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Montag, 17.09.2018

Lara bleibt noch

Die Oberbürgermeister-Wahl machte Lara Liqueur in Dresden bekannt. Am liebsten wäre die Dragqueen weltberühmt.

Von Franziska Klemenz

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45 Minuten braucht Lars, um Lara in sein Gesicht zu schminken. Lara ist mutiger, aber auch kürzer angebunden. „Definitiv ein anderer Mensch.“
45 Minuten braucht Lars, um Lara in sein Gesicht zu schminken. Lara ist mutiger, aber auch kürzer angebunden. „Definitiv ein anderer Mensch.“

© Marion Doering

Eigentlich zeigt Lars sich öffentlich lieber als Lara. „Wenn ich ungeschminkt auf der Straße bin, werde ich nicht angequatscht. Das ist mega angenehm.“
Eigentlich zeigt Lars sich öffentlich lieber als Lara. „Wenn ich ungeschminkt auf der Straße bin, werde ich nicht angequatscht. Das ist mega angenehm.“

© Marion Doering

Die schwarzen Rahmen fehlen. Lars Stosch guckt aus ungeschminkten Augen in eine unverrauchte Boys Bar. Ein seltener Anblick. Beides. Normalerweise tritt Lars hier als Lara auf, mit schwarzen Rahmen um die Augen und mit Brüsten; mit Perücken, die nach einer Nachtschicht wie zehn Aschenbecher riechen. Es ist 16 Uhr und noch geschlossen, für Lara-Lars machen die Besitzer eine Ausnahme. Die Schwulen-Bar in der Alaunstraße ist die Wiege von Lars’ zweiter Identität, Lara Liqueur. Hier trat sie zum ersten Mal als DJane auf, hier moderiert sie bis heute Karaokeabende und Diskussionsrunden.

Warum nicht?

Das Feuerzeug zischt, Qualm-Fäden kräuseln aus Lars’ Zigarette Richtung Decke. Marke: Fred. Ein klassisches Neustadt-Produkt, so wie Lara. Vor drei Jahren wurde sie in ganz Dresden bekannt, als Oberbürgermeister-Kandidatin für die Satirepartei Die Partei. Als Pfeffi-Ausschenkerin, Konfetti-Kanone, Rahmen-Sprengerin. „Der damalige Landesvorsitzende der Partei hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könne. Ich dachte mir: Warum nicht?“

Eine Frage, die dem heute 23-Jährigen häufig half. Vielleicht noch helfen wird. „Ich möchte eines Tages weltberühmt werden“, sagt er. „Wollte ich schon als kleines Kind.“ Lars spricht schnell, aber nie schrill. Seine Augen wandern über Decken und Fenster, Zigaretten und sein Gegenüber. Lange verweilt sein Blick nie. Lars sucht.

Mit fünf las er Klatschmagazine und guckte Viva. News von Promis und Clips mit Britney Spears prasselten wie Dünger auf seine Träume. „Ich habe die Leute bewundert, die wo hingehen, und dann freuen sich alle und bejubeln sie. Mir war bewusst: Das will ich auch schaffen.“

Als Jugendlicher moderierte Lars Online-Radiosendungen und schrieb Bücher, den Hang zur Frau entwickelte der gebürtige Dresdner in seinen letzten Realschul-Jahren. „Ich bin natürlich schon angeeckt, der Typ mit Lippenstift, der Lady-Gaga-Freak.“ Angeeckt? „Naja, dieses typische Mobbing-Thema eben. Das trifft ja fast jeden, der irgendwie aus dem Raster fällt.“ Und sich trotzdem nicht anpasst.

„Das hab ich nur geschafft, weil ich diesen Bezug zu Lady Gaga hatte und mir gesagt hab: Sie hat’s auch zu was gebracht, wurde früher auch rumgeschubst und hat ihr Ding trotzdem durchgezogen.“ Lars zieht an einem Halm, Kohlensäurebläschen wandern senkrecht aus der Dose Energydrink. „Als Jugendlicher hatte ich häufig das Gefühl, dass ich nicht mehr weitermachen will. Was Mobbing eben mit dir macht: Depressionen, Suizid-Gedanken.“

