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Montag, 08.10.2018

Moderne Autodiebe schweigen noch

Im Prozess um den Diebstahl von 15 Fahrzeugen – unter anderem in Weißwasser und Niesky – zeichnet sich eine Absprache ab.

Von Frank Thümmler

Autos, die solche Keyless-Go-Schlüssel verwenden, sind relativ leichtes Ziel für Autodiebe, laut Anklage auch für die Angeklagten. Schützen kann man sich mit einer einfachen Blechdose, in der man den Autoschlüssel lagert.
Autos, die solche Keyless-Go-Schlüssel verwenden, sind relativ leichtes Ziel für Autodiebe, laut Anklage auch für die Angeklagten. Schützen kann man sich mit einer einfachen Blechdose, in der man den Autoschlüssel lagert.

© dpa

Görlitz/Oberlausitz. Dieser Prozess vor dem Landgericht Görlitz zeigt, wie leicht es für Autodiebe ist, elektronische Autosicherungen zu überwinden. Angeklagt sind zwei junge Polen, einer 28 Jahre, der andere 25 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, im Raum Ostsachsen zwischen Mai und Ende 2017 insgesamt 15 Autodiebstähle begangen oder versucht zu haben. Offenbar nutzten sie Sicherheitslücken, die die Autohersteller gelassen haben.

In mehreren Fällen sollen die beiden Männer Funksignalverlängerer benutzt haben, um in die Autos zu kommen und sie zu starten. Das geht bei „Keyless“-Schließsystemen, bei denen auf das Einstecken des Schlüssels in die Tür und Zündschlösser verzichtet wird. Das ist zwar bequem, birgt aber eben auch Gefahren: Diese Schlüssel funktionieren über ein Funksignal mit einer sehr geringen Reichweite. Ist man mit seinem Autoschlüssel ein paar Meter weg vom Fahrzeug, funktioniert er nicht mehr. Diebe aber können die Reichweite dieses Signals verlängern, mit Funk-Relais auf mehrere Hundert Meter. Vorteil für die Diebe: Außenstehende erkennen nicht, ob der Dieb den Schlüssel oder einen anderen Funksender bei sich trägt. Es gibt kein Gefummel an der Autotür und keine Geräusche. Weil der Computer meint, der Originalschlüssel sei an Bord, kann der Dieb den Motor per Knopfdruck starten und mit dem Auto das Weite zu suchen. Die zweite Masche (laut Anklage) der beiden Polen: Sie machten sich eine Sicherheitslücke vor allem bei Audi zunutze. Sie nutzten wohl den OBD-Diagnosestecker unter dem Armaturenbrett, um das Auto zu manipulieren und zu starten.

Diebestour von Meißen bis Zittau

Begonnen hat der ältere der beiden Angeklagten, Maciej P., laut Anklage im Mai 2017 in Zittau. Da startete er mittels Funksignalverlängerung einen Volvo im Wert von 60 000 Euro, musste ihn dann aber zurücklassen. Im Juli 2017 soll er bei einem Audi A6 in Löbau etwas erfolgreicher gewesen sein, musste aber das Fahrzeug (Wert 22 000 Euro) diesmal in Hagenwerder stehen lassen. „W. hatte Sturmhaube und Teleskop-Schlagstock dabei“, wirft Staatsanwalt Jörg Toschek vor. Eine Waffe erhöht das Strafmaß im Falle einer Verurteilung.

Ab September 2017 soll bei den Taten auch der zweite Angeklagte, Kamil W., dabei gewesen sein. Er gibt an, mit seinen erst 25 Jahren schon selbstständig gewesen zu sein. Toschek klagt ihn an, für das Diebstahlwerkzeug, die Organisation der Fahrer und den Weiterverkauf der Autos zuständig gewesen zu sein. Ende September folgte ein Dreifachdiebstahl in Kamenz, jeweils mittels Funksignalverlängerung. Bei zwei Audi (Wert 17 000 und 30 000 Euro) gelang der Diebstahl, bei einem BMW (Wert 45 000 Euro) wurden sie gestört. Die Diebestour ging weiter über Niesky (Autohaus Elitzsch), Kamenz, Bautzen und Weißwasser, wo sie jeweils mehrere Audi stahlen und dabei auch die OBD-Technik nutzten. Nach einer weiteren Tat in Bautzen folgte eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei, aber der Fahrer konnte fliehen, den Audi zurücklassend. Im November folgte ein weiterer Dreierschlag im Meißener Raum, wobei der Fahrer eines gestohlenen Audis später ergriffen wurde.

Der letzte Diebstahl war auch der spektakulärste. In Oberseifersdorf sollen die Angeklagten in der Nacht zum 28. Dezember einen BMW 740 Li mit Münchener Kennzeichen im Wert von 100 000 Euro gestohlen haben – wieder mittels Funksignalverlängerung. Dieser Pkw ist am 7. Januar 2018 in Polen ausgebrannt aufgefunden worden. Am 11. Januar schließlich wurde Maciej P. in einem Auto aufgegriffen. Gefunden wurden eine geringe Menge Betäubungsmittel, neben 4 000 Zloty aber auch einige Laptops, viele Handys, darüber hinaus eine Sturmhaube, ein Funksignalverlängerer, Audi-Fahrzeugschlüssel sowie ein OBD-Tool.

Die Staatsanwaltschaft stützt ihren Tatverdacht insbesondere auf die Auswertung von Mobilfunkdaten. Im Ermittlungsverfahren haben beide Angeklagte, die seit Januar in Haft sitzen, geschwiegen. Das könnte sich aber am nächsten Verhandlungstag ändern.

Der Vorsitzende Richter Hauke Hinrichs unterbreitete zu Beginn der Verhandlung einen Vergleichsvorschlag mit einer begrenzten Freiheitsstrafe gegen ein umfassendes Geständnis. P. soll demnach zwischen 49 und 58 Monaten ins Gefängnis, W. zwischen 38 und 42 Monaten.

Nach diesem Vorschlag berieten sich alle Parteien unter Ausschluss der Öffentlichkeit und erzielten im Wesentlichen wohl Einigkeit. Knackpunkt könnte die Frage sein, wo die beiden Polen ihre verbliebene Haft (abzüglich der schon abgesessenen Untersuchungshaft) verbringen. Die Angeklagten wollen das lieber in einem deutschen Gefängnis tun, weil sie hier nach zwei Dritteln der Zeit auf Bewährung entlassen werden könnten, aber sicherlich auch, weil hier die Bedingungen besser als in polnischen Gefängnissen sind. Die Staatsanwaltschaft will eine solche Zusicherung noch nicht geben. Beide Seiten haben erst einmal Bedenkzeit bis zum nächsten Verhandlungstag. Der ist für den 22. Oktober angesetzt.