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Freitag, 12.10.2018

Muskau war die letzte Station

Von Uwe Jordan

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Begleittext: „An diesem Schreibtisch aus dem Besitz des Prinzen Ulrich von Schönburg-Waldenburg unterzeichnete König Friedrich AugustIII. am 13.November seinen Thronverzicht. Der Schreibtisch blieb bis 1945 in Schloss Guteborn und wurde dann im Rahmen der «Schlossbergung» ins Museum Hoyerswerda gebracht. Das Schloss Guteborn selbst wurde 1948 gesprengt. Nach dem Ende der DDR musste das erhaltene Inventar des Schlosses an die Erben des Fürsten Wolf von Schönburg-Waldenburg zurückgegeben werden. Dabei erwarb das Schloss- und Stadtmuseum Hoyerswerda das historisch bedeutsame Möbelstück“, das nun Leihgabe für Pillnitz ist. Auf dem Tisch die Abdankungsurkunde (siehe Text), hinten im Rahmen der vervielfältigte Handzettel zur Schau.Collage/Foto (M): Uwe Jordan27hoy20C222TischBearbeitetTisch auf Guteborn, an dem FAIII seine Abdankungsurkunde unterzeichnete;Leihgabe des Stadtmuseums Hoyerswerda (Schloss)Ausstellung „Macht euern Dreck alleene - der letzte sächsische König, seine Schlösser und die Revolution 1918“ zu Sachsens letztem König Friedrich August III.Schlossmuseum im Neuen Palais28.4.-April- bis 4.11.-November- 2018 / Di-So 10-18 Uhr)Schloss Pillnitz (Dresden)August-Böckstiegel-Straße 2Foto: Uwe Jordan 22.9.-September-2018
Begleittext: „An diesem Schreibtisch aus dem Besitz des Prinzen Ulrich von Schönburg-Waldenburg unterzeichnete König Friedrich August III. am 13. November seinen Thronverzicht. Der Schreibtisch blieb bis 1945 in Schloss Guteborn und wurde dann im Rahmen der «Schlossbergung» ins Museum Hoyerswerda gebracht. Das Schloss Guteborn selbst wurde 1948 gesprengt. Nach dem Ende der DDR musste das erhaltene Inventar des Schlosses an die Erben des Fürsten Wolf von Schönburg-Waldenburg zurückgegeben werden. Dabei erwarb das Schloss- und Stadtmuseum Hoyerswerda das historisch bedeutsame Möbelstück“, das nun Leihgabe für Pillnitz ist. Auf dem Tisch die Abdankungsurkunde (siehe Text), hinten im Rahmen der vervielfältigte Handzettel zur Schau.Collage/Foto (M): Uwe Jordan
Friedrich AugustIII.zur Errichtung der Räterepublik
Friedrich August III. zur Errichtung der Räterepublik

Es muss eine zutiefst niederschmetternde Lage gewesen sein, in der sich Friedrich August III. im November 1918 sah. Dabei hatte er doch vermeintlich schon alles an Bitternissen im Leben auskosten müssen; schon als Kronprinz, als er unschuldig Mittelpunkt des größten Skandals der europäischen Adelsgesellschaft wurde: Seine über alles geliebte Frau, Luise von Österreich-Toskana, gerade mit ihrem siebenten Kind schwanger und durchaus nicht unglücklich mit dem Sachsenkönig, hatte ihn 1902 verlassen. Weil sie fürchtete, von Friedrich Augusts Vater Georg, zu dem sie ein äußerst schlechtes Verhältnis hatte, in die Psychiatrie eingewiesen zu werden.

Friedrich August war fortan als alleinerziehender Vater für seine sechs Sprösslinge (die erste Tochter Maria Alix Carola starb bei der Geburt) verantwortlich, denn selbst die 1903 nachgeborene Tochter Anna Monika Pia nahm er, ungeachtet aller gehässigen Gerüchte, das Kind sei ja gar nicht von ihm, genau so an wie seine fünf unstrittig legitimen Nachkommen. Nach seiner Thronbesteigung am 15. Oktober 1904 widmete er sich, getreu der Sächsischen Verfassung von 1831 (die ihm eine nur vermittelnde Rolle zuschrieb), kaum den Regierungsgeschäften (dafür hatte er ja seine Beamten) und führte eher das Leben eines konstitutionellen Monarchen à la England: Repräsentieren; ansonsten widmete er sich vor allem der von ihm geliebten Jagd. Den Verlust Luisens hat er nie verschmerzt; aber ein Verlust ganz anderer Größenordnung stand ihm ja noch bevor.

