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Mittwoch, 11.07.2018

Lebenslang für Zschäpe

Also doch: Das Münchner Oberlandesgericht verurteilt Beate Zschäpe als Mittäterin an allen Verbrechen des NSU. Die Plädoyers der Verteidiger und die Appelle der Hauptangeklagten beeindruckten die Richter nicht. Doch die juristische Aufarbeitung ist damit nicht zu Ende.

Die Angeklagte Beate Zschäpe betritt kurz vor der Urteilsverkündung den Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München.
Die Angeklagte Beate Zschäpe betritt kurz vor der Urteilsverkündung den Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München.

© Peter Kneffel/dpa-Pool/dpa

München. Beate Zschäpe zeigt keine erkennbare Reaktion. Schwarz gekleidet, aber mit einem rot-weißen Schal, lauscht sie den Worten des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl. Höchste Spannung herrscht am Mittwoch im proppenvollen Gerichtssaal 101, als Götzl das Urteil im NSU-Prozess verkündet. Zschäpe hat den Kopf der Richterbank zugewandt, als der Richter sofort zur Sache kommt: Sie ist schuldig des zehnfachen Mordes und weiterer Verbrechen und Straftaten - und wird deshalb zu lebenslanger Haft verurteilt.

Das Münchner Oberlandesgericht verurteilt Beate Zschäpe also tatsächlich als Mittäterin an den Morden und Anschlägen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU): als Mörderin, als Attentäterin, als Bombenlegerin - auch wenn es bis heute keinen Beweis gibt, dass sie an einem der vielen Tatorte war. Doch das Gericht folgt nach mehr als fünf Jahren Prozessdauer, nach mehr als 430 Verhandlungstagen, nach Hunderten Zeugen und dem Bewerten und Wägen unzähliger Indizien ganz offensichtlich der Argumentation der Bundesanwaltschaft: dass Zschäpe „alles gewusst, alles mitgetragen und auf ihre eigene Art mitgesteuert und mit bewirkt“ habe.

Auf die Maximalanklage der Bundesanwaltschaft folgt damit nahezu die Maximalverurteilung: Das Gericht stellt auch die besondere Schwere der Schuld fest, verzichtet lediglich auf die Anordnung von anschließender Sicherungsverwahrung. Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht - der Bundesgerichtshof in Karlsruhe wird es auf Antrag der Verteidigung überprüfen müssen.

So leicht, wie der allgemeine Erwartungsdruck das vermuten ließ, war es für das Gericht nicht. Natürlich lag von Beginn an die Annahme nahe, dass Zschäpe alles gewusst haben müsse: bei einem befreundeten Trio, das gemeinsam in den Untergrund ging, gemeinsam in Wohnungen lebte, gemeinsam Urlaube an der Ostsee machte. Doch aus einer naheliegenden Annahme musste das Gericht in den vergangenen Jahren Gewissheit machen, Zweifeln nachgehen, diese ausräumen.

Reaktionen auf die Urteile im NSU-Prozess

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Kretschmer: erschreckende Folgen von Rassismus offenbart

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat nach dem Urteil im Münchner NSU-Prozess zur Verteidigung von Demokratie und Freiheit aufgefordert. Sie brauchten „eine breite Unterstützung in der Bevölkerung und den aktiven Einsatz verantwortungsbewusster Menschen“, sagte er in Dresden. Der NSU-Prozess sei das wichtigste Gerichtsverfahren der jüngeren Geschichte und Ausdruck der Handlungsfähigkeit des Rechtsstaates. „Für uns alle bleibt die erschreckende Erfahrung zu welchen unfassbaren Taten Rassismus und extremistisches Gedankengut führen.“

Zwickaus Oberbürgermeisterin: „Aufarbeitung bleibende Aufgabe“

Die OB von Zwickau, Pia Findeis (SPD), hat sich der Forderung nach einer weiteren Aufarbeitung der NSU-Verbrechen angeschlossen. Wichtig sei es, dass das Münchner Urteil keinen Schlussstrich darstelle, sagte sie. „Die Aufarbeitung des Geschehens sowie die Erinnerung an die Opfer stellen bleibende Aufgaben dar - nicht nur für Zwickau, sondern für die Bundesrepublik insgesamt.“ Sie könne das Urteil objektiv nicht bewerten, sagte Findeiß. „Subjektiv empfinde ich das Urteil gegen Frau Zschäpe als richtig und angemessen.“ In Zwickau hatte das NSU-Terrortrio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zuletzt gewohnt. Nach dem Tod der beiden Männer hatte Zschäpe 2011 die Wohnung in Brand gesetzt.

