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Mittwoch, 12.09.2018

Mit Artus unterwegs

In der JVA Zeithain arbeitet Deutschlands erster Handyspürhund. Dort wird er sogar im Komposthaufen fündig.

Von Christoph Scharf

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Hört aufs Wort: der Belgische Schäferhund Artus und Hundeführer Jörg Siebert in der JVA Zeithain. Der Rüde war als erster Hund Deutschlands als Handyspürhund ausgebildet worden. Im Gefängnis werden jährlich 40 bis 160 Mobiltelefone entdeckt.
Hört aufs Wort: der Belgische Schäferhund Artus und Hundeführer Jörg Siebert in der JVA Zeithain. Der Rüde war als erster Hund Deutschlands als Handyspürhund ausgebildet worden. Im Gefängnis werden jährlich 40 bis 160 Mobiltelefone entdeckt.

© Klaus-Dieter Brühl

Da ist was: Artus durchsucht einen Pflanzenkübel. Mit seinem Hundeführer ist er rund um die Uhr einsetzbar.
Da ist was: Artus durchsucht einen Pflanzenkübel. Mit seinem Hundeführer ist er rund um die Uhr einsetzbar.

© Klaus-Dieter Brühl

Noch ein Fund: Regungslos zeigt der achtjährige Rüde ein in einem Steinhaufen verstecktes Handy an.
Noch ein Fund: Regungslos zeigt der achtjährige Rüde ein in einem Steinhaufen verstecktes Handy an.

© Klaus-Dieter Brühl

Zeithain. Artus wirkt friedlich. Dürfen Gefangene den Belgischen Schäferhund auch mal streicheln? Nein. „Ich halte lieber Sicherheitsabstand“, sagt Jörg Siebert. Denn Artus ist Diensthund. Seine Aufgabe ist es, hinter Gittern Mobiltelefone aufzuspüren. Da soll er gar nicht erst zu vertraulich mit den Gefangenen werden – deshalb hält der Hundeführer in der JVA Zeithain immer etwas Abstand zu den Insassen. „Es wäre auch verboten, die Gefangenen mit dem Hund absuchen zu lassen“, sagt Sicherheitsbeauftragter Benno Kretzschmar.

Aber die Erfahrung lehrt: Handys werden ohnehin am liebsten dort versteckt, wo viele Leute Zugang haben. „Damit man einen Fund nicht gleich einem bestimmten Gefangenen zuordnen kann“, sagt Kretzschmar. Denn Mobiltelefone sind in JVAs streng verboten (siehe Beitrag unten). Und ein Gefängnis bietet auch außerhalb der Zelle viele Möglichkeiten, ein Mobiltelefon zu verstecken: Anstaltsbetriebe, Freiflächen, Kreativzentren. Jörg Siebert führt Artus über den Gefängnishof, an hohen Zäunen, Sportplatz und Unterkunftsgebäuden vorbei. Hinten links ist die Sporthalle zu entdecken. „Auch da finden wir mal Handys“, sagt der Hundeführer. Mit einem großen Schlüssel schließt Kretzschmar eine Zwischentür im Stahlzaun auf.

Hier beginnt der Gartentherapiebereich. Dort wachsen in Hochbeeten Radieschen, Basilikum, Tomaten. „Gefangene mit einer Drogenvergangenheit können hier wieder lernen, ihren Geruchssinn zu nutzen“, sagt Kretzschmar. Das Areal ist schwer zu überblicken. An einem Komposthaufen fährt ein Gefangener mit einer Schubkarre vorbei. „Da drin haben wir kürzlich ein iPhone 6 gefunden“, sagt Jörg Siebert. Dabei sind sonst kleinere Geräte bei Gefangenen beliebt: Sie lassen sich besser verstecken. Das geht bis zu Mini-Handys, die sich Häftlinge zum Schmuggeln in den Hintern stecken. Auch die Kaffeepackung, ausgehöhlte Tischplatten, Ventilator-Gehäuse sind typische Verstecke.

Dem Spürhund ist die Größe des Telefons egal: Er nimmt den Geruch des Geräts wahr, den alle Geräte ausströmen. „Das ist wohl eine Mischung aus Lithium, seltenen Erden, Weichmachern“, sagt Jörg Sieber. Zur Übung nimmt er sein eigenes Telefon – und versteckt es, ohne dass der Hund zusehen darf. Dann wird es ernst: Der 47-Jährige legt Artus dessen breites Einsatzhalsband um, auf dem der Hundename eingestickt ist. „Das Halsband ist wichtig: Jetzt weiß er, dass es an die Arbeit geht.“ Die sei Stress für den Rüden. „Während der Suche geht seine Körpertemperatur um ein bis zwei Grad hoch, Artus gibt jedes Mal alles“, sagt Siebert. Der Diensthund läuft los, steckt seine Nase zielgerichtet hierhin und dorthin – und bleibt plötzlich wie eingefroren stehen, den Blick auf eine Stelle im Grün gerichtet. Volltreffer: Unsichtbar liegt dort das Telefon.

Jetzt die Belohnung: ein Leckerli? „Das ist nicht gut genug für einen Belgischen Schäferhund“, sagt Siebert. Es muss etwas Besseres sein: ein Spiel. Der Hundeführer holt einen grünen Gummiball aus seiner Weste und schleudert ihn auf die Wiese. Überglücklich rast der Hund hinterher und apportiert sein Spielzeug. „Ein extremer Spieltrieb ist das A und O“, sagt Siebert. Das gelte beim Handy- wie beim Drogenhund. Während Letztere in deutschen Gefängnissen zum Alltag gehören, ist ein Hund wie Artus die absolute Ausnahme: Bei seiner Einführung 2012 war er der erste Handyspürhund in Deutschland, mittlerweile gibt es einzelne Exemplare auch in anderen Bundesländern. Dennoch helfen Jörg Siebert und Artus deutschlandweit der Polizei, wenn es gilt, bei Ermittlungen versteckte Handys oder Speicherkarten zu finden. Auch diese erschnuppert Artus.

Allerdings werden Schnauze, Pfoten, Kopf langsam grau: Der Hund kommt in die Jahre. Ewig wird er seinen Dienst in der JVA Zeithain nicht mehr verrichten können. Gibt es bald einen Nachfolger für ihn? Das Justizministerium lässt eine SZ-Anfrage dazu unbeantwortet. Allerdings werden in Dresden und Leipzig momentan Handy-Störsender erprobt, die das illegale Telefonieren hinter Gittern technisch unmöglich machen sollen. Womöglich bleibt Artus also ohne Nachfolger.