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Samstag, 15.09.2018 Perspektiven

Wir sind keine Umweltvorreiter

Deutschland braucht aus rechtlichen und wirtschaftlichen Gründen einen Richtungswechsel. Kurzfristig, aber möglichst nicht im Alleingang.

Von Felix Ekardt

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Zu viele tierische Lebensmittel, zu hohe Emissionen: Wir richten unsere Umwelt zugrunde.
Zu viele tierische Lebensmittel, zu hohe Emissionen: Wir richten unsere Umwelt zugrunde.

© AP

Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und ist Professor an der Uni Rostock.
Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und ist Professor an der Uni Rostock.

Die EU, Deutschland und Sachsen fühlen sich als Umweltvorreiter – Politik, Bürger und Wirtschaft gleichermaßen. In einem seltsamen Kontrast dazu steht, dass wir weltweit zu den Ländern mit dem größten ökologischen Fußabdruck pro Kopf gehören. Rechtsverbindliche internationale Vorgaben verlangen Dinge, die wir bisher meilenweit verfehlen: Das allseits gefeierte Pariser Klima-Abkommen schreibt eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 bis 1,8 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau fest. Das ist nach den Daten des Weltklimarates nur machbar, wenn weltweit alle Emissionen in etwa ein, zwei Jahrzehnten auf null gebracht werden. Das heißt dann auch: null fossile Brennstoffe. Deutschland und die EU sind davon meilenweit entfernt. Gleichzeitig schreibt uns die UN-Biodiversitätskonvention vor, den Artenverlust zu stoppen und umzukehren. Hierzulande passiert seit Jahrzehnten jedoch das Gegenteil.

Über unser Scheitern täuschen wir uns durch massive Schönrechnungen hinweg. Industriestaaten wie Deutschland reduzieren angeblich Emissionen, in Wirklichkeit steigen die Emissionen unseres Lebensstils jedoch. Wir verlagern sie schlicht in die Schwellenländer, denn von dort kommen in einer globalisierten Welt zunehmend unsere Konsumgüter. Auch die speziell in Ostdeutschland gefeierte Reduktion von Schadstoffen in Luft und Gewässern wird bei näherem Besehen zweifelhaft. Zum einen wurde auch hier das Problem großenteils schlicht nach Fernost verlagert. Zum anderen ist das Problem keineswegs verschwunden. Dieselskandal, Stickoxide und Feinstaubbelastung sind dafür Stichworte. Und die allermeisten sächsischen Gewässer verfehlen unverändert die Anforderungen des EU-Wasserrechts.

Fossile Brennstoffe sind nicht nur Braunkohlestrom, an dem die sächsische Landesregierung unverdrossen festhält. Auch Wärme, Mobilität, Plastik und Landwirtschaft müssen postfossil werden. Einschneidende politische Schritte dahin fehlen bislang weitgehend. Das ist nicht nur wegen der Verletzung der verbindlichen Zielvorgabe des Paris-Abkommens rechtswidrig. Es ist auch volkswirtschaftlich enorm teuer. Denn würde man aus Kohle, Gas und Öl aussteigen, würde das massive gesellschaftliche Kosten sparen. Nicht nur wegen Naturzerstörung und Klimawandelfolgen, sondern auch deshalb, weil die Schadstoffemissionen der Fossilen diverse Atemwegs- und Krebserkrankungen maßgeblich mit verursachen. Und damit zugleich Milliardenkosten im Gesundheitssystem auslösen. Die Fossilen sind keineswegs wirtschaftlich, wie es uns die Politik immer wieder weismacht – außer für die Unternehmen, die sie verkaufen.

Ein weiterer ökologisch zentral problematischer Faktor sind tierische Nahrungsmittel. Der allergrößte Teil der weltweit agrarisch genutzten Fläche wird für die Produktion tierischer Nahrungsmittel eingesetzt. Das liegt auch an den hohen Kalorienverlusten bei der Umwandlung von pflanzlicher in tierische Nahrung. Die massiven Auswirkungen der Landwirtschaft auf Klima, Ökosysteme und Biodiversität, aber auch auf Böden, Gewässer, Stickstoff- und Phosphorkreisläufe sind folglich besonders mit dem hohen tierischen Nahrungsmittelkonsum in den Industriestaaten und bei den Oberschichten der Schwellenländer verbunden. Null fossile Brennstoffe und weniger Tiere sind also neben dem Klimaschutz zugleich Voraussetzung dafür, die Stickstoffkreisläufe zu schließen, Gewässer zu entlasten, giftige und krebserregende Luftschadstoffe zu reduzieren und die Biodiversität zu schonen.

Auch wenn niemand exakt die Zukunft voraussagen kann: Allein mit Technik erreicht man die eingangs genannten Klima- und Naturschutz-Ziele kaum. Die Herausforderung ist schlicht zu groß. Dazu kommt: Wir werden zwar technisch immer besser, aber auch reicher, womit immer mehr Emissionen entstehen, die wir dann einsparen müssen. Zudem fehlen wirkungsvolle technische Lösungen für einige Sektoren, etwa in der Landwirtschaft. Dort geht es nicht allein um einzelne technische Fortschritte, sondern besonders darum, weniger Tierisches zu essen. Dass die Landwirtschaft wegen des Paris-Abkommens zeitnah ohne fossil basierte Mineraldünger auskommen muss, führt potenziell zu geringeren Ernteerträgen – und steigert damit die Notwendigkeit, weniger Tierisches zu essen und damit die Umwandlungsverluste von pflanzlichen in tierische Nahrungsmittel zu verringern. Nur so werden die Klimaemissionen drastisch sinken und zugleich der Natur mehr Raum gegeben werden, wie dies den eingangs genannten verbindlichen und fürs menschliche Überleben notwendigen Umweltzielen entspräche.