Launig-unbedarfte Kommentare

Die meisten Sachsen waren ihrem König zugetan; nicht zuletzt wegen seiner oft in breitem Sächsisch vorgetragenen, launig-unbedarften und rasch verbreiteten Kommentare zum Zeitgeschehen, wobei bisweilen auch unfreiwillige Komik zustande kam. In tagespolitische Ereignisse ließ er sich nur selten und wenn, dann höchst ungern, verwickeln. Zwar hatte er, wie es sich für einen deutschen Fürsten nun mal geziemte, beim Ausbruch des I. Weltkrieges 1914 halbherzige Proklamationen an Soldaten und Volk gerichtet, es gelte jetzt, seine Pflicht zu tun – aber im übrigen wollte er damit nicht viel zu tun haben. Selbst das übliche wöchentliche Sich-am-Balkon-Zeigen, um den Durchhaltewillen des Volkes angesichts der Präsenz des Königs zu stärken, lehnte er bald ab: Er hätte die Nase voll. Allerdings lebte er, meist fern gehalten vom durchaus turbulenten und bei weitem nicht erfreulichen Alltag jener Zeit, zunehmend in einer Parallelwelt.

„Macht euern Dreck alleene!“

1918, so der vorzügliche Handzettel und Ausstellungskatalog des Schlosses Pillnitz, 1918 also war das Undenkbare, die größtmögliche Demütigung, Wirklichkeit geworden: „Schließlich kam die Revolution nicht umhin, ein bisschen auszubrechen, und Friedrich August musste schonend von den heranziehenden Gewitterwolken in Kenntnis gesetzt werden. In Chemnitz sei die rote Fahne gehisst worden, unterbreitete man ihm. Was das bedeuten solle, fragte der König nicht ohne gelinde Neugier. Die Schranzen drückten sich um das schreckliche Wort, aber es war auf die Dauer unmöglich zu verheimlichen. Also kurz und gut: In Chemnitz hatte man die Räterepublik ausgerufen, Friedrich August war perplex: «Ja, ... derfn die dn das?»“ Freilich hätten sie das „nicht gedurft“; aber es war Tatsache. Friedrich August III. resignierte. „Macht euern Dreck alleene“ soll er gesagt haben. Das ist zwar historisch nicht verbürgt; die sozialdemokratischen Tageszeitungen verbreiteten den Spruch aber umgehend als einem Telefonat mit Finanzminister Dr. Max Otto Schröder entnommen. Woher sie das nur gewusst haben wollen? „Die Berichte über dieses vermeintliche Gespräch stimmen allerdings nicht mit den Aufzeichnungen zur Flucht des Königs überein. Mag der Ausspruch auch erfunden sein, so drückt er doch aus, was die Sachsen ihrem König zutrauten, der als volkstümlich und kauzig galt“, merkt der Begleittext der Pillnitzer Ausstellung an.

Abdankung in Guteborn

Wie auch immer: Friedrich August III. entschloss sich, Dresden in Richtung sichererer Gefilde zu verlassen. Von Dresden aus ging es nach Schloss Guteborn nahe Hoyerswerda. Dort kam des Königs schwerste Stunde: Auf einer Doppelseite Papier gab er die folgenreichste Entscheidung in der Geschichte der Wettiner (des sächsischen Königshauses, d. Red.) zu Protokoll – an dem oben gezeigten Schreibtisch: „Ich entbinde Meine sämtlichen Beamten, Offiziere, Geistlichen und Lehrer von dem Mir geleisteten Treueeide und fordere sie auf, im Interesse ihres Vaterlandes ihren Dienst weiter zu versehen.“ Unterschrift, also notarielle Beglaubigung: „Dr. Rudolf Heinze -?-“ Auf der Gegenseite, ganz nüchtern: „Ich verzichte auf den Thron Am 13. November 1918 Friedrich August“.

Odyssee bis nach Sibyllenort

Damit war die Odyssee allerdings nicht beendet. Von Schloss Guteborn aus (das 1948 gesprengt wurde) floh der König nächstentags weiter. Das Tagebuch der Adjutanten Seiner Majestät des Königs Friedrich August von Sachsen (1. Januar 1918 bis 23. April 1919) schildert den Tagesablauf des Monarchen. Im November 1918 wurde das Protokoll von Generalmajor Freiherr O’Byrn und vom General der Infanterie Otto von Tettenborn geführt. In diesem in Pillnitz ausliegenden Bande lesen wir: „Donnerstag, 14. November 11.30 Frühstück // 12.0 Abfahrt des Grafen, der Gräfin (zu Hainbach?) über Hoyerswerda, Muskau, Sorau, Sagan, Sprottau, Steinau, Trebnitz nach Sibyllenort;“ – Muskau war also die letzte Station des Königs auf (heute) deutschem Gebiet, bevor es nach dem (mittlerweile) Polnischen ging und die Fahrt bei Breslau (jetzt Wroclaw) endete.