Tochter von NSU-Opfer: Weitere Helfer müssen verurteilt werden

Die Urteile im NSU-Prozess hält die Hinterbliebene eines NSU-Mordopfers für einen wichtigen Schritt. Gamze Kubasik, die Tochter des in Dortmund ermordeten Mehmet Kubasik, sieht die Aufarbeitung der Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ aber noch nicht am Ende. „Ich hoffe nun, dass auch alle weiteren Helfer des NSU gefunden und verurteilt werden“, sagte sie am Mittwoch laut einer von ihren Anwälten verbreiteten Mitteilung. „Wenn das Gericht ehrlich ist, wird es auch noch sagen, dass Lücken geblieben sind. Solange diese Lücken bleiben, können meine Familie und ich nicht abschließen.“

Köditz fordert weitere Aufklärung

Die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (Die Linke) sieht auch nach den Urteilen im Münchner NSU-Prozess Ermittlungsbedarf. „Ein Schlussstrich ist das keinesfalls, denn die Aufklärung des Falles und seiner politischen Dimensionen ist noch lange nicht vorbei“, sagte sie in Dresden. Es gebe keine Klarheit darüber, warum das NSU-Trio nach dem „Untertauchen“ trotz vieler Spuren nicht gefasst wurde, was Behörden und Geheimdienste wirklich über die Gruppe wussten, „bevor sie im November 2011 aufflog und Akten im Reißwolf landeten“. Und auch das Unterstützernetzwerk der Rechtsterroristen sei nicht aufgedeckt.

Erleichterung in Kölner Keupstraße

Mit Erleichterung haben Betroffene und Anwohner der türkisch dominierten Kölner Keupstraße reagiert. „Das Urteil hilft mir. Ich habe psychisch sehr gelitten. Das ist ein guter Tag“, sagte Özlan Yildirim am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Sein Friseurladen war bei einem Nagelbombenanschlag des NSU im Juni 2004 in der Keupstraße völlig zerstört worden. In der Keupstraße war am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe explodiert, 22 Menschen wurden verletzt. Jahrelang hatten Ermittler fälschlicherweise eine Tat im kriminellen Milieu in der sogenannten Türkenstraße vermutet, bis der NSU aufflog.

Zschäpe-Verteidigerin: Urteil stand schon lange fest

Das Urteil im NSU-Prozess war nach Ansicht der Pflichtverteidigerin von Beate Zschäpe schon lange beschlossene Sache. Der Vorsitzende Richter habe am Mittwoch ein wenig den Eindruck vermittelt, dass „das Urteil seit sehr langer Zeit feststand“, sagte die Anwältin Anja Sturm in München. Es sei ausgesprochen schwierig gewesen, dem Richter bei der Urteilsverkündung zu folgen. Zudem sei die Begründung „ausgesprochen dünn“. Zschäpes Verteidiger Wolfgang Heer kündigte nach der Verurteilung der Hauptangeklagten wegen Mordes an, Revision beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe einzulegen.

Stiftung gegen Rechtsextremismus: keine Wiedergutmachung

Mit den Urteilen im NSU-Prozess darf nach Auffassung der Amadeo Antonio Stiftung noch kein Schlussstrich unter die Aufklärung der Mordserie gezogen werden. „Es ist sicherlich zufriedenstellend, dass diese empfindlichen Strafen verhängt wurden. Aber sie sind natürlich keine Wiedergutmachung“, sagte ein Sprecher. Die Stiftung engagiert sich gegen Rechtsextremismus. Die Strafen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass erstmal nur zentrale Akteure verurteilt worden seien. „Und dass es im Umfeld des NSU vermutlich noch Unterstützer gibt, die bis heute frei herumlaufen.“ Von Aufklärung sei man noch weit entfernt, teilte die Stiftungsvorsitzende Anetta Kahane mit.

