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Samstag, 13.01.2018

Wie Geister den Werktätigen von Radebeul Gedichte diktierten

Wolfgang Hegewald blättert in seinem Adressbuch und schreibt ein sehr lebendiges Lebenslexikon.

Von Michael Wüstefeld

Wolfgang Hegewald stammt aus Dresden und lebt in Hamburg, wo er eine Professur für Poetik hat.
Wolfgang Hegewald stammt aus Dresden und lebt in Hamburg, wo er eine Professur für Poetik hat.

© Juergen Bauer

Wer ein Lexikon zur Hand nimmt, will sein Wissen aufpolieren. Wer sein Wissen über Wolfgang Hegewald vervollständigen und dabei aufs Beste unterhalten werden will, greife zu seinem jüngsten Buch. Spielerisch geschickt nutzt er Aufbau, Gliederung und Eigenheiten eines Lexikons mit Rückbezügen und Querverweisen, um sein Leben Revue passieren zu lassen. Der Autor, 1952 in Dresden-Klotzsche geboren, vagabundiert auf hohem sprachlichen Niveau „von Achim – Zacharias“, wie es im Untertitel heißt.

Es beginnt mit dem Eintrag zum Ausrufewort „Ach“. Verwiesen wird auf das Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch, „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“, geschrieben 1652 von Michael Franck. Das Lied wurde dem Autor in die Wiege gelegt, denn genau dreihundert Jahre später erblickte er das Licht der Welt. Das Lebenslexikon endet mit dem Wort „Zylinderkopfdichtung“, wobei dem Autor eine Tante Anni in Radebeul und der auf dem Weg dorthin zu passierende „VEB Dichtungswerk“ einfällt. Das Kind, das der Autor damals war, fragte sich: „Was mochte sich hinter diesen rußdüsteren Fabrikmauern ereignen … Diktierten da Geister den Werktätigen in drei Schichten Gedichte?“ Wie Wolfgang Hegewald den damit abgesteckten Rahmen ausfüllt, wie er ausgehend von Stichwörtern Episoden, Anekdoten, Geschichten und Geschichte erzählt, ist höchst lesenswert.

Autobiografisches wird verfremdet. Jeder neue Buchstabe verleiht auch dem Protagonisten einen neuen Namen. Das reicht von Achim und Bertram bis zu Xaver und Zacharias. Die Ehefrau wird in die Namenswechsel einbezogen. „Ich“ wird nicht gesagt. Der Name des wirklichen Autors taucht nur auf, wenn es um die Erörterung geht, was ein „Hegewald“ sei. Oder als bei einem Schriftstellertreffen ein „Nathan Niedlich“ von einem „Wolfgang Hegewald“ begehrt, dessen Namen als Pseudonym benutzen zu dürfen. Tatsächlich schrieb Hegewald im Roman „Fegefeuernachmittag“ unter dem Namen Niedlich über sich.

Durch die Lexikoneinträge wimmeln alle wichtigen Romangestalten, die Hegewald mit seinen bislang gut ein dutzend Büchern ins Leben gerufen hat. Auf das Genaueste erzählt der Autor die wichtigsten seiner biografischen Eckpunkte. „Wer, alles, bin ich in meinem Leben schon gewesen.“ Studium Informationsverarbeitung und Theologie in Dresden und Leipzig, Arbeit als Friedhofsgärtner, 1983 Ausreise aus der DDR, Studioleiter „Literatur und Theater“ an der Universität Tübingen, seit 1996 Professor für Poetik, Rhetorik und Creative Writing an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Aber damit nicht genug.

Dem „Ach“ zu Beginn folgt das „Adressbuchpuzzle“, in dem nicht nur alle Hegewald’schen Wohnanschriften preisgegeben, sondern mit absonderlichen Begebenheiten geschmückt werden. Wie ein Schneeball, der zur Lawine wird, reißt es Freund-, Lieb- und Feindschaften, Lehrer, Nachbarn, Tiere, Pflanzen aus der Erinnerung in das Lexikon. Es finden sich wunderbare Huldigungen für Jean Paul, Walter Kempowski, Franz Fühmann und Heinrich Alexander Stoll. Auch einige Dresdner werden verewigt, darunter Zoodirektor Wolfgang Ullrich, Schriftsteller Ossip Kalenter und Sachsens Ex-Justizminister Steffen Heitmann.

Wenn die DDR ins Spiel kommt, wird sie umschrieben als: Miststück von einem Staat, läppischer Winkel auf der kulturabgewandten Seite der Geschichte, kleines, für seine Fürsorglichkeit berüchtigtes Land. Dann wieder gelingen treffliche Charakterisierungen seiner selbst und seines Schreibens. Er führe ein „Doppelleben als Schriftsteller im Öffentlichen Dienst“, wolle „mit Dornen bewehrte Satzranken züchten“ und habe eine Vorliebe für „partisanenhaft operierende Satzstaffeln von barocker Wucht“. Nicht zu vergessen: die sorgfältige Gestaltung des in Leinen gebundenen Buches, dem die 1963 in Berlin geborene Künstlerin und Comiczeichnerin Anke Feuchtenberger siebenundzwanzig Zeichnungen beigegeben hat, auf denen der Autor in verschiedenen Lebensstufen mitunter zu erahnen ist.

Abwechslungs- und anspielungsreich, voller Kabinettstücke und Winkelzüge, erfindet Wolfgang Hegewald eine literarische Gattung, die er sich vielleicht als „lexikalische Autobiografie“ patentieren lassen sollte.

Wolfgang Hegewald: Lexikon des Lebens. Matthes & Seitz, 367 Seiten, 28 Euro

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