Enteignung blieb ihm erspart

Dort behält der König den aufwendigen Lebensstil des Dresdener Hofes bei. Die Jagd bleibt sein Hauptvergnügen; dennoch plagt ihn die Langeweile. Er erwägt, in einen Münchener Vorort umzuziehen. Geldsorgen begleiten ihn, was ihn zu dem Ausspruch verleitet, er müsse sich nun wohl eine Arbeit suchen, die Steuer fräße alles auf. Der glimpflich ausgegangene Volksentscheid vom 20. Juni 1926, der die entschädigungslose Enteignung der Fürsten forderte, aber zur Enttäuschung der ihn durchgesetzt habenden Kommunisten auch auf Grund der extra geschaffenen gesetzlichen Hürden fehlschlug und stattdessen individuelle Abfindungsverträge zeitigte, dürfte Friedrich August III. in dieser Hinsicht von einigen Sorgen befreit haben. Seinen eigenwilligen Humor hat er nicht eingebüßt. Einen Reisigsammler, der ihm klagt, wegen eines Holzdiebstahls habe ihn der Förster entlassen und somit seiner Existenzgrundlage als Waldarbeiter beraubt, bescheidet der Ex-König: „Treesten Se sich, ich hab kee Holz gestohlen, un mich ham se ooch rausgeschmissen.“ Ihm selbst Trost bereitet haben dürfte eine Szene in Plauen: Dort hatte man erfahren, „dass sich der ehemalige Landesvater in dem gerade einlaufenden D-Zug befand. Eine aufgeregte Menge umdrängte sein Abteil und gab nicht eher Ruhe, bis sich Friedrich August am Fenster zeigte. Man schwenkte die Hüte, man jubelte ihm zu. Der König aber lächelte und rief, als schon die Räder rollten: «Ihr seid mir scheene Rebubligahner!».“

Wer den Tisch sehen will ...

Am 18. Februar 1932 stirbt er in Sibyllenort (heute: Szczodre). Alle Zeitungen überbieten sich im ehrenden Gedenken an den Ex-König, dem als Höchstes bescheinigt wird, „ein guter Mensch“ gewesen zu sein. Was er wohl, bei neutraler Betrachtung, war – aber er war eben nicht nur Mensch, sondern auch König gewesen. Das hat seiner Popularität bis heute keinen Abbruch getan; eher im Gegenteil ... Ob er Muskau oder Hoyerswerda zwischenzeitlich noch einmal besucht hat, ist nicht überliefert; es ist immerhin ungewiss. Warum sollte der gewesene Herrscher auch noch einmal zurückkehren an Stätten, die für ihn Durchgangsstationen einer eher unerfreulichen Episode seines Lebens gewesen waren? Und dass der Tisch, auf dem er die Entsagung schriftlich niedergelegt hatte, einmal in Hoyerswerda seine Heimstatt finden würde, war ja damals noch nicht abzusehen. Aber was heißt auch schon Hoyerswerda: Ob das Möbel hier wieder einmal gezeigt werden oder auf dem Speicher eingelagert werden wird, ist noch nicht entschieden. Wer das Geschichte gemacht habende gute Stück ganz sicher einmal in natura sehen will, sollte Schloss Pillnitz in Dresden besuchen.

Viele Gründe für Pillnitz

Das ist noch aus vielen anderen Gründen eine Reise wert: Da wäre die Ausstellung zur DDR-Modezeitschrift „Sybille“ bis 4. November, da wäre die Ausstellung von stilvoll-schönen „Hellerau“-Möbeln, da wären die Hofküche, der Fliederhof mit einem vortrefflichen Antiquariat und Holzladen, das Schloss selbst, der Park mit Orangerie, Palmen- und Kamelienhaus, nicht zu vergessen ein vorzüglich sortierter Museumsshop, in dem es den Ausstellungskatalog zu kaufen gibt, und eine empfehlenswerte Gastronomie. Aber Glanzlicht in diesen Tagen ist die Friedrich-August-Schau – und deren Glanzlicht wiederum, in geheimnisvolles Halbdunkel gehüllt, ist unstrittig der Hoyerswerdaer Tisch.

„Macht euren Dreck alleene! – Der letzte sächsische König, seine Schlösser und die Revolution 1918“ – Sonderausstellung (noch bis zum 4. November 2018) auf Schloss Pillnitz (Neues Palais), August-Böckstiegel-Straße 2 in 01326 Dresden; geöffnet täglich (Dienstag bis Sonntag) von 9 bis 18 Uhr (November bis März 10-16 Uhr)

www.schlosspillnitz.de