Obfrau Pau: Merkels Versprechen nicht eingelöst

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Petra Pau hat die Bundesanwaltschaft zur Fortführung laufender Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit der rechtsextremen Terrorzelle NSU aufgerufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe bedingungslose Aufklärung der Mordtaten versprochen, sagte die Obfrau der Linken im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags nach dem Urteil. „Das Versprechen ist nicht eingelöst.“ Noch immer existierten rechtsextreme Netzwerke. „Während wir hier stehen, ist die Gefahr von weiteren rechtsextremen Taten weiter relevant.“ Pau ergänzte: „Was die Aufklärung über Gerichtsverfahren hinaus betrifft, da ist noch sehr viel Luft nach oben.“

FDP-Fraktion fordert Reform der Sicherheitsbehörden

Der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Stephan Thomae, hat das Urteil begrüßt und eine Reform der Sicherheitsbehörden gefordert. „Das Urteil ist das wichtige Signal an die Opfer und Hinterbliebenen, dass der deutsche Rechtsstaat funktioniert. Doch die Aufarbeitung der unfassbaren rassistischen Verbrechen des NSU darf damit nicht abgeschlossen sein“, teilte Thomae in Berlin mit. Nach wie vor seien viele Fragen offen, etwa dazu, „wie es zu so einem gravierenden Behördenversagen beim Verfassungsschutz kommen konnte“. Die Regierung müsse daher ein Konzept „für eine umfassende Reform der deutschen Sicherheitsarchitektur“ vorlegen.

Ramelow: Keine Erleichterung nach NSU-Urteilen

Für den Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) bleiben nach der Verurteilung der NSU-Hauptangeklagten Beate Zschäpe zu viele Fragen ungeklärt. „Fragen nach einem möglichen Unterstützernetzwerk des NSU und der Mitverantwortung der Geheimdienste sind in diesem Prozess nicht oder nur sehr verengt thematisiert worden“, sagte Ramelow am Mittwoch. Er ergänzte: „Das Gericht hat Recht gesprochen, mit dem Urteil über Frau Zschäpe hat einer der wichtigsten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte ein juristisches Ende gefunden. Dennoch vermag sich keine Erleichterung einstellen.“

Knobloch zufrieden - kein Schlussstrich

Charlotte Knobloch, Ex-Präsidentin der Zentralrats der Juden in Deutschland, sieht nach dem NSU-Prozess kein Ende der Aufklärung. Die Urteile könnten kein Schlussstrich unter die Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe sein, erklärte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Das Oberlandesgericht München habe jahrelang intensiv nach der Wahrheit gesucht; trotzdem seien viele Fragen offen geblieben. Knobloch begrüßte die Schuldsprüche: „Nach dem Schock rund um die Aufdeckung der Terrorzelle, die jahrelang unbehelligt gemordet hatte, ist das heutige Urteil auch ein Signal, dass unser Staat wehrhaft gegen rechtsextreme Gewalttaten vorgeht.“

Hofreiter: Rolle des Verfassungsschutzes aufklären

Der Fraktionschef der Grünen im Bundestag, Anton Hofreiter, hat eine Aufklärung der Rolle des Verfassungsschutzes verlangt. „Der Verfassungsschutz hat die Aufklärung behindert und nicht dazu beigetragen“, kritisierte er. „Der Verfassungsschutz hat massenhaft Akten geschreddert. Der Verfassungsschutz hat in allen Untersuchungsausschüssen gemauert.“ Es dürfe nun kein Schlussstrich gezogen werden, sagte Hofreiter. Auch was Helfer und Hintermänner des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ betreffe, sei noch viel Aufklärung nötig. „Das Unterstützungsnetzwerk des NSU ist weiter vorhanden.“

