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Mittwoch, 20.12.2017

Matthias Sammer liest seine Stasi-Akte

Der frühere Dynamo-Spieler hatte beim Wachregiment Felix Dzierzynski unterschrieben. Jetzt erklärt er, was das bedeutet.

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Matthias Sammer: „Die Spieler von Dynamo wurden generell dem Wachregiment zugeteilt.“
Matthias Sammer: „Die Spieler von Dynamo wurden generell dem Wachregiment zugeteilt.“

© Archiv: Volker Santrucek

Matthias Sammer ist derzeit als Experte bei Bundesliga-Übertragungen bei Eurosport zu sehen.
Matthias Sammer ist derzeit als Experte bei Bundesliga-Übertragungen bei Eurosport zu sehen.

© dpa

Eine Stasi-Aktie wird präsentiert. Sport Bild legte sie Matthias Sammer vor. Der 50-Jährige hatte seine Fußballkarriere einst bei Dynamo Dresden begonnen und war unter seinem Vater Klaus zum Oberligaspieler aufgestiegen. „Sammers Stasi-Akte“ titelt die am Mittwoch erschienene Wochenzeitung und „enthüllt, was auf 115 Seiten steht. Sammer erklärt seine Rolle im Wachregiment.“

Im Interview mit der Sport Bild redet der 74-fache Nationalspieler, der in beiden deutschen politischen Systemen zu Auswahleinsätzen kam, über die damaligen Verhältnisse und wieso er als Unteroffizier beim Wachregiment Felix Dzierzynski geführt worden war, dem militärischen Arm der Stasi. Es ist ein Exkurs in DDR-Zeiten und Strukturen, die die Geschichte längst getilgt hat. Die Akte hatte die Stasi über ihn angelegt. Es gibt darin – außer einem zweiseitigen Lebenslauf – keine Berichte, die er geschrieben hat.

Matthias Sammer bewegte sich als Dresdner Fußballer auf militärischem Geläuf im weitesten Sinne. 1953 war nicht nur die Dresdner Sportgemeinschaft Dynamo gegründet worden. Stasi-Chef Erich Mielke hatte auch als Vorsitzender bis zur Wende die Herrschaft über die Sportvereinigung Dynamo übernommen. Unter deren Dach agierten die Klubs von Staatssicherheit, Volkspolizei und Zoll. „Das System war, wie es war, und es brachte für jeden Einzelnen seine Zwänge mit sich“, erklärte Sammer die Verhältnisse. „Da ich das wusste, musste ich das akzeptieren und mich darauf einstellen.“

Sammer hatte ein großes Ziel: Guten Fußball spielen. Dafür hätte ihm der Wehrdienst in die Quere kommen können. Für diese Fälle gab es die Verpflichtungen beim Wachregiment, wo die Spieler gelistet wurden, aber nicht dienen mussten. „Es war im Prinzip ein Alibi, um keinen aktiven Wehrdienst leisten zu müssen“, sagte Sammer auf die Frage, warum er dort eingetreten sei. Die Alternative wäre gewesen: Wehrdienst absolvieren, Dynamo Dresden verlassen. „Grundsätzlich wäre es dann mit dem Fußball vorbei gewesen, was einem Karriere-Ende bei den damaligen Verhältnissen gleichgekommen wäre.“

Sammers Wachregiment-Aktivitäten beschränkten sich laut Aussagen im Sport-Bild-Interview auf den Ein- und Austritt. „Wir musten am ersten Tag nach Berlin“, heißt es da, „dort mussten wir für die Fotos schön gerade sitzen und einige Formalitäten erledigen“. Ähnlich lief es beim Austritt: Formale Akte. „Das waren meine einzigen zwei Tage, in denen ich mit dem Wachregiment zu tun hatte.“ Mit Nachdruck stellt er klar: „Ich hatte in der ganzen Zeit weder eine Uniform an noch eine Waffe in der Hand.“ Aber er hatte seine Armeezeit so hinter sich gebracht.

