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Donnerstag, 08.11.2018

Mit Abschleppseil nach Afrika

Die Stephans aus Heidenau startet bei der Rallye Dresden–Dakar–Banjul. Ihre einzige Sorge ist ihr Auto, das schon Tausende Kilometer auf dem Buckel hat.

Von Heike Sabel

Wüstentonic Jörg Stephan und seine Blume Lia sind startklar: Am 10. November ging es von Hohnstein 7200 Kilometer südwärts bis ins afrikanische Gambia.
Wüstentonic Jörg Stephan und seine Blume Lia sind startklar: Am 10. November ging es von Hohnstein 7 200 Kilometer südwärts bis ins afrikanische Gambia.

© Marko Förster

Heidenau. In der Wüste wird dir bewusst, was du wirklich brauchst: Wasser und Luft zum Atmen. So hat es Jörg Stephan vor zwei Jahren das erste Mal erlebt. Die Rallye durch Europa und Afrika bis nach Gambia war ein Abenteuer, das dem Heidenauer einiges ins Gedächtnis rief. „Man fährt innerlich ein ganzes Stück runter und wird reduziert auf das wirklich Wichtige.“

Nachdem Sohn Philipp vor drei Jahren die Tour allein im Auto fuhr, machte sich 2016 Vater Jörg auf den Weg. Diesmal wollte die Familie zu dritt fahren. Doch bei Philipp klappte es mit der Arbeit nicht. Also starteten am Sonnabend Lia und Jörg Stephan – als „Wüstentonic mit Blume“. Wüstentonic nannte er sich bei der Tour vor zwei Jahren, die Blume ist seine Frau.

Das Schwerste an der Vorbereitung war, ein passendes Auto zu finden. Eines, das die 7 200 Kilometer schafft und dann in Gambia bleibt. Alle Rallye-Fahrzeuge werden dort für einen guten Zweck versteigert. Dafür wird dann das Bett, das Jörg Stephan eingebaut hat, wieder ausgebaut. Im Februar begann er mit der Suche, im Juli hatte er ihn – den VW-Bus, Baujahr 1994, gefunden. „Früh haben wir ihn gekauft, mittags haben wir die Rückflüge gebucht.“ Der VW-Bus ist schon 262 000 Kilometer gefahren. Jetzt hatte er 7 200 vor sich. „Er sollte es schaffen“, sagen Jörg Stephan und seine Autowerkstatt. „Aber es steckt keiner drin, und es ist schon ein Stück Weg.“

Und so ist wohl die einzige Sorge, ob das Auto durchhält. Jörg Stephan sieht das pragmatisch: Wofür haben wir ein Abschleppseil?

Alles andere ergibt sich, dafür ist die Rallye eine große Gemeinschaft, gibt es die Organisatoren und ist Jörg „Erfahrungsträger“, wie seine Frau sagt. Beide werden sich beim Fahren abwechseln. Lia Stephan, die als Sekretärin arbeitet, hat einiges über Afrika und speziell Gambia gelesen, kürzlich kam im Fernsehen eine Reportage darüber. Es ist ein Land, das immer mehr Touristen für sich entdecken, eine wichtige Einnahmequelle.

Doch das, was die Stephans und die anderen Rallyeteilnehmer nach Gambia führt, ist zwar für das Heidenauer Ehepaar der Jahresurlaub, aber ein etwas anderer. Die Rallyefahrer machen andere Erfahrungen als Touristen in der Reisegruppe, was sowieso nicht das Ding der Stephans ist. Sie fahren am liebsten einfach los. Ganz so einfach ist das bei einer solchen Tour nicht, da sind Visa zu beantragen, Impfungen notwendig, Geschenke und Spenden einzusammeln und zu verstauen, und es ist an Verpflegung zu denken.

Das afrikanische Lebensgefühl


Für Lia Stephan ist die Rallye eine einmalige Sache. Die Welt ist einfach so groß, da gibt es noch so viel zu sehen und zu erleben, sagt sie. Die Stephans reisen gern, waren unter anderem schon in Amerika und Kanada. Chile und Polynesien, die Anden und der Pamir – das wären noch Ziele. Nun aber geht es erst einmal nach Afrika.

Ob der 56-jährige Anlagenmechaniker Jörg Stephan vielleicht noch ein drittes Mal, eventuell mit seinem Sohn, fährt, lässt er offen. Das afrikanische Lebensgefühl mit der Gelassenheit und der Armut, der Freude und dem Elend, und auch den Erfahrungen, bei denen man an seine eigenen Grenzen stößt, scheinen ihn gepackt zu haben.