Eine ähnlich große und ähnlich unbeliebte Herausforderung ist das Eindampfen unseres exorbitanten Plastik-Konsums. Denn die Flächen, um die Kunststoffe für unsere ganzen alltäglichen Drogerie-Wegwerfprodukte und Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen statt aus fossilem Erdöl herzustellen, haben wir schlicht nicht. Man sieht an alledem: Neben grüner Technik ist auch ein genügsamerer Lebensstil nötig. Allerdings wird dann auch weniger verkauft werden; etwa deutlich weniger veredelte Nahrungsmittel, Plastik-Wegwerfprodukte, aber auch weniger besonders emissionsintensive Flugreisen. Und auf irgendeine Wundertechnologie, um der Konsumreduktion zu entrinnen, sollten wir besser nicht hoffen. Die Atomenergie beispielsweise birgt unkontrollierbare Attentatsrisiken und hohe gesellschaftliche Folgekosten – und sähe man sie weltweit als Lösung, hätten bald sämtliche Diktaturen der Welt potenziell Atomwaffen.

Substanziell weniger zu konsumieren, kommt allerdings dem Ausstieg aus der Wachstumsgesellschaft gleich. Dem entkommt man auch nicht mit Visionen einer reinen Dienstleistungswelt ohne jeden ökologischen Fußabdruck. Auch Dienstleistungen wie Flüge oder IT-Technologien verbrauchen jede Menge Ressourcen. Das ist eine echte Herausforderung. Bislang hängen vom Wachstum zentrale gesellschaftliche Institutionen ab, etwa der Arbeitsmarkt, das Rentensystem, die Banken und das System der Staatsverschuldung. Alternativkonzepte für die Befreiung jener sozialen Teilsysteme vom Wachstumszwang sind über einzelne Ideen wie Arbeitszeitverkürzung kaum hinausgekommen. Erst recht stecken Konzepte für die schwierige Übergangsphase in die Zeit nach dem Wachstum in den Kinderschuhen. Deshalb gehört die Suche nach solchen Konzepten ins Zentrum der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte, statt aus Furcht vor Wachstumslosigkeit den Umweltschutz aufs rein technisch Machbare zu beschränken. Denn das hieße, den Klimawandel nur teilweise und Probleme wie degradierte Ökosysteme so gut wie gar nicht anzugehen. Langfristig würden wir damit die physischen Grundlagen unserer Existenz zerstören, schlimmstenfalls über vermehrte Kriege und Bürgerkriege um schwindende Nahrungs- und Wasserressourcen.

Dass Politiker, Manager und Bürger in dieser Zwickmühle oft zu einem „Weiter so“ neigen und uns ökologisch immer tiefer in den Schlamassel reiten, kann man durchaus verstehen und erklären. Dafür sind Unternehmen und Konsumenten in ihren täglichen Entscheidungen viel zu sehr auf die Normalitäten der Vielverbrauchsgesellschaft eingeschliffen, und menschliches Verhalten ändert sich selten allein durch neues Wissen und Moralpredigten. Auch kurzfristiger Eigennutz, Pfadabhängigkeiten, Kollektivgutprobleme und menschliche Emotionen wie Gewohnheit, Verdrängung, Bequemlichkeit und fehlende Dringlichkeitsgefühle bei raumzeitlich entfernten Problemlagen wie dem Klimawandel stehen unserer Öko-Performance oft im Weg. Sparen können wir uns allerdings, ob eher die Konzerne oder die Kunden oder die Politiker die Bösen sind. Das wäre eine Henne-Ei-Diskussion – die einen gibt es nicht ohne die anderen. So sind wir alle als Kunden, Arbeitnehmer und vielleicht noch Aktionäre in Gestalt unseres Pensionsfonds mehr oder minder eng mit den Unternehmen verflochten. „Den“ Kapitalismus und „die“ Politik gibt es nicht ohne uns.

Will man neue Technik wie erneuerbare Energien schnell in den Markt bringen und will man unser Verhalten genügsamer machen, wird neben aller unternehmerischer Kreativität und allem Wandel von unten auch Politik nötig sein. Zum Beispiel indem man die fossilen Brennstoffe konsequent aus dem Markt nimmt und die Tierhaltung drastisch reduziert. Ein rein regionaler Ausstieg ist allerdings weder rechtlich möglich noch sinnvoll – Braunkohlestrom aus Tschechien ist keine Lösung. Man sollte geografisch breit ansetzen.

Sachsen kann sich aber zum Beispiel für einen EU-weiten fossilen Ausstieg engagieren – und für eine drastische Reform der EU-Agrarsubventionen 2020, zumal wir durch große Futtermittelimporte die Umwelt in anderen Teilen der Welt massiv mit belasten. Gibt man der Natur mehr Raum, kann man übrigens auch Pestizide drastisch reduzieren – die maßgeblich für das viel diskutierte Insektensterben verantwortlich sind. Klar ist bei alledem: Bei wachsender Weltbevölkerung und wachsendem Konsum tierischer Nahrungsmittel in den Schwellenländern muss die Reduktion in den Industriestaaten umso drastischer ausfallen.

Mit Bevormundung hat das Ganze nichts zu tun. Denn hier geht es nicht darum, jemanden vor sich selbst zu schützen, sondern darum, alle Menschen vor den schädlichen Folgen bestimmter Handlungen zu schützen. Wer Schaden anrichtet, darf und muss dafür zur Verantwortung gezogen werden.

Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und ist Professor an der Uni Rostock. Von ihm erschien 2017 das Buch „Wir können uns ändern: Gesellschaftlicher Wandel jenseits von Kapitalismuskritik und Revolution“ bei Oekom. Er ist zudem Landesvorsitzender des BUND Sachsen.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

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