„Das hat sich keiner getraut“

Auf die Frage, ob jemals versucht worden sei, ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi zu werben, sagt Matthias Sammer: „Nein, das hat sich keiner getraut. Man wusste je vor dem Hintergrund meiner Familie, dass die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass die eine Absage erwartet.“

Vater Klaus Sammer hielt in politischen Fragen Distanz, nicht erst nach dem Verlust seines Postens als verantwortlicher Oberligatrainer 1986. Im Trainingszentrum Meißen muss er sich wie strafversetzt gefühlt haben, degradiert. „Mein Vater war nicht zu kriegen und in die klassischen Systeme nicht integrierbar“, erklärt Sohn Matthias die besondere Familien-Konstellation. „Hätte er sich verweigert, wäre ihm vermutlich nichts anderes übrig geblieben, als in seinen erlernten Beruf als Dreher zurückzukehren. Doch er war nun mal mit Herz und Seele Trainer.“

Über verbotene Westkontakte setzten sich Sammers hinweg, trafen den Besuch heimlich bei Verwandten in Gröditz und hofften, „dass es niemand mitbekommt“. Darüber geredet wurde in der Mannschaft auch nicht. „Über Dinge wie Politik oder Verwandtschaft hast du in diesem Rahmen nicht geredet“, gibt Matthias Sammer im Interview einen Einblick in das einstige Mannschaftsklima. „Ich wusste, dass dies gefährlich ist. Davor hatte mich auch mein Vater gewarnt. Er ließ mich wissen, dass alles, was ich in diese Richtung sage, falsch interpretiert werden könnte. Dementsprechend war alles, was ich in diesem Kreis von mir gegeben habe, ziemlich harmlos.“

Dass eine Reihe Dynamo-Spieler als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) geführt wurden, will Matthias Sammer nicht verurteilen: „Es ging damals in der Zeit darum, sich an Situationen anzupassen. Manche IMs wurden ganz einfach auch erpresst, wenn die Stasi etwas gegen sie in der Hand hatte.“ Auch das Wissen um die Namen der Dynamo-IMs ändert nichts an seiner Meinung. „Ich habe sie in guter Erinnerung“, sagt er in der Sport Bild, „und weiß, dass sie mir in ihrer IM-Tätigkeit nicht hätten schaden wollen“.

Das geht auch aus den zitierten Berichten hervor. So hieß es zur charakterlichen und moralischen Einschätzung, er habe „seine Treue und Verbundenheit zu unserem Staat im kapitalistischen Einsatz unter Beweis gestellt“, sei „immer sauber und korrekt als Vertreter unserer sozialistischen Sportorganisation“ aufgetreten.

Westkontakt nach Europapokal

Einmal wurde es für Matthias Sammer ernst. Nach dem Ausscheiden im Europacup gegen den VfB Stuttgart war es im Hotel Belevue zur Begegnung mit Trainer Ari Haan und Geschäftsführer Ulrich Schäfer gekommen. Beim Bier gab es Nettigkeiten, dass er auch in der Bundesliga eine gute Figur machen würde. Die Begegnung blieb nicht unbeobachtet, es gab Fragen von der Stasi, ob es Fluchtgedanken gibt. „Ich habe denen gesagt: Ein rational denkender junger Mensch trifft doch keine aberwitzigen Absprachen in einer Hotelbar, wo er nicht weiß, wer alles mitguckt und -hört“, sagte Matthias Sammer im Buch „Dynamo Dresden. Legenden. Schicksale. Geschichten.“

Ein halbes Jahr später öffnete sich nicht nur für Matthias Sammer mit dem Fall der Mauer das Tor in die große Fußball-Welt. Und doch muss er seine DDR-Vergangenheit immer wieder neu erzählen.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 24 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Ali B.

    Man kann auch einfach mal zu seiner Vergangenheit stehen. Sagen, dass man voll hinter der Sache stand und vielleicht heute noch steht. Da fällt einem kein Zacken aus der Krone. Ich stehe auch dazu und darauf war und bin ich stolz. Aber das weiß hier eh jeder und das ist gut so!

  2. Wolf

    Ja, und nun? 2017 - 1989 = 28 Jahre.

  3. ?

    Wie kommt eine "Zeitung" in den Besitz einer S-Akte?

  4. Biker

    @ Wolf: "Ja, und nun? 2017 - 1989 = 28 Jahre." - genau, vergessen wir alle Verbrechen der DDR ganz schnell. So etwas kann nur schreiben, wer Täter war und nicht Opfer.

  5. Der echte jk

    Geil - Ali B. outet sich als Stasi-Spitzel. Im Gegensatz zu Sammer, der offensichtlich keiner war.

  6. Martin

    Verbrechen? Von welchem Verbrechen des Herrn Sammer haben Sie denn erfahren?

