderen sind jedenfalls schon ziemlich aufgeregt.

Als Ricarda Valentin vom Verein Schlupfwinkel Weißwasser als Schulsozialarbeiterin in der Grundschule anfing, war das größte Anliegen der Schulleiterin, ein Wir-Gefühl zu schaffen. Die Namenssuche trug dazu bei, dass sich jedes Kind nun als Teil der Schule fühlt. Und nicht nur das. „Projekte wie dieses stärken die Sozialkompetenz. Die Kinder spüren, dass sie etwas schaffen, wenn sie zusammenarbeiten“, so Ricarda Valentin. Auch das Selbstbewusstsein wurde gestärkt. Die schüchterne Thea hätte sich sonst nie getraut, ins Rampenlicht zu treten. Edgar ist richtig stolz, dass es sein Vorschlag in die letzte Runde geschafft hat. Auch Nils ist froh darüber.

Noch vor Verkündung des Namens hat die Schulsozialarbeiterin Grund zur Freude. Ricarda Valentin weiß, dass sie auch im nächsten Schuljahr in der Grundschule Boxberg arbeiten darf. Zu 20 Prozent finanziert die Gemeinde ihre Stelle mit.

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