Türkische Gemeinde fordert weitere Verfahren

Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) hat die Verurteilung Zschäpes zu lebenslanger Haft begrüßt. Der Verband forderte aber weitere Strafverfahren gegen „das Unterstützernetzwerk des NSU“. Der TGD-Vorsitzende Gökay Sofuoglu sagte: Bundeskanzlerin „Angela Merkel und viele andere haben den Opfern eine lückenlose Aufklärung versprochen. Dieses Versprechen wurde gebrochen.“ Die Bundesanwaltschaft habe in dem langen Prozess Erkenntnisse aus parlamentarischen Untersuchungsausschüssen und zahlreichen Recherchen der Zivilgesellschaft nicht berücksichtigt und sich auf die Theorie eines isolierten Terror-Trios versteift.

Bayerns Innenminister: Kampf gegen Rechtsextreme verbessert

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sieht das Vorgehen des Staates gegen den Rechtsextremismus nach den Behördenpannen der Vergangenheit entscheidend verbessert. Die Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern hätten den Kampf gegen Rechtsextremismus erheblich verstärkt, sagte Herrmann zum Ende des NSU-Prozesses. „Dass der NSU über Jahre hinweg unbehelligt schwerste Straftaten verüben konnte, ist für uns Mahnung und Auftrag zugleich, dass sich solche Taten nie wieder wiederholen dürfen.“ Besonders wichtig seien vor allem der deutlich verbesserte Informationsaustausch und die intensivierte Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden.

Amnesty fordert Rassismus-Untersuchung in Behörden

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat deutschen Behörden zum Ende des NSU-Terrorprozesses Rassismus vorgeworfen. „Die Ermittlungsbehörden haben elf Jahre lang die rassistischen Tatmotive verkannt und durch eine teilweise offen rassistische Vorgehensweise eine rasche und umfassende Aufklärung des NSU-Komplexes verhindert“, sagte Amnesty-Mitarbeiterin Maria Scharlau am Mittwoch. „Amnesty International fordert eine lange überfällige Untersuchung, inwieweit institutioneller Rassismus in den Behörden eine bessere Aufklärung des NSU-Komplexes

Sechs ungelöste Fragen im NSU-Prozess

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Warum endete die Serie der rassistisch motivierten Morde mit der immer gleichen Tatwaffe vom Typ „Ceska“ im Jahr 2006?

Darüber gibt es nur Spekulationen. Eine lautet: Beim letzten Mord in einem Internetcafé in Kassel sei ein Verfassungsschutzbeamter am Tatort gewesen. Die beiden Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hätten gefürchtet, jetzt könnten sie auffliegen. Tatsächlich gilt aber gerade das Auftauchen dieses Beamten während der Tatzeit als weiteres Rätsel. Die Behörden sprechen von Zufall. Eine Verwicklung des Beamten wurde immer wieder vermutet, ließ sich aber nicht beweisen.

Warum änderten Mundlos und Böhnhardt für ihren letzten Mord das Motiv?

Der letzte Mord war der an der Heilbronner Polizistin Michéle Kiesewetter im Jahr 2007. Die Bundesanwaltschaft meint, die Täter wollten damit den Staat und seine Repräsentanten angreifen. Einen plausiblen Grund für den Wechsel des Mordmotivs nennt die Anklage nicht. Bis dahin waren alle Opfer Gewerbetreibende mit türkischen oder griechischen Wurzeln. Beate Zschäpe hat in ihren Einlassungen einen anderen Grund für den Kiesewetter-Mord genannt: Es sei Mundlos und Böhnhardt nur um die Waffen der Polizistin und deren Kollegen gegangen.

Woher hatten die NSU-Terroristen ihr Waffenarsenal?

Zwei Maschinenpistolen, ein Gewehr, der Rest Pistolen und Revolver - insgesamt 20 Waffen. Woher sie stammen, hat der NSU-Prozess nicht geklärt. Nur die Herkunft einer einzigen Waffe will die Bundesanwaltschaft nachvollzogen haben: Die Mordpistole vom Typ „Ceska“ stammt beweisbar aus der Schweiz. Auch der weitere Weg bis in die Hände der Terroristen gilt als aufgeklärt, jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit. Über die anderen Waffen ist nichts bekannt. Und offen ist auch, ob es nicht noch weitere NSU-Waffen gibt, die nie gefunden wurden. Das Gericht hält das für möglich und hielt das in einem Beschluss auf einen Beweisantrag auch schriftlich fest.

