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Montag, 06.08.2018

„Wieso trennst du dich nicht?“

Siebzehn Autorinnen erzählen in einer Anthologie schonungslos über Sex, Angst, Scham und Gewalt.

Von Emeli Glaser

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Eine Frau fühlt sich im Alltag mit Kindern unterdrückt – doch sie schämt sich dafür. Ihr Mann ist doch ein Freigeist! Wie schwierig es ist, sich aus komplexen Machtstrukturen zu befreien, davon erzählen die Autorinnen in dem Buch „Sie sagt“.
Eine Frau fühlt sich im Alltag mit Kindern unterdrückt – doch sie schämt sich dafür. Ihr Mann ist doch ein Freigeist! Wie schwierig es ist, sich aus komplexen Machtstrukturen zu befreien, davon erzählen die Autorinnen in dem Buch „Sie sagt“.

© dpa/Karl-Josel Hildenbrand

Er denkt: „Sie kriege ich heute ins Bett.“ Sie denkt: „Noch ein Drink, dann gehe ich.“ Er: „Sie liebt meine Berührungen.“ Sie: „Wie bringe ich ihn dazu, aufzuhören, ohne dass er sich blamiert?“ Wenn zwei Personen eine Situation völlig gegensätzlich wiedergeben, nennt man das im Englischen: He-said-she-said. Im Buch „Sagte sie“ ist sie, die Frau, nun dran mit erzählen.

Die 17 Geschichten stammen von bekannten Autorinnen, unter anderem Antonia Baum, Helene Hegemann und Nora Gomringer. Dass man schon „zu lange und zu oft der männlichen Version der Geschichte“ zugehört hat, findet die Herausgeberin Lina Muzur. Sie ist stellvertretende Verlagsleiterin bei Hanser Berlin und will mit „Sagte sie“ nun endlich die weibliche Perspektive erzählen. Das Ergebnis rechnet weder mit der Männerwelt ab, noch vergräbt es sich in einer Opferrolle. Trotzdem bleiben Lesende von nichts verschont.

„Er hielt mir den Mund zu und warf Maria in den Schnee.“ Eine Frau wird nachts in Moskau vergewaltigt. In „Maria im Schnee“ von Annett Gröschner gibt sich die Ich-Erzählerin während der Vergewaltigung einen neuen Namen: Maria, die stellvertretend für sie die Gewalt durchleidet. Das ermöglicht der Frau, die Tat mit einer kalten, klaren Sprache erbarmungslos in Echtzeit zu beschreiben: „Mein Gesicht von Schnee, gegen das er seinen Schwanz presste, der schlaff war und stank. Für einen Moment tat mir der Mann leid.“ Von nun an wird sie Maria immer mit sich tragen.

Auf eine ganz andere Art beklemmend ist „Raus“ von Anke Stelling. „Wieso trennst du dich nicht?“, werden Frauen in unglücklichen Ehen oft gefragt. Weil das nicht so einfach ist. Stelling zeigt, wie in einer scheinbar liberalen Ehe die Frau unterdrückt wird. Varut ist brotloser Akademiker und Freigeist. Seine Ex hat sich als reaktionäre Spießerin herausgestellt, sagt er. Franziska ist anders, mit ihr teilt er alle Ideale. Sie sind perfekt füreinander. Mit einkehrendem Alltag und Kindern fühlt sich Franziska zunehmend unterdrückt, schämt sich aber dafür. Das kann nicht sein, Varut ist ja ein Freigeist, und sie selbst will keine gemeine Spießerin wie die Ex sein. Stelling weist keine Schuld zu, bereitet keine Lösungen. Sondern sie zeigt, wie komplexe Machtstrukturen sind, warum sie so schwer festzumachen sind und erst recht schwer zu verlassen.

In „Der Fleck“ von Annika Reich sitzen Mutter und Tochter bei Schnaps auf Plastikstühlen im Neonlicht. Morgen ist der gemeinsame China-Urlaub zu Ende. Sie haben hier im Restaurant noch eine Chance, darüber zu reden, weshalb sie hergekommen sind: Es ist der Fleck auf dem tannengrünen Kinderrock damals. Der Missbrauch in der Familie, den die Mutter weggewaschen hat.

Der Untertitel des Buches lautet „17 Erzählungen über Sex und Macht“. Das weckt vielleicht die Erwartung von feministischer Kampfliteratur. Im Magazin Spiegel hieß es über „Sie sagte“, es sei „ein einziges, großes Gegeneinander“, man wolle hier ein Mandala seiner Überzeugungen ausmalen, die lauten würden: „Männer sind Tiere, oder Männer verstehen Frauen nicht.“ Auch wenn ein Spiegel-Autor sich durch die Auslassung der männlichen Perspektive angegriffen fühlen mag, ist das in keiner der Erzählungen Thema.

Genau wie Mütter, Kinder, Freunde sind auch Männer wichtig für diese Geschichten. Der Mann ist hier kein Widersacher, der Schicksalsschläge austeilt. Die Heldin kann den Bösewicht nicht mit einem gezielten Kick ausknocken und die Menschheit retten. Der Mann hat keinen handelnden Part, er ist nur Auslöser für Prozesse im Inneren der Hauptfiguren. Nichts wird vereinfacht. Und weil man niemanden zum Täter erklärt, ist das so beklemmend wie die Gefühlsrealitäten, die erzählt werden.

Was passiert, ist eine Erkundung der eigenen Empfindungen, zwischen Wut, Scham, und Angst. „Sagte sie“ erscheint zum richtigen Zeitpunkt. Seit der MeToo-Debatte haben immer mehr Frauen den Mut, Übergriffe aufzudecken. Die Erzählungen geben die Möglichkeit, sich in die komplexen Gefühle hineinzudenken. Deshalb ist das Buch wichtig. Herausgeberin Lina Muzur: „Jede Zeit hat die Literatur, die sie verdient, und vielleicht ist die Literatur im Jahr 2018 erst weiblich und dann universell.“ Man möchte ihr hoffnungsfroh zustimmen.

Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht. Hanser Berlin, 224 Seiten, 20 Euro

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Tobias

    ... und es gibt nicht wenige Beziehungen, wo eher die Frau die Täterin ist und der Mann leidet (und bevor dumme Sprüche kommen ... nicht jeder Mann ist wie der andere)

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