Wegen Lady Gaga machte er weiter. Lars blieb. „Wenn die weitermacht, warum soll ich nicht auch? Außerdem war da auch der Gedanke, dass ich ihr nächstes Album verpassen würde.“ Er pult die nächste Zigarette aus der Packung, guckt durch eine Rauchwolke aus dem Fenster. Als Lars 17 war, spaltete sein weiblicher Teil sich als Lara ab. Das erste Mal in Frauenkleidern, das erste Mal als DJane. Durch Zufall, weil im Boys ein DJ abgesagt hatte. Lara bot sich an. Warum nicht? „Wir dachten, wir probiern’s mal mit ihr“, sagt Boys-Barkeeper Stefan, der hinter dem Tresen Gläser poliert. „Damals hab ich noch ganz plump aufgelegt, einfach meine Lieblings-Popmusik ohne Übergänge“, sagt Lars.

Eine Kaufmanns-Ausbildung an der Tankstelle brach Lars ab, als Dragqueen und DJane mit drei Auftritten pro Woche reicht das Geld inzwischen. Gebucht wird sie manchmal von München bis Kiel. „Auch wenn ich weltberühmt werden sollte, bleibe ich hier. Dresden, besonders die Neustadt, ist für mich Heimat. Und ich bin für Dresden hoffentlich bereichernd.“

Drei Stunden später, 22 Uhr, schon wieder ein seltener Anblick. Wenn Lars im Luden feiert, kleben normalerweise falsche Wimpern an seinen Lidern. Falsche Brüste wölben sein Kleid, falsche Haare wedeln um den Hals. Heute geht Lars, nicht Lara aus. „Whoohoo, du hier“, tönt es, als er sich auf einen Barhocker schwingt. „Eigentlich erkennen mich als Lars nicht so viele, als Lara werde ich viel öfter angequatscht“, sagt er. „Das ist ganz angenehm.“ In seinen Stammläden ist das anders. Sex übersät den Luden, Bilder von Schamhaaren in schummrig-rotem Licht schmücken alle Wände. Trotzdem wirkt Lars hier irgendwie, als säße er im Wohnzimmer. Es ist Karaoke-Abend, die Anlage ist mal atemlos und wünscht sich mal nach Westerland. Lars grölt ungefähr alle drei Lieder mit, trinkt alle fünf einen Pfeffi mit Freunden. „Als Lara hätte ich jetzt schon das Doppelte getrunken“, sagt er. In Maßen gehören Alkohol und Zigaretten zu seiner Rolle. „Das Maß zu finden, war schwer.“ Wer zu Laras Partys kommt, will abschalten, den „grauen Alltag“ vergessen, sagt Lars.

„Als Lara bin ich definitiv ein anderer Mensch. Meine Ex-Freundin hat mir oft vorgeworfen, dass ich kurz angebunden bin und mir wenig Zeit für einzelne Personen nehme, wenn ich Lara bin.“ Vier Jahre dauerte die Beziehung. Bis März. „Als Lara versuche ich eben, es allen Leuten recht zu machen und für alle gleichermaßen da zu sein. Als Lara habe ich aber auch viel weniger Angst, mehr Mut. Es fällt mir leichter, meine Meinung zu sagen.“ Als Lara postet er via Facebook politische Statements: pro Humanismus, anti AfD. „Ich sage auch eher, wenn mir persönlich was nicht passt. Ich denke mir: Das kann mir keiner übel nehmen, es ist ja nur Lara.“ Nur eins verletzt als Lara: „Wenn mich jemand Lars nennt, meine Identität entschleiert.“

Ein Stück weit Flucht, das Versteck in der anderen Rolle? „Es hat was von Schizophrenie, aber gesteuerter Schizophrenie. Wenn ich Lara bin, gehöre ich allen.“ Lara, die mit den politischen Statements, Lara das „kommerzielle Produkt“, wie Lars sie nennt. Sich abzuschminken, ist sein Ritual, sein Rückweg zum Mann. Ganz Frau sein will Lars niemals. „Umgekehrt merke ich, dass ich nach ein paar Tagen, die ich nur als Lars verbringe, zur Diva werde.“

Um 0 Uhr kommt kurz Lara raus: „Komm, wir trinken Pfeffi. Was, du willst schon gehen?“ Lars bleibt noch. Mindestens bis zum nächsten Lied von Lady Gaga.

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