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Freitag, 14.09.2018

„Mehr Liebe täte uns allen gut“

Sebastian Römisch suchte nach einer Antwort auf immer neue Demos, Streit und Hetze – und fand sie in der Musik.

Von Henry Berndt

Hinter jeder Religion steht ein Mensch, betont Sebastian Römisch. Neben seiner musikalischen Arbeit an der Staatskapelle wirbt er ohne Unterlass für den Frieden.
Hinter jeder Religion steht ein Mensch, betont Sebastian Römisch. Neben seiner musikalischen Arbeit an der Staatskapelle wirbt er ohne Unterlass für den Frieden.

© Rene Meinig

Seine Traumstelle als Solo-Oboist führte den Berliner Sebastian Römisch vor 18 Jahren an die Staatskapelle nach Dresden. Der 50-Jährige ist bekennender Christ, vor allem aber glaubt er fest an das Gute im Menschen. Als Vorsitzender des Vereins Bündnis Interreligiöses Dresden stellt er jedes Jahr zusammen mit vielen Helfern das interreligiöse Friedenskonzert auf die Beine, in dem alle Religionen gemeinsam auf der Bühne stehen. Im vergangenen Jahr kamen 3 000 Besucher. Diesmal steht der Abend unter der Überschrift: „Zuerst Mensch – in Musik vereint“.

Herr Römisch, haben Sie die Bilder der Rechten-Demos in Chemnitz noch vor Augen?

Leider ja. Sie wurden ja auch in den letzten Tagen oft genug gezeigt. Über Frieden und Nächstenliebe habe ich dagegen schon lange kaum mehr etwas gehört oder gelesen. Dabei würde das uns allen sehr guttun, glaube ich.

Das klingt schön, aber leider ein bisschen zu einfach. Wo Hass ist, muss auch über Hass berichtet werden.

Das mag sein, aber genau diesem Kreislauf wollen wir gern etwas entgegensetzen. Als ich 2014 im Fernsehen die Aufmärsche von Hooligans gegen Salafisten sah, dazu die Kriege überall auf der Welt, fragte ich mich: Gibt es denn nur noch Idioten? Wann wird denn mal für den Frieden geworben? Ich wollte wenigstens ein kleines Gegengewicht schaffen, eine Art Friedensfest, und je größer Pegida in Dresden wurde, desto mehr Mitstreiter fand ich.

Am Ende stand 2015 das erste Friedenskonzert in der Kreuzkirche, an dem alle Religionen beteiligt waren. Wurde auch gemeinsam gebetet?

Das war am Anfang durchaus eine Idee, stellte sich aber als schwierig heraus. Im Gegensatz zu den monotheistischen Religionen wie Christentum, Judentum und Islam beten beispielsweise Buddhisten gar keinen Schöpfergott an. Daher haben wir als gemeinsame Sprache die Musik gewählt. Irgendwie ist ein Orchester ja auch ein Abbild der Gesellschaft.

Wie meinen Sie das?

Ein Orchester kann nur funktionieren, wenn es einen Dirigenten gibt, der die Richtung vorgibt und den alle Musiker akzeptieren, auch wenn sie vielleicht lieber was ganz anderes spielen würden. Genauso wichtig ist aber: Für das Miteinander ist jedes Mitglied des Orchesters selber zuständig. Wenn jemand besonders laut spielt, heißt das nicht, dass das Ergebnis dadurch schöner klingt.

Für das erste Konzert haben Sie ein einzigartiges Werk komponiert.

Ave Pax war mein Erstlingswerk, das zu Hause in meinem Studio im Keller entstanden ist. In einem Werk sollten jüdische, arabische, buddhistische, christliche sowie Klänge der Bahai gemeinsam erklingen. Es hat funktioniert. Das zeigt doch: In der universellen Sprache der Musik sind wir vereint. Und wer zusammen singen kann, der kann auch in Frieden miteinander leben.

Auch das klingt leider viel zu schön, um wahr zu sein.

Davon bin ich aber überzeugt. Ich weiß, dass man den IS nur schlecht zum Tee einladen kann und keinen Krieg mit Blumen beendet, aber am Ende sehnen sich doch alle nach Liebe, Frieden und Harmonie. Alle großen Religionen vertreten Werte wie: Behandle deinen Nächsten, wie du selbst behandelt werden möchtest. Religionen sollten mehr für das Einende werben, als für das Trennende.

Fühlen Sie sich mit ihrer großen Sehnsucht nach Frieden in der katholischen Kirche gut aufgehoben?

Ich bin durchaus ein großer Kritiker der Kirche, aber ich bin dennoch bekennender Christ, weil ich an das Gute glaube und vor allem an das Gebot der Nächstenliebe. Und das endet weder an der Konfessionsgrenze noch an der Landesgrenze.

Was erwartet die Gäste des Friedenskonzerts am Sonntag?

60 Musiker aus sieben Religionen werden unsichtbare Grenzen überwinden. Das Programm reicht von christlich-muslimischem Poetry Slam, über jüdisch-arabische Folklore, bis hin zum buddhistischen Schreittanz. Besonders freuen wir uns auch, dass Sebastian Krumbiegel dabei sein wird. Sein Lied „Meine Nation sind die Liebenden“ wollen wir als großes Finale arrangieren. Die Vorbereitungen werden sehr sportlich. Wir haben genau ein Wochenende, um alles zusammenzubringen.

4. Inter-Religiöses Friedenskonzert „Zuerst Mensch – In Musik vereint“ am Sonntag 18 Uhr in der Kreuzkirche. Der Eintritt ist frei. Karten gibt es an der Konzertkasse der Kreuzkirche und unter www.bird-dresden.de

Das Interview führte Henry Berndt.

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