  7. Henrik

    Naja - in China ist ein Sack Reis umgefallen. Ma ne Frage, wie reif wart Ihr den damals mit 19 und was würdet Ihr tun um Euer Talent ausleben zu dürfen? Was hat er denn Böses getan??? Nix. Er hat sich nicht einmal Vorteile erschaffen, wie manch andere, die völlig talentfrei ohne Parteibuch nix hinbekommen. Und hat sich zu heute etwas geändert - Nein! Ende.

  8. Uwe

    Wachregiment, das waren auch die, welche am Ehrenmal unter den Linden standen, bei Staatsempfängen Spalier stehen mussten usw. Ich kenne jemanden, dem das auch angeboten wurde. Er hatte zur Auswahl 3 Jahre im Dreck rumkriechen oder als Wachsoldat schön "Männchen machen". Ich glaube der Großteil hätte sich auch für Zweites entschieden.

  9. Jochen

    In der DDR hatte keiner einen Einfluß darauf wo er seinen Wehrdienst abschrubben musste. Außer man hatte Beziehungen zum Politbüro. Und wer hatte das mit 19 Jahren.

  10. Steffen

    Ich war auch bei dem Regiment. Die drei Jahre hat man gedient um seinen Wunschstudienplatz zu bekommen. So what? Man ist gefragt worden und nicht umgekehrt. Es war eine beschissene Zeit im Nachhinein. Die einen waren eben an der Grenze, die anderen saßen im Panzer. So war das eben damals mit 18 Jahren. Und die wenigsten hatten den Mut zu verweigern. Genau wie bei der Wehrmacht.

  11. Alfons Z.

    Zum Glück wurde die NS Vergangenheit in der BRD nach 1945 ebenfalls so gründlich aufgearbeitet. Gott sei Dank, sonst wären ja die Nazi Richter und andere Staatsangestellte mit NS Vergangenheit gleich weiterbeschäftigt worden ... PS: Wer Ironie findet ...

  12. Oswin

    Biker - immer noch nicht weiterentwickelt? In den 28 Jahren kann man sich auch iweiterentwickeln, aber mancher eben auch nicht. Heute muss kritisch geschaut werden. Darum den Blick vorwärts richten.

  13. Wolf

    @ Biker: Ich hoffe, es bringt Sie nicht um den Schlaf und beschädigt Ihre Selbstgerechtigkeit nicht, wenn ein "Opfer" im Fall Sammer sagt, es ist irgendwann auch mal genug.

  14. der Koch

    Es ist immer wieder interessant, wie sich nach-der-Wende-Geborene und jenseits-der-Grenze-Lebende anmaßen, ein Urteil über die Verbrechen der DDR abzugeben.

  15. chris

    Hallo Uwe. Sie liegen falsch. Die Soldaten, die am Ehrenmal ( Neue Wache ) Unter den Linden standen, waren vom Wachregiment " Friedrich Engels " Soldaten des WR " Feliks Dzierzynski " hatten z.B den Sitz des Staatsrates der DDR, den Palast der Republik, Wandlitz usw zu sichern. Herr Sammer war bei den Felixe, was ist das Problem?? Mich stört das nicht.

  16. Kf

    @8: nee das war das Wachregiment "Friedrich Engels". Waffen Farbe Weiß. Die Felixe waren Lila.

  17. Max Anders

    ungeachtet der Mechanismen bei Betriebs- und Polizeisportvereinen in der DDR, daß die meisten Spieler formell einen Rang im Betrieb oder der behörde begleuten mußten muß sich Motzki Sammer die Frage gefallen lassen, warum er, dem Innenministerium formell mit Dynamo unterstellt, sich für die Stasi Elitetruppe entschieden hat. Das Wachregiment nahm nur Systemtreue auf, wo sich angesichts des starken Charakters seines Vaters und damit des familiären Umfeldes zumindest bei mir gedankliche Diskrepanzen ergeben. Da passt das Zusammenspiel genauso wenig wie die floskelhafte Begründung "Das war eben damals so". In Sachen Dresdner Dynamos war es eben nicht so oder tauchen z.B. Minge, Kirsten, Gütschow, Pilz, Stübner irgendwo als Verpflichtete bei Felix Dzerdschinsky auf? Die formelle Polizeizugehörigkeit entband die anderen Dynamos von der Wehrpflicht.

