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Sonntag, 08.07.2018

„Wir kontrollieren eure Kinder, sie ham kein Respekt vor euch“

Neben Ed Sheeran und Helene Fischer dominiert auch der frauenfeindliche Assi-Rapper Gzuz die deutsche U-Musik.

Von Oliver Reinhard

Der vorbestrafte Kristoffer Jonas Klauß alias Gzuz und seine Combo 187 Straßenbande sind mit ihrem Gewaltverherrlichungs-Rap derzeit die Helden zahlloser Teenies.
Der vorbestrafte Kristoffer Jonas Klauß alias Gzuz und seine Combo 187 Straßenbande sind mit ihrem Gewaltverherrlichungs-Rap derzeit die Helden zahlloser Teenies.

© imago

Schon das Wort verweist darauf: Aufmüpfigkeit kommt immer von unten. Auch im deutschen Pop. Beim Battle-Rap von Szenegrößen wie Gzuz passt das „von unten“ sogar doppelt: Der wegen Raub und Gewalt mehrfach vorbestrafte Kiez-Hamburger Kristoffer Jonas Klauß inszeniert sich als Underdog und versetzt mit seiner Gang 187 Straßenbande vor allem Teenies in Begeisterung. Schon Zehnjährige erbauen sich an Zeilen wie „Lern ne Schlampe kenn’n, wir nageln sie zu zweit“ oder „Wir ... ficken diesen Staat mit den Jungs ... und kontrollieren eure Kinder, sie ham kein Respekt vor euch.“ Mit den ähnlich friedfertigen und frauenfreundlichen Songs seines Solos „Wolke 7“ zählt Gzuz zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Album-Künstlern und kommt zur Halbjahresauswertung der offiziellen deutschen Charts auf Platz drei.

Prügel für einen Schwan

Natürlich ist Gzuz längst ein Internet-Star. In seinen Filmchen macht er auf dicke Hose, schlägt einen Schwan im Stadtpark, läuft mit einem Glas Bier durchs Freibad und beschimpft einen Gast, der ihn darauf hinweist, dass so etwas nicht erlaubt sei, minutenlang als „Fotze“, „Schwuchtel“, „Hurensohn“. Dann wischt er dem Mann die Sonnenbrille aus dem Gesicht und droht ihm Prügel an. Die Fans sind aus dem Häuschen. Ihre Kommentare zum Clip reichen von „gzuz ist gott“ über „geil, der lässt sich echt nix gefallen“ bis „bittebitte gzuz, mach mir ganz schnell ein kind!!!“

Wären Kristoffer Jonas Klauß & Co. – trotz großartigem Sound – nicht derart armselig in ihrer provozieren sollenden Asozialität und Jugendgefährdung; man könnte sich fast freuen, dass in der U-Musik überhaupt noch ein wenig Klangkrawall Chancen hat. Weil die Charts ein solcher Weichspül-Pop beherrscht, dass man sich ernsthaft Sorgen machen muss um die Schaffenskraft in der Branche. So bleibt wie bei Jogi Löw und Angela Merkel fast alles bei den Alten. Erneut liegen Ed Sheeran und Helene Fischer vorn. Der Brite lieferte mit „Perfect“ den bisherigen Hit des Jahres, die Schlagerkönigin das vorläufige Top-Album 2018. Langweiligerweise stammte schon der 2017er-Hit „Shape of you“ von Sheeran, reüssierte Fischer im Vorjahr sogar mit demselben Werk wie jetzt („Helene Fischer“). Single-Platz zwei? Das klebehonigsüße „Was Du Liebe nennst“ von Rapper Bausa. Platz drei? Luis Fonsas „Échame La Culpa“, ein ebensolcher Wühltisch-Latino-Pop wie sein 2017 allgegenwärtiges „Despacito“. Und so weiter ...

Möglicherweise lässt das zunehmende Spaltertum von einschlägig Interessierten in Politik und Gesellschaft die Sehnsüchte vieler Menschen nach heiler Welt, Romantik, Softeis und Konsens-Pop noch mehr anschwellen. Wäre verständlich. Doch bleibt seltsam: Wo vermeintliche und echte Krisen einst jede Menge Kreativität hervorgebracht haben, führt die Unruhestimmung heute musikalisch vor allem zu ratloser Stagnation, rosa Betäubungswolken für die Großen und Gewaltfantasien für die Kleinen. Andererseits taugen Gangs wie 187 Straßenbande vielleicht doch als gesellschaftliche Stimmungsindikatoren. Gerade in Zeiten, wo parteipolitische Programme, die man in Gzuz‘ Worten mit „Wir ficken diesen Staat“ zusammenfassen könnte, wieder bundestagstauglich geworden sind.

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