• Einstellungen
Montag, 06.08.2018

Mediziner-Karriere geht vor

Von Alexander Hiller

Die Dresdnerin Filiz Osmanodja kämpft beim German Masters in Dresden gegen Deutschlands beste Schachfrauen. Zu denen gehört auch die 22-Jährige nach wie vor, obgleich sie den sportlichen Aufwand minimieren musste. Foto: Ronald Bonß
Die Dresdnerin Filiz Osmanodja kämpft beim German Masters in Dresden gegen Deutschlands beste Schachfrauen. Zu denen gehört auch die 22-Jährige nach wie vor, obgleich sie den sportlichen Aufwand minimieren musste. Foto: Ronald Bonß

© ronaldbonss.com

In ihrer Heimatstadt Dresden ist sie immer wieder mal von ausgewiesenen Experten als „Deutschlands größtes Schach-Talent“ gepriesen worden. Vermutlich nicht einmal zu Unrecht. Bereits 2013 hat Filiz Osmanodja eine sogenannte Turnierleistungszahl von 2 524 Punkten erreicht – so viele, wie noch keine deutsche Frau je zuvor. Doch in den letzten ein, zwei Jahren ist es eher still um Osmanodja geworden. Dennoch gehört die inzwischen 22-Jährige immer noch locker zum Kreis der zehn besten Schach-Damen Deutschlands – und erhielt folglich und natürlich eine Einladung zum German Masters der Frauen in Dresden, in dem just jener erlauchte Kreis Deutschlands bester Denksportlerinnen um 10 000 Euro Prämien kämpft.

„Im letzten Jahr habe ich fast jeden Monat ein Turnier gespielt. Jetzt“, sagt Filiz Osmanodja, „ist das deutlich weniger“. Das liegt einerseits an den gewachsenen Anforderungen innerhalb ihres Medizinstudiums. „Ich bin jetzt im neunten Semester, kommenden April will ich meine Doktorarbeit abgegeben haben“, sagt sie. Andererseits hat die berufliche Entwicklung mittlerweile das sportliche Vorwärtskommen deutlich in der Rangliste der Priorität Nummer eins abgelöst. „In letzter Zeit konnte ich wenig trainieren, habe für Dresden noch einmal eine Powervorbereitung gemacht“, sagt Osmanodja und meint damit aufs Nötigste komprimierte und gegnerorientierte Wettkampfplanung.

Kommilitoninnen frotzeln

Das Preisgeld-Turnier in Dresden einfach wegzulassen, kam für die gebürtige Dresdnerin mit den bulgarisch-türkischen Wurzeln trotz der eingeengten Vorbereitung nie infrage. „Ich freue mich sehr darauf, in Dresden zu spielen“, sagt sie. Sie lebt seit 2014 in Berlin – in einer WG mit ihrem älteren Bruder Bilgin.

Warm geworden ist sie mit der Hauptstadt jedoch nie. Am Freitag, wenn sich all ihre Kommilitonen auf das Partywochenende in Berlin einschwingen, fährt Filiz lieber mit dem Flixbus nach Dresden. „Da werde ich von meinen Mit-Studentinnen schon immer ausgelacht“, sagt sie ebenfalls amüsiert. Woran erkennt man, dass Freitag ist? „Filiz geht zum Bus“.

Die ehemalige Vize-Weltmeisterin der U 18 lässt sich trotz Frotzeleien nicht so leicht verbiegen – und so mag ihre klare Entscheidung gegen eine durchaus mögliche Profi-Karriere im Schach niemanden verwundern. Wenngleich den Frauen am Brett weltweit viel weniger Möglichkeiten eingeräumt werden, ihren Lebensunterhalt zu erspielen, als ihren männlichen Kollegen. „Eine solche Karriere habe ich für mich früh ausgeschlossen. Von Turnier zu Turnier zu reisen, war noch nie etwas für mich. Sobald ich etwas mehr freie Zeit habe, werde ich sicher mehr spielen. Es macht mir ja nach wie vor Spaß“, betont sie. Nur, dass das sportliche Zeitbudget von Osmanodja in den kommenden Jahren noch geringer ausfallen wird als jetzt.

Das weiß das erwachsen gewordene ehemalige Talent – und ihr größter Förderer ebenfalls. „Mein Papa“, sagt Filiz Osmanodja stolz, „hat mich dazu ermutigt, dass ich meine Kraft ins Studium investieren soll. In der Medizin gibt es für mich viel zu tun“, glaubt sie. Anfangs wollte sie Gerichtsmedizinerin werden, jetzt hat es ihr eher die Neurochirurgie angetan.

„Ich hatte anfangs wirklich Gewissensbisse, wenn ich nicht oder weniger trainiert habe, das Gefühl hat mir mein Papa mit seiner Unterstützung genommen“, sagt die Schachspielerin, die in der abgelaufenen Saison als Gastspielerin für den Hamburger SK in der 1. Frauen-Bundesliga und für die zweite Männermannschaft des USV TU Dresden in der Oberliga aktiv war. In der kommenden Spielzeit wird sie wieder zum Aufgebot des Männer-Erstligisten aus Dresden gehören. In diesem Jahr ist Osmanodja für die Schach-Olympiade vom 23. September bis 6. Oktober im georgischen Batumi für das deutsche Aufgebot nominiert. Im nächsten Jahr lockt die Frauen-EM. Doch die sportlichen Termine des früheren Ausnahmetalents werden spürbar überschaubarer. Und das Training dazu auch. „Ich habe da noch nicht drüber nachgedacht, wie das mal sein wird, wenn ich als Assistenzärztin arbeite, den Gedanken verdränge ich noch“, sagt sie.

Es muss niemanden verwundern, dass Osmanodja in Dresden ihre Auftaktpartie des German-Masters-Turniers im Dresdner Wyndham Hotel gegen Josefine Heinemann verloren hat. Es wird nicht das letzte Wort von ihr bei diesem Turnier gewesen sein. Runde zwei war bei Redaktionsschluss dieser Seite noch nicht beendet.

www.schachfestival.de

Desktopversion des Artikels