  18. Exildresdner

    Es sollte doch mal die Frage erlaubt sein, wo der Unterschied zur heutigen Zeit liegt? Kann den heute jemand im Fußballgeschäft die große Karriere machen wenn er sich kritisch gegenüber dem ganzen Zirkus äußert oder auch nur ansatzweise ein polarisierendes Wesen hat? Kein Verein der den wirtschaftlichen Zwängen unterliegt würde da mitgehen. Also bleibt dem jungen Profi heut auch nicht mehr übrig als mit dem Strom zu schwimmen. Nicht anders als vor 30 Jahren, nur unter anderer Flagge.

  19. alter Schwede

    @14.Sie haben es auf den Punkt gebracht.Darüber ärgere ich mich seit der "Wende"Viele dachten damals auch ihren Staat unterstützen zu müssen-in welcher Form auch immer.Auch damals gab es Ehrenämter.Das gleichen wird doch heute auch von uns" Staatsbürgern" erwartet,in Form von Ehrenämtern,nur unter anderem Vorzeichen.

  20. Mal ne Anmerkung

    Kann es sein ,das sich hier 90% der "Kommentatoren zu einem Thema äußern wie ein Blinder von den Farben einer buten Frühlingswiese? Auch ich war bei diesem "Haufen",wie schon angemerkt standen die Chancen auf einen Studienplatz sehr gut.Und die Leistungssportler gehörten zum "Sportbattalion" und hatten nur die "Aufgabe" ,nach einer kleinen Grundausbildung ,sich in ihrer Sportdisziplin optimal weiter zu entwickeln. Und das geschah meist bei ihren Heimatvereinen. Habe selbst einen Boxer damals Dynamo Berlin und eine DDR 2.Liga Fußballer aus Nordhausen kennengelernt. Und an den "Biker" ,nur dummes Zeugs hier ablassen , vom Schnee auf dem Fichtelberg über die "große Politik" bis zum ständigen gemeckere über Dynamo Dresden. Wie sagte doch mal ein CDU Politiker zu einem seiner Parteikollegen?"Einfach mal die Fresse halten" Schöne Weihnachten und fallt beim Rutsch nach 2018 nicht auf die Sc....ze!

  21. BD20

    Ich habe mich 1988 (im Alter von 17 Jahren) sehr bewußt für max. 1,5 Jahre NVA entschieden, obwohl man mir sehr eindringlich bei der Musterung "erklärte", dass es da wohl länger dauern könnte mit dem Studienplatz. Das ist eine Frage der Haltung und auch der Vorbilder im Elternhaus, ob man Opportunist ist und einfach mitmarschiert oder ob man einen eigenen Kopf hat und auch für ggfs. negative Konsequenzen einstehen will. Den Fall Sammer mag ich nicht beurteilen. Das er das Thema aber bisher verschwiegen hat, wundert mich schon. Sonst war er doch auch nicht so ruhig.

  22. gu-ro

    Neben dem Sommerloch tut sich offenbar ein Winterloch auf. Oder soll von wichtigen Themen abgelenkt werden ?

  23. Franz

    Schon beachtlich wie Stasi Unterlagen in einem Land mit den härtesten Datenschutzgesetzen, so einfach mal auftauchen, dem Betroffen präsentiert und in den Medien veröffentlicht werden. Da frage ich mich wo da die Datenschutzbeauftragen bleiben. Ach so, Bildzeitung. Die hat ja schon Bundespräsidenten gestürzt, dann lieber in Deckung bleiben.

  24. Adam Lauks

    Die Geschichte hatten schon immer DIE SIEGER geschrieben... und so wird die Geschichte des Wachregiment Feliks Dzierzynski geklittert, verharmlost. Ich würde micxh freuen wenn die jenigen hier die stolz sind dabei gewesen zu sein das Schweigen über Kampfeinsätze im Ausland berichten würden, als man für den großen Bruder um die Ressourcen in Mosambique kämpfte? 300 Millionen US$ Schulden stammen doch nicht aus dem Waffenverkauf an Samoa Machel?!? 300 Wachregimentler sollen gekämpft haben ??? Heute trotz des §6 im Stasiunterlagen gesetz ist zu denm Richtern nicht vorgedrungen, dass angehörige des Wachregioments Berlin keine Wehrersatzdienstleister waren sonder UaZ aus deren Reihen die besten, die Geeignetesten in die Rehe der Hauptamtlichen aufnahm. Unzälige Kariere der MfS Offiziere begann in der Baumschule des MfS wo die Söhne der Partei nur zutritt hatten, mit OPK Akte oder Elterlichem MfS oder NVA Hintergrund.

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