Woher hatten die Terroristen die Adressen von rund 10000 potenziellen Anschlagszielen?

Parteibüros, Kirchen und Moscheen, Bürgerinitiativen, sogar eine Geflügelfarm, die ihre Hennen klassisch in geschlossenen Massenställen hält: Quer durch ganz Deutschland hatten die Terroristen Namen und Adressen gesammelt und meist noch Kartenausschnitte beigefügt. Die gesammelten Unterlagen fanden sich in den Trümmern der Zwickauer Fluchtwohnung. Die Einträge passen mehr oder weniger gut zu denkbaren Motiven von Neonazi-Terroristen. Wie diese Liste zusammengestellt wurde, ist aber völlig unklar. Mundlos und Böhnhardt sollen viel gereist sein, auch mit der Bahn. Es könnte Tippgeber vor Ort gegeben haben. Der Prozess brachte dazu nichts Eindeutiges. Beweisanträgen, vor allem von Nebenklägern, ging der Senat oft nicht nach.

Lebten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe die gesamten fast 14 Jahre als Trio im Untergrund zusammen?

Die Bundesanwaltschaft scheint das so zu sehen. Sie lässt jedenfalls keine Alternative zu dieser Möglichkeit gelten. Es gibt aber Zweifel an der offiziellen Version. Ein Zeuge sagte im Prozess aus, Mundlos habe sich vorübergehend ausquartiert und sei allein bei einem Bekannten untergekommen. Zschäpe selber erklärte, die beiden Männer seien manchmal längere Zeit unterwegs gewesen und sie habe nicht gewusst, wo sie steckten. Diese Frage ist nicht geklärt.

Gehörten noch mehr Leute zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ als die drei, die die Bundesanwaltschaft dafür hält - Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe?

Beim Bundeskriminalamt gibt es Ermittler, die diese Frage für sich bejahen. Man sei auf Hinweise gestoßen, dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe Teil einer deutlich größeren Gruppe gewesen seien. Die Bundesanwaltschaft bleibt dagegen bei ihrer Überzeugung vom abgeschotteten Trio. (dpa)

Deshalb hat dieser Prozess ja so lange gedauert: weil das Gericht, einem Mosaik gleich, ein großes Bild zusammensetzen musste. Und am Ende die Frage stellen musste: Reicht das, was Zschäpe in all den Jahren getan hat, zur Begründung einer Mittäterschaft aus? Kann sie deshalb als Mörderin bestraft werden, als hätte sie selbst den Abzug jener Waffe gedrückt, mit der ihre Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt jahrelang mordend durch die Republik zogen?

Das Gericht hat diese Frage mit einem Ja beantwortet. In Summe reicht dem Senat also all das, was die Anklage zusammengetragen hat: etwa dass Zschäpe für die Tarnung im Untergrund gesorgt habe, das Geld verwaltet, die rechtsextremistische Gesinnung ihrer beiden Freunde geteilt, nach dem Tod der beiden das Bekennervideo verschickt habe - dass sie unterm Strich gleichberechtigtes Mitglied des Trios gewesen sei.

In der Urteilsbegründung sagt Götzl, die drei seien übereingekommen, als zusammengeschlossener Verband Menschen aus antisemitischen oder anderen Gründen zu töten. Er spricht von einer „gemeinsam vereinbarten Gesamtkonzeption“ und ideologisch motivierten Zielen, an denen alle drei gleich großes Interesse gehabt hätten. Die Taten seien nur unter der Mitwirkung Zschäpes durchführbar gewesen. Zschäpes Aufgabe sei es gewesen, für eine harmlose Legende nach außen zu sorgen, um die Entdeckung zu erschweren. „Sie unterwarf sich willentlich dieser gemeinsam gewollten Gesamtkonzeption“, sagt Götzl.

