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Montag, 06.08.2018

Wer die Steine nicht ehrt

Der Fotograf Thomas Neumann macht aus kleinen Brocken große Felsen und verwandelt blühende japanische Wälder in kunstvolle grafische Dickichte.

Von Birgit Grimm

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Ein Stein wie ein Gebirge: Ishi B09, 2017 Copyright: VG Bild-Kunst; Foto: Thomas Neumann
Ein Stein wie ein Gebirge: Ishi B09, 2017 Copyright: VG Bild-Kunst; Foto: Thomas Neumann

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Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Thomas Neumann fotografiert mit einer analogen Großbildkamera in steilen Tälern vorzugsweise im Frühling. Die großformatigen Abzüge, hier „Mori 55“ von 2014, erinnern an japanische Tuschemalerei.© VG Bild-Kunst
Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Thomas Neumann fotografiert mit einer analogen Großbildkamera in steilen Tälern vorzugsweise im Frühling. Die großformatigen Abzüge, hier „Mori 55“ von 2014, erinnern an japanische Tuschemalerei. © VG Bild-Kunst

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Es gibt Menschen, die sammeln Steine. Sie nehmen sie mit vom Flussufer und vom Meeresstrand oder von einem Gipfel. Das sind meist keine seltenen Mineralien, sondern nur besondere Formen und vielleicht Erinnerungen an besondere Momente, die auf Fensterbrettern und im Bücherregal einen Platz finden oder in eine Kiste eingesperrt werden. In Japan jedoch werden außergewöhnlich schön geformte Kiesel verehrt, als wären es Juwelen oder hochkarätige Kunstwerke. Sockel und Gestelle werden diesen Steinen gebaut, um sie perfekt in Szene zu setzen.

Japaner lieben vor allem Brocken und Bröckchen, die Landschaften ähneln. Sie nennen sie Suiseki, Gelehrtensteine. Die Prominenz der Sammler, in deren Besitz sie waren oder sind, ihre Form und ihre Ausstrahlung sind Kategorien, die den Wert dieser Gebilde ausmachen.

Was einst die Kräfte der Natur formten, wird zu einem Kultur- und Kultobjekt. Diese Transformation fasziniert den deutschen Fotografen Thomas Neumann. Auf einer Bonsai-Ausstellung entdeckte er diese Gelehrtensteine. Er nahm Kontakt zu den Sammlern auf und begann, die Steine, die unterschiedlich groß sein können, zu fotografieren. Seine Serie „Ishi“ macht aus den Mini-Bergen gewaltige Felsen und großartige Landschaften. Bergsteiger werden in den Fotos vielleicht nach der perfekten Aufstiegsroute suchen. Kunstfreunde könnten an die großformatigen Abbildungen in den schwarzen Schattenfugenrahmen dicht herantreten und scharf von Seite darauf blicken, um sicherzugehen, dass sie Flachware sehen und keine Reliefs.

Thomas Neumann, Jahrgang 1975, stammt aus Cottbus. In Leipzig hat er seinen Zivildienst geleistet und dort auf einen Studienplatz an der Hochschule für Grafik und Buchkunst gehofft. Bekommen hat er ihn schließlich an der Düsseldorfer Kunstakademie. Bei Bernd Becher und Thomas Ruff studierte er Fotografie.

Neumann ist mit einer Japanerin verheiratet und reist immer wieder gern mit ihr in ihre Heimat, 2008/2009 hat er in Japan gelebt. Als im März 2011 ein Erdbeben einen Tsunami auslöste, der das Atomkraftwerk von Fukushima beschädigte, begann Thomas Neumann, als Betroffener aus der Ferne ein fotografisches Tagebuch anzulegen. Darin verbindet er die Nachrichten über diese Dreifachkatastrophe mit Fotografien aus seinem Alltag in Deutschland. Die Arbeit „Märztage“ steht nicht zufällig im Zentrum der Ausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden. Schließlich geht es in den „Japanese Series“ von Thomas Neumann um nichts Geringeres als das Verhältnis des Menschen zur Natur und darum, wie die Natur auf seine Verfehlungen reagiert, ihm seine Schändungen heimzahlt.

Sehr subtil gelingt das dem Fotografen mit seiner Serie „Mori“. Mori bedeutet Wald. Neumann verkehrt in diesen Aufnahmen Positiv und Negativ. Zum einen erinnern seine Bilder an feine Tuschezeichnungen, wie sie in Japan besonders gepflegt werden. Zum anderen haben die Aufnahmen in ihrer schwarzweißen Undurchdringlichkeit etwas Beunruhigendes. Absterbende Natur?

Im Gegenteil: Das Erwachen der Wälder im Frühjahr lockt Thomas Neumann in steile Täler. Was im Bild wirkt, als wäre der Fotograf mit dem Hubschrauber unterwegs gewesen oder wenigstens auf einem Baumwipfelpfad entlangspaziert, ist das Blüten- und Blätterdach der gegenüberliegenden Talseite. Wenn die Bäume weiß und gelb blühen, ergibt das im Negativ jede Menge Schwarz. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen erst, wenn man nähertritt und in ihn eindringt.

Ebenfalls mit Schwarz und Weiß und der monumentalen Vergrößerung erzielt Neumann in der Serie „Figura“ erstaunliche Wirkungen. Er hat historische Schablonen mit grafischen Mustern zum Färben von Kimonos, Katagami, fotografiert. Die stark vergrößerten Muster sind einfach nur geometrisch. Wüsste man nicht, wo sie entstanden, könnte man sie keinem Kulturkreis und keiner Epoche zuordnen.

Doch es gibt auch Aufnahmen der Katagami in Originalgröße, sie sind wie Fotogramme. Von der Flachware zum Objekt werden sie durch ihre kongeniale Präsentation. Der Fotograf benutzt keine Passepartouts und keine Rahmen. Er macht die Katagami-Fotografien mit dunklem Holz zum dreidimensionalen Objekt und lässt sie unverglast in Zeit und Raum schweben.

Ausstellung „Mindscape“ in den Technischen

Sammlungen Dresden, Junghansstr. 1-3;

bis 12. August; Di – Fr 9 – 17 Uhr, Sa/So 10 – 18 Uhr.

Buchtipp: Thomas Neumann „The Japanese Series“

29, 90 Euro, (Englisch).

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