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Dienstag, 17.04.2018

Mahmouds Gespür für den Teig

Im Dresdner Backhaus arbeiten Menschen aus 14 Nationen. Bei der Arbeit lernen sie nicht nur die deutsche Sprache.

Von Julia Vollmer

Abduljabbar Mohamad Dib, Mahmoud Kiki und Wassem Mashlah (v.l.) haben gelernt, wie viele verschiedene Brotarten es in Deutschland gibt.
Abduljabbar Mohamad Dib, Mahmoud Kiki und Wassem Mashlah (v.l.) haben gelernt, wie viele verschiedene Brotarten es in Deutschland gibt.

© René Meinig

Zurück an die Uni. Wieder zwischen Kommilitonen sitzen, den Horizont erweitern, Neues lernen. Davon träumt Mahmoud Kiki. Der junge Mann studierte vor dem Sommer, der seines und das Leben vieler Millionen Menschen aus seiner Heimat veränderte, Maschinenbau an der Universität in Damaskus. Der Sommer war der im Jahr 2015. Dem Jahr, als Millionen Menschen vor dem Krieg in Syrien flohen. Mahmoud Kiki landete in Deutschland und dann ziemlich schnell in Dresden. Jetzt arbeitet er seit zwei Monaten im Backhaus in der Johannstadt. Über eine Zeitarbeitsfirma bekam er den Job. Im Backhaus geht es international zu. Menschen aus 14 Nationen arbeiten in der Backstube, der Konditorei und im Service. Sie kommen aus Japan, Spanien, Syrien, Marokko oder Kasachstan.

Als Mahmoud Kiki in Dresden ankam, absolvierte er erst einmal einen Deutschkurs. Und wie schwer ist die Sprache? „Das Sprechen habe ich leicht gelernt, Schreiben fällt mir noch schwer“, sagt der 22-Jährige. Auch nicht einfach sei es, den sächsischen Dialekt zu verstehen. „Manchmal muss ich dreimal nachfragen“, erzählt er mit einem Schmunzeln. Im Deutschkurs lerne man schließlich nur Hochdeutsch. Wenn er seine Sprachprüfung an der
TU Dresden bestanden hat, will er Medieninformatik studieren. „Die Zulassung habe ich bereits, es fehlt nur noch das Deutsch-Zertifikat.“ Besonders schwer fällt ihm das Schreiben von Aufsätzen. „Das kenne ich aus Syrien nicht. Dort haben wir eher Fakten aufgeschrieben und wenig Kreatives“, sagt er. Solange er noch auf sein Studium wartet, arbeitet er im Verkauf im Backhaus. Brötchen, Eierschecke, Mischbrot – gelernt hat er seitdem viele deutsche Worte. Und auch Sächsische. „Besonders überrascht hat mich, wie viele Brotsorten es in Deutschland gibt. Bei uns in Syrien gibt es nur vier.“ Jetzt hat er ein Gespür für die unterschiedlichen Teigarten bekommen.

Überrascht haben ihn auch die Preise für die Backwaren in Deutschland, die im europaweiten Vergleich eigentlich nicht hoch sind. „Hier kostet ein Brötchen um die 30 Cent, dafür bekommt man bei uns fast zwei Kilo Brot.“ Genauso wie die Preise sorgte auch der Straßenverkehr für einige Überraschung bei dem jungen Syrer. „So viele Verkehrsschilder habe ich vorher noch nie gesehen“, sagt er. In Syrien gebe es nicht mal halb so viele, der Verkehr regele sich meist von allein. Inzwischen ist Mahmoud Kiki angekommen in Dresden. Er wohnt nicht mehr in einem Wohnheim für Flüchtlinge, sondern in einer eigenen Wohnung am Postplatz. Und er darf in Deutschland bleiben.

Das Früchtebrot erinnert an Stollen

Das will auch Wassem Mashlah. Er stammt ebenfalls aus Syrien. Seit gut drei Jahren lebt er in Deutschland, seit anderthalb Jahren arbeitet er im Backhaus, im Multikulti-Team im Verkauf. Auch ihm sind die vielen Brotsorten aufgefallen. „Croissants und Baguettes kannte ich von Zuhause, aber die vielen Mischbrote nicht.“ Gibt es in Syrien auch bestimmte Backwaren zu bestimmten Anlässen? Ähnlich wie den Stollen zu Weihnachten oder den Pfannkuchen zu Fasching? „Zum Zuckerfest nach dem Ramadan backen wir eine Art Früchtebrot aus Datteln und Nüssen“, erzählt er. Das gehöre unbedingt dazu.

Dazugehören und ankommen, das wünscht sich Wassem Mashlah. Der 25-Jährige paukt fleißig Deutsch, bis zum Niveau B2 ist er gekommen und er lernt weiter. Deutsch spricht er inzwischen flüssig. An seiner neuen Heimat Dresden hat er schon lieben gelernt, was wohl viele Dresdner zu ihren Lieblingsorten zählen: die Elbwiesen und die Altstadt. Als Wohnort wählte er aber Löbtau, dort bezog er seine ersten eigenen vier Wände und hat Freunde gefunden. Er sei jetzt angekommen, sagt er.

Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller, Chefin vom Backhaus und von 100 Mitarbeitern, freuen solche Aussagen. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren sei das Team internationaler geworden, sagt Tino Gierig, zweiter Geschäftsführer und Chef in der Backstube. „Unsere Leute sind fleißig und lernen schnell.“ Er ist glücklich über jede Hand, die zupacken kann. Gerade weil die Lage auf dem Arbeitsmarkt so prekär sei. Fachkräftemangel – das Gespenst geistert auch in dieser Branche. Die Verständigung mit den internationalen Helfern klappt, wenn auch nicht immer mit Worten, dann aber mit Gesten.

Ein Erfolg, für den das Backhaus auch außerhalb der Backstube Zuspruch bekommt. Nicht die Chefin, sondern die Mitarbeiter haben die Bewerbung für den Dresdner Integrationspreis 2017 vorgeschlagen und den Bewerbungsbogen ausgefüllt. Stolz haben sie die Auszeichnung von Oberbürgermeister Dirk Hilbert für besonderes unternehmerisches Engagement ihres Arbeitgebers entgegengenommen.

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