Die Richter machen mit ihrem Urteil klar: Sie glauben Zschäpe nicht. Die 43-Jährige hatte zuletzt noch ans Gericht appelliert, sie wolle nicht für etwas bestraft werden, was sie weder gewollt noch getan habe. In ihren schriftlichen Einlassungen hatte sie erklärt, sie habe von den Morden und Anschlägen immer erst im Nachhinein erfahren, sie habe sich von den beiden Freunden nicht lösen können, sei abhängig gewesen, geschlagen worden. Zschäpes Verteidiger hatten argumentiert, ihre Mandantin sei keine Mörderin, keine Attentäterin. Doch beim OLG-Senat sind sie damit in keiner Weise durchgedrungen.

Für viele Angehörige der Opfer, die an diesem Tag ein letztes Mal in den quasi fensterlosen Saal 101 im Strafjustizzentrum in München gekommen sind, dürfte das harte Urteil gegen Zschäpe eine gewisse Genugtuung bedeuten. Sie hofften auf eine hohe Strafe, hatten einige von ihnen zuvor gesagt. Andere beklagen, unabhängig vom Urteil, dass ihre Fragen in dem Mammutprozess nicht beantwortet worden seien. Beispielsweise die, warum gerade ihr Angehöriger sterben musste. Wie es aussieht, werden viele solcher Fragen unbeantwortet bleiben. Es bleibt auch die Frage nach dem teils eklatanten Behördenversagen. Die seelischen Verwundungen und der Schmerz bei den Angehörigen der vielen Opfer bleiben sowieso.

Nicht einmal der juristische Schlussstrich ist endgültig: Schon kurz nach dem Urteilsspruch, bevor die Urteilsbegründung überhaupt zu Ende ist, kündigt Zschäpes Verteidiger Wolfgang Heer an, Revision einzulegen. Damit ist der Bundesgerichtshof am Zug - genau der Senat, der in der Vergangenheit hohe Hürden für Verurteilungen wegen Mittäterschaft aufgestellt hatte. Bis die Richter in Karlsruhe entscheiden, wird es noch lange dauern - allein bis zur Vorlage der schriftlichen Urteilsbegründung könnten viele Monate vergehen. (dpa)

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Insgesamt 75 Kommentare

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  1. Oberlausitzer

    OHNE belastbare Beweise wird ein Urteil gesprochen - Schauprozess nennt man so etwas!

  2. Mo H.

    Sehr gut. Richtig so. Leider ist ein solches Urteil gegen die Freitaler Terrorbande in Dresden aufgrund der hier herrschenden Gesinnung nicht möglich. Hoffentlich kann sich der Pegida-Bomber Nino ganz warm anziehen.

  3. Sascha

    Der Terror von Rechts ist zur Zeit die größte Gefahr für die Menschen hier im Land. Hartes und richtiges Urteil !!!

  4. Hellmouth

    Ein gutes und gerechtes Urteil. Aber nun auch alles islamistischen Terroristen verurteilen, die sich in Deutschland aufhalten. Dafür könnte sich der Zentralrat der Muslime bitte auch einmal einsetzen. Oder wird hier doch mit zweierlei Maß gemessen?

  5. Kalle

    Wenigstens etwas, was ist denn mit anschließender Sicherungsverwahrung? Ich meine, Rassisten und Hassverbrecher sind kaum zu resozialisieren, die Distanzierung von der rechten Szene ist doch nur auf Feigheit zurückzuführen. Aber auch die längsten Haftstrafen können die Verbrechen nicht wieder gut machen und schon gar nicht das Staatsversagen. Noch immer bestehen diverse Ungereimtheiten, die eine Verquickung von staatlichen Institutionen und dieser Terrororganisation möglich erscheinen lassen. Sei es die Anwesenheit eines V-Mannes während eines Mordes, die eilige Vernichtung von Akten und Beweismitteln oder merkwürdiger Tode wichtiger Zeugen. Eine vollständige Aufklärung wird es wohl nie geben, was bleibt ist ein gewissen Misstrauen gegenüber den Behörden.

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