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Donnerstag, 07.06.2018

Welche Magnete ziehen künftig Zuschauer nach Hellerau?

Die neue Intendantin am Festspielhaus stellt sich vor. Ihre Pläne sind spannend, aber auch riskant.

Von Johanna Lemke

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Carena Schlewitt, die neue Intendantin des Festspielhauses in Dresden-Hellerau, will ihr Haus zu einem international ausgerichteten Ort der Live-Künste machen.
Carena Schlewitt, die neue Intendantin des Festspielhauses in Dresden-Hellerau, will ihr Haus zu einem international ausgerichteten Ort der Live-Künste machen.

© Christian Juppe

Das Schlechte am Festspielhaus Hellerau: Es liegt etwas ab vom Schuss. Das Schöne am Festspielhaus Hellerau: Es liegt etwas ab vom Schuss. Ein Inseldasein erfordert besondere Maßnahmen, um Stadtgespräch zu bleiben. Es ermöglicht aber vielleicht auch, Dinge auszuprobieren, die anderswo nicht so leicht umzusetzen sind. Narrenfreiheit, ein bisschen vielleicht. In der über 100-jährigen Geschichte des Theaters am Rande Dresdens ist das künstlerische Experiment zumindest die zentrale Konstante. Eine, die Carena Schlewitt weiter fortführen möchte.

Am Mittwoch stellte die neue Intendantin ihr Programm der nächsten Spielzeit vor. Seit Monaten bastelt sie mit ihrem Team am Programm, nun ist es fertig – und die größte Überraschung ist, dass es keine große Überraschung gibt. Schmuckstücke aus der Tanz- und Theaterszene, spannende Themen und Schwerpunkte findet man, aber nach internationalen Tanzstars, wie Schlewitts Vorgänger Dieter Jaenicke sie beständig nach Dresden gelockt hatte, sucht man im Programm vergeblich.

Geschichte, Umbruch und Zukunft

Es ist aber vielleicht auch nicht der Ansatz des neuen Leitungsteams. Nachdem Hellerau in den letzten Jahren vor allem ein Haus für den Tanz war, sollte nun wieder mehr Musik und Sprechtheater auf dem Hügel stattfinden. Doch die gebürtige Leipzigerin Schlewitt, die zuletzt das Performancehaus Kaserne Basel leitete, ist kein Fan von diesen strikten Trennungen. „Wir wollen ein international ausgerichtetes Haus der Live-Künste sein“, betont Schlewitt, die Grenzen zwischen Tanz, Performance und Theater verstehe sie fließend. Die Eröffnung am 14. September ist in dieser Hinsicht ein Statement: „Krieg und Terpentin“, ein Theaterstück der belgischen Needcompany, arbeitet mit Sprache, Tanz und Musik. Die Mehrheit der geladenen Produktionen changieren zwischen Tanz, Performance und Schauspiel. Themenschwerpunkt ist der Komplex um „Geschichte und Geschichten“. Immer wieder drehen sich die Produktionen um das Thema Erinnerung, gesellschaftliche Umbrüche und den Transfer dieser in die Zukunft.

Paradigmatisch dafür steht „Empire“, am 18. und 19. September, übrigens reines Sprechtheater. Es ist eine nachdenkliche Forschungsreise zu Flucht, Heimat und der Zukunft Europas. Regie führte Milo Rau, einer der meistgefragten Regisseure im deutschsprachigen Raum und Meister der großen politischen Stoffe. Ein weiterer Name fällt ins Auge: die renommierte Choreografin Meg Stuart wird zwei Produktionen zeigen. Doch das war es dann schon mit „Stars“ in der nächsten Hellerau-Spielzeit – wenn man mal von dem Geburtstagskonzert zum 75. von Jazz-Legende Günter „Baby“ Sommer absieht, die am 21. September stattfindet. Gast: Till Brönner.

Chance für die Freie Szene

Es scheint, als sei Namenhuberei für Carena Schlewitt sowieso eher zweitrangig. Stattdessen konzentriert sie sich auf die Förderung der hiesigen Freien Szene. Diese kam in Hellerau bislang vor allem in dem Format Linie 08 vor. Dies wird nun abgeschafft, doch André Schallenberg, Leiter der Tanz- und Theatersparte, betont, man werde die freien Künstler jetzt nicht weniger zeigen, im Gegenteil, sie würden jetzt öfter zu Koproduktionen geladen. Die Künstlerinnen und Künstler der Dresdner Tanzcompany Go Plastic zeigen eine Uraufführung am 22. September. Im November sind die Theatermacher von der Gruppe Theatrale Subversion zu sehen. Mit dem in Dresden lebenden Musiker John Moran soll es eine Zusammenarbeit geben. Die Freie Szene hat in den letzten Jahren laut getrommelt für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Förderung und Aufführungsmöglichkeiten. Das Lärmen scheint sich auszuzahlen: „Wir erhoffen uns mehr nationale und internationale Sichtbarkeit der Dresdner Szene“, sagt Schallenberg. Wie gesagt: Ohne Experiment wäre Hellerau nichts – und ein Experiment, wenn nicht gar Risiko ist es, so stark auf den Nachwuchs zu setzen.

Zumal die wirklichen Publikumsgaranten fehlen: Derevo zum Beispiel kommt im Spielplan nicht mehr vor. Das war absehbar, nachdem die Stadt die Förderung für die Theatergruppe stark zurückgeschraubt hatte. Und es ist auch dringend nötig, dass ein modernes Haus wie Hellerau sich von künstlerischen Altlasten befreit. Die Herausforderung besteht nun darin, neue Magnete zu schaffen, damit sich die Zuschauer auf den Weg machen. Die Linie acht braucht übrigens immer noch 26 Minuten vom Hauptbahnhof auf den Hügel.

Das Internationale Zentrum der Künste Hellerau geht mit Carena Schlewitt in eine spannende neue Ära. Bis dahin gibt es noch einige wenige Gelegenheiten, internationale Stars zu sehen: Am 22. und 23. Juni ist Tanzlegende Louise Lecavallier in Hellerau, am 28., 29 und 30. Juni die großartige Batsheva Company. Dann schließen sich die Türen nach der fulminanten Intendanz von Dieter Jaenicke und gehen hoffentlich mit viel Schwung im September wieder auf.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Dresdnerin II

    Erst 2 Jahre Vorfreude aufs nächste Tonlagenfestival im Herbst und nun noch mal 1/2 Jahr bis März warten. Frau Schlewitt versteht es, einen auf die Folter zu spannen! Ab dann zum Glück wieder jährlich.

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